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Elektrisierender Krieg

Die letzten Tage der Nacht - STIL GbR Simon Bertling, Graham Moore, David Nathan

Der Kampf gegen die Dunkelheit ist gewonnen seit die Glühbirne erfunden ist. Doch damit bricht in den USA ein elektrisierender Krieg zwischen George Westinghouse und Thomas Alva Edison aus, der sich um die Frage dreht, wer der wahre Erfinder der Glühbirne ist.

Erfindungen verändern die Gesellschaft. Während sie manchmal nur träge ihren Platz im Alltag einnehmen, bringen andre von einem Moment auf den anderen Licht in die Dunkelheit. Zwar kann man sich vorstellen, dass ein Erfinder seine Wunder vollbringt, allerdings kaum, welcher Wirbel damit - zumindest bei der Glühbirne - einhergegangen ist. 

Graham Moore verpackt in diesem historischen Roman die Stromgiganten des 19. Jahrhunderts, denen wir nach wie vor verdanken, dass uns in den Abendstunden ein Licht aufgeht.

Die Geschichte wird aus der Perspektive von Paul Cravath erzählt. Er ist ein junger Anwalt, der von George Westinghouse angeheuert wird. Von seinem Können überzeugt, widmet er sich hingebungsvoll der neuen Aufgabe, die ihn mitten ins elektrisierende Geschehen um Edison, Westinghouse und sogar Nikola Tesla wirft.

Der Autor hat mit der Figur Cravath eine gute Perspektive gewählt, um Licht auf die beteiligten Personen zu werfen. Durch den Einsatz des Anwalts und der Ich-Perspektive schafft es Moore, ihn als Drehscheibe der Ereignisse zu verwenden, indem er in ins Zentrum der Erzählung rückt. Dabei hat es mir seine persönliche Entwicklung weniger angetan. Man merkt ihm an, dass er eben seine Rolle im Gesamtbild zu erfüllen hat und nur darin seine Existenzberechtigung als Figur liegt. 

Besonders gut hat mir hingegen die Darstellung von Nikola Tesla gefallen. Er wird als wirrer, genialer Geist geschildert, dem man trotz seiner chaotischen Art einfach ins Herz schließen muss.

Die Erzählung umfasst mehrere Jahre und ist schon fast im epischen Stil angelegt. Manchmal wurden mir zu lange Zeitspannen übersprungen, worunter die Spannung und vor allem die Atmosphäre gelitten hat. Denn so ganz konnte ich den Erfindergeist, die Begeisterung und die feindliche Gesinnung nicht spüren, obwohl sie im Roman selbst immer wieder zur Sprache kommen. 

Ich fand es allerdings sehr spannend von den Hintergründen des Stromdebakels zu erfahren. Westinghouse und Edison haben sich eine ordentliche Schlacht geliefert und dabei sogar unfaire Mittelchen eingesetzt. Außerdem wird beleuchtet, welche weiteren technischen Errungenschaften auf diese beiden Herren zurückzuführen sind und wie damals Ideen-Fabriken aus der Taufe gehoben wurden. 

Sprecher David Nathan leiht der Hörbuchversion seine Stimme, die in gewohnter Qualität fesselnd und angenehm zu hören ist. 

Graham Moore hat mit „Die letzten Tage der Nacht“ einen historischen Blick auf die Vergangenheit geworfen, die nach wie vor den Alltag unserer Gegenwart prägt. Meiner Meinung nach handelt es sich trotz der genannten Abstriche um ein bemerkenswertes (Hör-) Buch, das bei Interesse unbedingt gelesen werden muss.

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Wer ist der dritte Mann?

Der dritte Mann: Roman - Graham Greene, Hanns Zischler, Nikolaus Stingl

Nachkriegszeit in Wien. Die Stadt ist in vier Besatzungszonen eingeteilt, notwendigste Güter sind rar und es ist genau die richtige Zeit, um sich am Schwarzmarkt eine goldene Nase zu verdienen. Rollo Martins wird von seinem Freund Harry Lime in dieses Wien eingeladen, allerdings kommt er nur mehr zu dessen Begräbnis zurecht.

„Der dritte Mann“ ist ein Filmklassiker, den viele allein aufgrund der berühmt-berüchtigten Filmmusik - der Zither-Melodie - kennen. Deshalb hat es mich gejuckt, zur Buchvorlage zu greifen und dem Tod von Harry Lime auf den Grund zu gehen.

Tragende Themen sind natürlich die Nachkriegszeit, der Schwarzmarkt, die Besatzer und welche Konsequenten diese Konstellation für die Menschen bedeuten. Denn für Gauner und Ganoven sind Zeiten des Mangels die Gelegenheit, um als Schieber am eigenen Vermögen zu arbeiten. Gepaart mit einem Hauch Agenten-Charme und einer Prise Emotion ergibt sich daraus ein interessanter Krimi, der sich nicht nur sehen sondern auch lesen lässt.

Rollo Martin kommt also nach Wien, um seinen Freund Harry Lime aufzusuchen. Allerdings ist Harry Lime zu diesem Zeitpunkt schon tot und wird am Wiener Zentralfriedhof beigesetzt. Der schockierte Rollo Martin kann den Unfalltod seines besten Freundes nicht einfach so hinnehmen und geht eine eigene Untersuchung an. Schnell stellt sich heraus, dass ein mysteriöser dritter Mann beteiligt war, den Rollo unbedingt finden will.

Besonders gut gefällt mir, wie Graham Greene das komplizierte Wesen dieser Zeit einfängt. Wien ist von Amerikanern, Briten, Franzosen und Russen besetzt, und allein die Verständigung der Alliierten untereinander ist eine wahre Herausforderung. Ermittlungstätigkeiten sind meist nur in der eigenen Zone möglich, Kooperationen werden rigoros abgelehnt, es wird der eigene Wille durchgesetzt und wenn es hart auf hart kommt, wird lapidar die Sprachbarriere mit einem Schulterzucken als Ursache vorgeschoben. 

In diesem Wien versucht Rollo Martin den Tod seines Freundes aufzuklären, weil er nicht fassen kann, dass dieser nicht mehr am Leben ist. Dabei kommt er Schmugglern auf die Spur und landet kurzerhand selbst in der Gefahrenzone.

Außerdem nimmt die Handlung sehr charmante Züge an, weil Rollo Martin in interessante Situationen schlittert, die er für sich nutzen kann.

Leider merkt man diesem Buch an, dass es von Vornherein als Filmvorlage geschrieben wurde. Es ist zwar nicht unbedingt als Drehbuch verfasst, trotzdem sind mir viele Passagen zu skizzenhaft. Graham Greene geht nur auf Schlüsselszenen besonders ein, die Umgebung wird großteils vernachlässigt und die Tiefe der Figuren ist teilweise mangelhaft. Meist habe ich es als Aneinanderreihung von Filmszenen empfunden, obwohl die Geschichte an sich großartig ist. Greene geht schon im Vorwort auf diesen Umstand ein, sodass der Erzählstil eigentlich keine Überraschung ist:

„Der dritte Mann wurde nicht geschrieben, um gelesen, sondern nur, um gesehen zu werden.“ (S. 9)

Ich finde es sehr schade, dass „Der dritte Mann“ dadurch an Atmosphäre und Tiefe verliert, weil es eine wahnsinnig gute, spannende Geschichte ist. Sie lebt von der Nachkriegszeit, dem Agenten-Charme und von der Wiener Szenerie, wobei die Stadt an sich nicht unbedingt gut wegkommt:

„Ich habe Wien zwischen den Kriegen nicht gekannt, und ich bin zu jung, um mich an das alte Wien mit seiner Strauß-Musik und seinem verlogenen oberflächlichen Charme zu erinnern; für mich ist es einfach eine Stadt aus würdelosen Ruinen …" (S. 16)

Nichtsdestotrotz kann ich diese Buchvorlage zu „Der dritte Mann“ jedem ans Herz legen, der diesen Filmklassiker im ganz persönlichen Kopfkino erleben will, weil sie trotz mancher Abstriche durch und durch lesenswert ist. 

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Eine (fast) perfekte Dystopie

Flawed - Wie perfekt willst du sein? - Cecelia Ahern

Celestine lebt in einer perfekten Welt. Auch sie selbst ist gutaussehend, beliebt und schaut freudig einer großartigen Zukunft entgegen. Bis sie sich in einem unbedachten Augenblick gegen das perfekte System stellt und ab sofort moralisch als fehlerhaft gilt. Denn Fehler sind in ihrer Welt nicht erlaubt und wer sie begeht, hat seine Zukunft verspielt.

Obwohl Cecelia Ahern für ein ganz anderes Genre steht, hat sie mit „Flawed. Wie perfekt willst du sein?“ eine beeindruckende Dystopie geschrieben. Im Gewand des All-Age-Romans geht die Autorin dem Perfektionswahn unserer Gesellschaft auf den Grund, warnt vor einer oberflächlichen Gleichschaltung und zeigt, dass wir Menschen nicht ohne Makel sind und genau deshalb aus unseren Fehlern lernen können.

Celestine lebt in einem befremdlichen System, das unseren gar nicht so unähnlich ist. Menschen haben perfekt zu sein, sie dürfen sich keine Fehler erlauben und beobachten sich gegenseitig mit Argusaugen, damit es auch so bleibt.

Manche Elemente dieses Systems erinnern mich an den Nationalsozialismus. Dabei finde ich es gut, wie Cecelia Ahern darauf eingeht, wie rasch ganze Personengruppen stigmatisiert und aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden, weil man sich wie ein blökendes Schaf an die Herde hält, anstatt selbst zu urteilen.

Allerdings bin ich mit der Umsetzung dieser perfekten Regeln in einem makellosen System nicht vollständig zufrieden. Mir hat sich nicht ganz erschlossen, was diese Regeln beinhalten, wie weit sie gehen und wie man danach zu handeln hat. Beispielsweise geht es manchmal um das äußere Erscheinungsbild, das den Menschen Perfektion abverlangt, gleichzeitig spielt es bei manchen Personen aber nur eine untergeordnete Rolle. Dann ist es nicht erlaubt, einer fehlerhaften Person zu helfen, dennoch wird diese Regel öfter überschritten, was mir in Anbetracht der möglichen Folgen als eher unwahrscheinlich erscheint. Ich hatte den Eindruck, dass dieses Regelwerk nicht konsequent umgesetzt wird, sondern eben dann zum Einsatz kommt, wenn es der Handlung zugänglich ist.

Celestine ist eine gut ausgearbeitete Figur, die aufgrund eines unbedachten Moments ihr Leben auf’s Spiel setzt. Als Verfechterin der gesellschaftlichen Perfektion aufgewachsen, hätte sie sich niemals träumen lassen, dass sich dieses System einmal gegen sie wenden kann. Dadurch lernt sie aber, sich selbst Gedanken darüber zu machen. Sie merkt, dass man nicht nur in Schwarz und Weiß denken kann, sondern es zahlreiche Grauschattierungen gibt.

Die Handlung und Erzählweise haben mich von der ersten Seite in Celestines Welt gezogen. Zuerst erhält man einen kurzen Einblick in die Konstellation der Figuren und wird plötzlich aus einer gemütlichen Atmosphäre, hinein in das knallharte System der Perfektion katapultiert. Anderen Dystopien sehr ähnlich, erkennt man gemeinsam mit Celestine was im Argen liegt und greift infolge die politische Führerschaft an, was spannend, interessant und sehr gut zu lesen ist.

Wer gerne zu Dystopien greift, wird an „Flawed. Wie perfekt willst du sein?“ nicht herumkommen. Man sollte jedoch bedenken, dass die Autorin das Genre nicht neu erfunden hat, sondern ihrer Interpretation einfach eigene Ansätze zugrunde legt.

Meiner Meinung nach handelt es sich bei diesem Dilogie-Auftakt um eine gute Dystopie, die unserer Gesellschaft einen Spiegel vor Augen hält, dem Leser mit einem perfekten Lächeln entgegenblickt und dabei gelbe Zähne aufblitzen lässt.

 
 
Die Dilogie:
1) Flawed. Wie perfekt willst du sein?
2) Perfect. Willst du die perfekte Welt?
Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Oberinspektor Staves 3. Fall

Der Fälscher - Cay Rademacher

Hamburg 1948. Die Nachkriegswehen erstrecken sich weiterhin über das Land. Die Menschen sind ausgezehrt, die braunen Flecken machen zu schaffen und der Schwarzmarkt ist oft die einzige Möglichkeit, um einigermaßen durch’s Leben zu kommen. Inmitten dieser Tristesse lässt sich Oberinspektor Stave von der Mordkommission ins Chefamt S versetzen, wo er ab sofort Schmuggelware im Visier hat. Allerdings haben Trümmerfrauen in einer Ruine nicht nur herrenlose Kunstwerke sondern auch eine Leiche entdeckt …

Es handelt sich hierbei um den dritten Fall von Oberinspektor Frank Stave, der im gebeutelten Nachkriegsdeutschland seine Ermittlungen in Hamburg angeht. Weniger die kriminalistischen Züge sondern eher die eindrucksvolle Kulisse von Hamburg nach dem 2. Weltkrieg zeichnet nicht nur diesen Band, sondern die gesamte Reihe aus.

Bei Staves 3. Fall geht es um Kunstwerke und eine Leiche, die in den Trümmern einer Brandruine gefunden werden. Gewissenhaft geht der erprobte Inspektor die Ermittlungen an, kümmert sich um kleinste Hinweise und Widersprüche, und trotzt manch rauem Wind, der ihm in den eigenen Reihen entgegen schlägt.

Der Fall an sich ist sehr bescheiden angelegt und die Ermittlungen empfand ich als eingestreut, damit doch noch von einem Krimi die Rede sein kann.

Eindrucksvoll erlebt man mit Frank Stave wie sich Deutschland langsam aus den Trümmern hebt. Bald soll neues Geld eingeführt werden, wodurch sich Hoffnung und Angst gleichermaßen ausbreiten. Die Menschen sind an Entbehrungen gewöhnt, wissen sich im Alltag dennoch zu helfen und holen trotzdem noch immer das Beste aus ihren Möglichkeiten, weil es irgendwie weitergehen muss.

Ich mag den Blick, den Cay Rademacher dem Leser auf diese Zeit schenkt. Bei allen Teilen der Reihe hatte ich das Gefühl, aus erster Hand von diesen entbehrungsreichen Zeiten erzählt zu bekommen, von Zeitzeugen zu erfahren, wie sie sich aus den Trümmern ihrer Stadt, des Krieges und einer Gesellschaft erheben, dabei ängstlich und hoffnungsvoll zugleich einer ungewissen Zukunft entgegen blicken. 

Frank Stave ist ein außerordentlich sympathischer Charakter. Er ist ein ruhiger Mann, der sich auf seinen Beruf versteht, gleichzeitig mit seiner eigenen Rolle im Dritten Reich zu kämpfen hat und sich gerade deshalb hartnäckig an seine Ermittlungstätigkeit hält. 

Durch ihn erlebt man die Sorgen und Nöte dieser Zeit, hat den Geschmack von Ersatzkaffee im Mund, fragt sich, wie man an neue Schuhe kommen soll, oder spaziert quer durch die Stadt, weil es kein anderes Beförderungsmittel gibt.

Gleichzeitig sind bei „Der Fälscher“ der Abschied vom Grauen und der Anfang einer neuen Ära absehbar. Man merkt, dass die Stadt langsam auf die Beine kommt und sich die Alliierten zurückziehen. Dabei wird auf gesellschaftliche Veränderungen und neue Sichtweisen eingegangen. Es zeigt, wie sich die Menschen letztendlich von Deutschland wie es war verabschieden und die Verbrechen verarbeiten, die sie begangen haben.

Obwohl die ersten beiden Teile unabhängig voneinander gelesen werden können, sollte man bei diesem Band doch die Vorgänger kennen, weil man ansonsten die Entwicklungen zwischen den Figuren nicht ganz versteht.

Ich habe „Der Fälscher“ als schwächsten Teil der Reihe empfunden, weil der Fall an sich eher beiläufig abgehandelt wird. Meiner Meinung nach handelt es sich dennoch um einen guten historischen Roman, der authentisch wirkt und lesenswert ist. 

 
 
Bisher erschienen:
1) Der Trümmermörder
2) Der Schieber 
3) Der Fälscher
Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Science-Fiction-Klassiker für Genrefreunde

Die Zeitmaschine: Eine Erfindung. Roman. Vollständig. Neu übersetzt von Hans-Ulrich Möhring. Mit einem Nachwort zu Leben, Werk und Wirkung von Elmar Schenkel (Fischer Klassik) - Elmar Schenkel, Hans-Ulrich Möhring, H.G. Wells

Ende des 19. Jahrhunderts. Bei einer abendlichen Gesellschaft erzählt ein Erfinder, wie es ihm bei einer Zeitreise in die Zukunft ergangen ist und stößt damit auf Unglauben, weil es doch zu fantastisch klingt.
„Die Zeitmaschine“ ist die Science-Fiction-Geschichte schlechthin. H.G. Wells lässt seinen Zeitreisenden aus erster Hand berichten, wie er in der Zukunft auf seltsam entwickelte Menschenrassen trifft, sich das Universum und die Welt verändern, und warum er meint, sich noch einmal in die gewisse Zukunft begeben zu müssen.

H.G. Wells geht in seiner Geschichte auf die Möglichkeiten und den Erfindungsgeist der Menschheit ein und fragt, wie sich der beschleunigende Fortschritt auf zukünftige Gesellschaften auswirken wird.

Die Erzählung an sich ist schaurig und mysteriös. Der Zeitreisende speist mit anderen angesehenen Herren zu Abend und erzählt, was sich auf seiner Reise durch die Zeit ereignet hat. Dabei berichtet er von den Elois und den Morlocks, die eigentlich gar keine Menschen mehr sind, wie er um sein Leben bangt, und welche Theorien er den künftigen Entwicklungen zugrunde legt.

Man merkt, H.G. Wells geht es von mehreren Seiten an. Er lässt den Leser an einer abenteuerlichen Geschichte teilhaben, die manches Mal sogar Horror-Elemente aufblitzen lässt. Es stellt sich Gänsehaut auf, man spürt die Bedrängnis, in der sich der Zeitreisende befindet und hofft, dass er der schaurigen Situation noch entkommen kann. Dabei streut er furchterregende Vorstellungen ein, die selbst den Zeitreisenden aus den Schuhen heben.

Gleichzeitig legt der Autor eine theoretische Betrachtung zugrunde, die den Zeitreisenden in die Zukunft begleitet. Er beschäftigt sich mit Theorien, welche die Zeit als 4. Dimension ansehen, die dem Menschen bisher nur verborgen ist, spekuliert, wie sich die Gesellschaft verändern wird und welche Zusammenhänge dahinter sind.

Die Erzählweise hat viel von einem Abenteuerroman, der durch die Überlegungen des Zeitreisenden etliche wissenschaftliche Ansätze enthält, sich aber spannend und flüssig lesen lässt. Dabei ist das Weltbild der Entstehungszeit deutlich erkennbar, weil der Zeitreisende doch sehr in Klassen denkt. 

In dieser Ausgabe befinden sich im Anhang noch weitere Einblicke in H.G. Wells Welt, die teilweise interessant zu lesen, wenn auch für mich nicht unbedingt nötig sind.

Meiner Meinung nach ist „Die Zeitmaschine“ ein Science-Fiction-Klassiker, den jeder Genrefreund unbedingt einmal lesen sollte, um gemeinsam mit dem Zeitreisenden der Zukunft und dem Ende der Welt gespannt entgegenzutreten. 

 

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Anhaltende Gruselstimmung

SCAR: Roman - Lucky McKee, Jack Ketchum, Kristof Kurz

Delia Cross ist gerade mal 11 Jahre und auf dem Weg zum gefeierten Fernsehstar. Unglücklich, vom alles verzehrenden Ehrgeiz der Mutter getrieben, hält sie sich an ihrer Hündin Caity fest, in der sie mehr als den Familienhund sieht. Doch dann zerstört ein furchtbarer Unfall ihr Gesicht und selbst jetzt lassen ihr die mütterlichen Ambitionen keine Ruhe und sie steht erst recht wieder im Rampenlicht.

Obwohl dieser Roman im Heyne-Hardcore-Label erschienen ist, handelt es sich keineswegs um einen brutalen Horrorroman sondern um ein vielschichtiges Werk mit leisen Tönen, Mysteryelementen und einer Familiengeschichte. 

Im Vordergrund der Handlung steht zuerst die Freundschaft von Delia und ihrem Hund Caity. Obwohl Caity eigentlich der Familienhund sein sollte, hat sie an Delia einen Narren gefressen und diese Begeisterung beruht auf Gegenseitigkeit. Sie sind beste Freunde und für Delia ist Caity ihr Lebensinhalt.

Genauso wird der Alltag eines Kinderstars thematisiert. Delia wird vom furchteinflößenden Ehrgeiz ihrer Mutter getrieben. Tanz- und Musikstunden, hier ein Vorsprechen, da ein Drehtermin - im Showbusiness hat man es nicht leicht, schon gar nicht, wenn man ein kleines Mädchen ist. 

Der Horror steckt nicht im Roman, sondern in der Realität. Es ist furchtbar, wie Delia von ihrer Familie - in erster Linie von ihrer Mum - angetrieben wird. Sie nimmt ihr jeden Funken Normalität, geht bis zum Äußersten und lässt sich dabei die Sonne auf den Bauch scheinen, ohne das Mädchen nur einmal zu fragen, was sie überhaupt will. 

Etwas im Hintergrund, aber ebenso wichtig, ist das Familienleben der Cross’. Der Vater und der Bruder nehmen eher Nebenrollen ein, die aber das Gesamtbild von Delias Umfeld wunderbar abrunden und der Handlung eine tiefere Note geben.

Die Handlung ist großartig und nicht einfach zu durchschauen. Mehrere Male wurde ich an der Nase herumgeführt und stellte überrascht fest, dass ein unerwarteter Weg eingeschlagen wird. Gleichzeitig hat mich die dichte Atmosphäre überzeugt. Es ist großartig, mit Delia in ihrer Welt zu versinken, ihrer Hündin Caity durch’s Fell zu kraulen, gemeinsam mit ihr nach Sternschnuppen zu schauen oder den Erwachsenen rundherum auf subtile Art einen Spiegel vorzuhalten.

Hier darf man allerdings keine Schwarzweißmalerei erwarten, sondern das Autorenduo hat auf grandiose Weise mit den Grauschattierungen der Realität gespielt. Sie zeigen, wie aus guten Vorsätzen oder der Not heraus ganz langsam eine furchtbare Situation entsteht, die als solche gar nicht gleich zu erkennen ist.

Die Tiefe der Figuren, die Dichte der Erzählung und die andauernde Spannung haben diesen Roman zu einem richtigen Highlight gemacht. Obwohl der Horror nicht in genreüblichen Elementen liegt, bauen die Autoren eine anhaltende Gruselstimmung auf, aus der es kein Entrinnen gibt. Es war mir eine Freude, Delia Cross und ihre Hündin Caity kennenzulernen, und ich kann dieses Werk mit Begeisterung weiterempfehlen.

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Eine Galaxie, neun herrschende Planeten & eine sehr bescheidene Umsetzung

Rat der Neun - Gezeichnet - Veronica Roth, Petra Koob-Pawis, Michaela Link

Nicht nur die Welt, sondern eine ganze Galaxie wird von Gewalt und Rache beherrscht. In diesem Universum hat jeder Mensch eine besondere Gabe und manche haben ein Schicksal, dem sie sich fügen müssen. Außerdem gibt es Orakel, die die Zukunft gestalten, der man kaum entkommen kann.

Bei „Rat der Neun. Gezeichnet“ handelt es sich um einen Reihenauftakt, der die Unterdrückung von Völkern, große Politik, den Herausforderungen der Diplomatie gepaart mit Science-Fiction-Elementen behandelt.

Unvorbereitet findet man sich in dieser Galaxie, die mit ihrer komplexen Geschichte, ihren schwer zu durchschaubaren Regeln und fremden Riten schwierig zu fassen ist. Ich wusste von Vornherein, dass man der Handlung und der Geschichte Zeit geben muss und so habe ich mich gerne darauf eingelassen.

Allen voran stehen die Figuren Akos und Cyra, deren Völker verfeindet sind. Akos landet bei Cyras Volk in Gefangenschaft und so erfährt der Leser aus beiden Perspektiven, wie die Geschichte weitergeht.

Akos ist ein überlegter, optimistischer und sehr beharrlicher Typ. Er gibt nicht auf, macht, was zu machen ist, und sieht in allem das Gute, anstatt sich mit dem Schlechten auseinanderzusetzen.

Cyra ist fast das Gegenteil, auch wenn es nur äußerlich so scheint. Denn sie kann genauso beharrlich sein, setzt aber auf eine aggressivere Art ihren Willen durch.

Es werden abwechselnd die Perspektiven der beiden Protagonisten eingenommen.Schon allein der Erzählstil ist manches Mal eine Herausforderung. Während Cyra in der Ich-Perspektive zu Wort kommt, werden Akos’ Passagen in der dritten Person erzählt. 

Ich wusste beim Lesen, dass die Figuren Tiefe und Charakter haben, jedoch hatte ich das Gefühl, als ob mich die Autorin bewusst auf Abstand hält. Es fiel mir schwer, Akos und Cyra kennenzulernen, mich auf sie einzulassen und mit ihnen mitzufiebern. Ich habe ihre gemeinsame Geschichte seitenweise als sehr zäh empfunden und es kam mir oft wie die chronologische Abhandlung unbedeutender Ereignisse vor, bis mal so nebenbei eine Schlüsselszene Erwähnung fand.

So kommt es, dass ich mich nach einem fulminanten Einstieg über hunderte Seiten hinweg gequält habe, weil ich doch hoffte, dass es besser wird. Besser wurde es auf jeden Fall, denn das letzte Viertel hatte es in sich, war richtig gut und endlich ist auch das Kopfkino gelaufen, was trotzdem das Mühsal mit den vorherigen Passagen nicht vergessen gelassen hat.

Es ist schwierig in Worte zu fassen, was hier genau nicht funktioniert hat. Für mich hat es sich angefühlt, als ob die Autorin auf Zwischentöne verzichtet hat, den Leser mit den Fakten ihrer Geschichte erschlägt, sich auf Ursache-Wirkung beschränkt und ihn einfach nicht an der wahren Komplexität ihrer Handlung teilhaben lassen kann. 

Extrem gut hat mir dafür die Welt gefallen, in die mich die Autorin verfrachtet hat. Eine Galaxie, neun herrschende Planeten, Lebensgaben und Schicksale - faszinierender könnte es nicht sein. Doch leider gerät dieser außergewöhnliche Rahmen zum nebulösen Hintergrund, den man sich anfangs hart erarbeiten muss und zum Ende hin eigentlich vergessen kann, weil er gar nicht so wichtig ist.

Es fällt mir sehr schwer, dieses Buch so bescheiden zu bewerten, weil ich Veronica Roth als Autorin schätze und ich das Szenario der Rat-der-Neun-Reihe großartig finde. Trotzdem ändert es nichts daran, dass ich mich durch gut drei Viertel dieses Buchs gequält habe und zum Schluss nur noch mit einem passablen Ende und etlichen offenen Fragen bei der Stange gehalten wurde.

Veronica Roth hat mit ihrem Reihenauftakt „Rat der Neun. Gezeichnet“ einen großartigen Rahmen geschaffen. Sie vereint Science-Fiction-Elemente im düsteren dystopischen Gewand mit übernatürlichen Fähigkeiten und dem Kampf zwischen Völkern, die unterschiedlicher nicht sein könnten und sich doch so ähnlich sind. Allerdings hat mich die Autorin einfach nicht packen, mich nicht für sich gewinnen und leider auch nicht an ihre Figuren fesseln können, was mich noch immer sehr traurig macht.

Meine Empfehlung in diesem Fall ist, sich selbst ein Bild - eventuell anhand der Leseprobe - vom „Rat der Neun“ zu machen, denn ich bin mir sicher, dass es vielen anderen besser gefällt.

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Theatralisches Experiment

Hexensaat: Roman (German Edition) - Margaret Atwood, Brigitte Heinrich

Theaterregisseur Felix ist ein Star der Szene und für seine Avantgarde-Haltung bekannt. Doch bevor er seinen beruflichen Höhepunkt erreicht, wird er von seinen engsten Mitarbeitern hintergegangen. Er zieht sich - gedemütigt - aus dem Showbusiness zurück. Jahre später geht er wieder die Inszenierung von Theaterstücken - in einem Gefängnis - an und ahnt nicht, dass dies die Gelegenheit für seine Rache werden wird.

In „Hexensaat“ verneigt sie sich die Autorin vor einem ganz Großen ihrer Zunft. Sie adaptiert William Shakespeares „Der Sturm“ und geht dabei ihren ganz eigenen Weg dieser schillernden Geschichte an. Tragende Thematik ist die Rache in all ihren Facetten. Rache, wie sie unterschwellig lodert, zum Durchhalten anregt, Pläne schmieden und Unvorstellbares zuwege bringen lässt. 

Gleichzeitig behandelt sie Inszenierung und Illusion. Es geht um Geschichten, die bewegen, und die Künstler, die sie in Bewegung bringen. Sie beschreibt Gefängnisse, aus denen es scheinbar keinen Ausweg gibt, die man aber durch die Kraft von Kunst überwindet, weil uns diese nichts und niemand nehmen kann.

Ich bin mir sicher, dass dieses Werk von Margaret Atwood weitaus hingebungsvoller, literarisch vielschichtiger interpretiert werden kann, und beschränke mich nun auf meinen laienhaften Leseeindruck, der zwar nicht dem Werk aber hoffentlich dem Roman gerecht werden kann.

Wer Margaret Atwood kennt, weiß, dass man sich gemeinsam mit der großen kanadischen Erzählerin weitab vom üblichen Schema bewegt. Diesmal hat sie mir eine verrückte Geschichte von einem rachsüchtigem Theaterregisseur erzählt.

Felix ist ein schräger Kauz. Er ist ein Künstler par excellence. Zurückhaltend, aufbrausend, bedacht und zugleich absolut durchgeknallt. Die Intrige seiner Mitarbeiter macht ihm schwer zu schaffen. Außerdem knabbert er an einer privaten Tragödie und sehnt sich nur mehr danach, Shakespeares „Der Sturm“ im Theater in Szene zu setzen. Trotzdem zieht er sich erstmal aus dem öffentlichen Leben zurück, weil er weiß, dass in der Ruhe die Kraft für seine Inszenierung und Rache liegt.

All das führt ihn zu einem theatralischen Experiment, das er mit Gefängnisinsassen vollbringt. Und dieses Experiment gehen Felix und Margaret Atwood gleich auf mehreren Ebenen an.

Margaret Atwood hat Shakespeares „Der Sturm“ auf unterschiedlichen Wegen auf ihr Werk übertragen. Zuerst ist die Handlung selbst an dieses Werk angelehnt, dann spielt es als Theaterstück an sich eine Rolle darin und außerdem hat sie die wichtigsten Themen von Shakespeares Leben selbst übernommen, womit sie sich vor dem wohl größten Theatermacher verneigt und ihm ihren Respekt entgegenbringt.

Der Schreibstil ist einfach und trotzdem facettenreich. Man kann es einfach runterlesen oder dabei innehalten. Man kann sich Atwoods Roman erzählen lassen oder die literarischen Hintergründe erforschen. Oder man kann es einfach genießen, mal eine völlig andere Geschichte in den Händen zu halten.

Mir hat Atwoods Interpretation und Übertragung Shakespeares in unsere moderne Zeit sehr gut gefallen. Zeitweise war es mir etwas zu abgedreht, was wahrscheinlich an der Originalvorlage liegt. Den modernen Schliff bekommt „Der Sturm“ durch den Schauplatz unserer Gegenwart, der sogar Lyrik in Rap umschlagen lässt. Ich mag daran, dass es - obwohl es auf einer alten Geschichte basiert - etwas völlig anderes ist und Margaret Atwood erneut beweist, dass sie zu den ganz Großen zählt.

Man muss sich nicht unbedingt für Shakespeare interessieren um dieses Werk zu mögen, jedoch sollte man für Literatur und Neues offen sein, damit man diesen Roman richtig genießen kann.

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Ein grausamer Mittelband

Memento - Die Feuerblume  - Julianna Baggott

Pressia lebt in einer abstoßenden Welt, die schlimmer kaum sein könnte. Die menschliche Zivilisation wurde von Bomben zerstört, Gefahren gibt es seither überall und jene, die überlebt haben, sind grausam entstellt.

Es handelt sich um den 2. Teil der Memento-Trilogie von Julianna Baggott, der mir genau wie Band 1 unter die Haut gegangen ist.

Tragende Thematik ist meiner Meinung nach die Gefahr wissenschaftlicher Entwicklungen, wenn eine laufende Verbesserung des Menschen angestrebt wird, ohne die möglichen Konsequenzen zu bedenken. Julianna Baggott beschreibt in ihrer Dystopie, wie Fortschritte unbedacht Einsatz finden und damit die gesamte Menschheit an den Abgrund drängen.

Nachdem die Gruppe um Pressia im 1. Band das Militärregime kurzfristig besiegt hat, liegt es an ihnen, eine Armee aufzubauen. Denn das Kapitol soll gestürzt werden und gleichzeitig haben sie ein mysteriöses Serum entdeckt, das vielleicht ihre Rettung ist.

Wie auch im ersten Band wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, was einerseits für Dynamik sorgt, andrerseits etwas zerfleddert wirkt und die Orientierung erschwert.

Gemeinsam mit Pressia, Bradwell, El Capitán, Lyda oder Patridge verfolgt man die jeweiligen Entwicklungen, was für mich zu viel gewesen ist. Zwar erhält man durch die Perspektivenwechsel ein rundes Bild und weiß, wie die Handlungen der Personen ineinander greifen, allerdings wäre ich oft gern länger bei einer Figur geblieben und hätte die Geschehnisse weiterverfolgt.

Der Einstieg ist mir aufgrund der Perspektivenvielfalt schwer gefallen und ich musste anfangs immer nachdenken, wer mit wem aus welchem Grund in Beziehung steht.

Auch die Handlung konnte mich zu Beginn nicht ganz überzeugen, weil es sehr lange dauert, bis sie an Fahrt gewinnt. Mir war lange nicht klar, was die Figuren überhaupt bezwecken bzw. wie sie nun vorgehen wollen und so dümpelt alles etwas vor sich hin. Ungefähr ab der Mitte bin ich wieder in Pressias Welt angekommen und ab da ist es interessant geworden. Geheimnisse werden aufgedeckt, unglaubliche Motive werden enttarnt und man erhält Hinweise, was damals vor bzw. bei der Explosion wirklich vorgefallen ist.

Julianna Baggotts dreiteilige Dystopie unterscheidet sich meiner Meinung von anderen Werken, weil sie so schonungslos ist. In dieser Welt hat es einst eine Explosion gegeben, die furchtbare Auswirkungen auf Tiere und Menschen hat, und zu abstoßenden Deformationen führte. Pressia hat zum Beispiel eine Puppe als Hand, Bradwell ist bei der Explosion mit Vögeln verschmolzen und manche Menschen wurden bei der Explosion richtig zusammengeschweißt. Nur die Menschen im Kapitol sind „rein“, also unversehrt, geblieben, was die Grundlage dieser Dystopie ist.

Mit dieser grausamen Welt hat mich Julianna Baggott zum zweiten Mal in ihren Bann gezogen, auch wenn ich mir gerade zu Beginn sehr schwer getan habe. Ebenso fassungslos wie beim ersten Band bleibe ich zurück, und bin gespannt, welche drastische Vorstellungen sich die Autorin für den Abschlussband ausgedacht hat.

 

 

Die Memento-Trilogie:
1) Memento. Die Überlebenden [Rezension lesen]
2) Memento. Die Feuerblume
3) Memento. Der Neubeginn
Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Ein Irland-Epos beginnt

Die Herren der Grünen Insel - Kiera Brennan, Reinhard Kuhnert

Irland 1166. Von einem irischen Reich kann nicht die Rede sein, denn die Gebiete der Insel sind vieler Herren untertan. Langjährige Kriege, blutige Fehden und grausame Machtkämpfe prägen die Geschichtsschreibung bis sich die Herren der Grünen Insel einem neuen Feind gegenübersehen: Henry Plantagenet strebt die alleinige Herrschaft über Irland an. Werden sich die irischen Herren vereinen und gemeinsam diesem Feind entgegen treten?

Kiera Brennan hat mit „Die Herren der Grünen Insel“ einen beeindruckenden Epos und Reihenauftakt begonnen. Die Autorin beleuchtet die Zustände in Irland, geht auf familiäre und politische Verstrickungen ein und zeigt, dass das Spiel um Macht und Ehre Geschichte geschrieben hat.

Irlands Geschichte wird aus mehreren Perspektiven erzählt, dabei nimmt man als Leser bzw. Hörer die Sicht der unterschiedlichen Familien und ihren Vertretern ein. Ascall, der gefürchtete Krieger, Caitlín, die Königstochter, die er entführt, der verschlagene Händler  Pól, der die Insel mit Waffen versorgt, seine Tochter Róisín, die im Kloster einen geistlichen Weg anstrebt, Aoife, die von Königin Eleanore lernt, Riacán, der seine Schwester Caitlín von Ascall zurückholen will, und noch einige mehr, die ein überforderndes Gesamtbild ergeben.

Meinem Geschmack nach waren es zu viele Personen und zu viele Perspektiven, die nicht nur den Leser sondern auch die Autorin etwas überfordern. Kapitelweise geht man mit den Figuren ihren Weg, was allerdings bei mir nur dazu geführt hat, dass ihre Erzählstränge wie kurze Blitzlichter im Gesamtbild untergehen.

Parallelen zu George R.R. Martins „Das Lied von Eis und Feuer“ liegen für mich auf der Hand. Mir scheint, die Autorin hat versucht, der irischen Geschichte eine ähnliche Sogwirkung zu verleihen, was meiner Ansicht nach leider nicht funktioniert hat.

Es ist nicht nur, dass die vielen Figuren eher verwirrend sind, sondern, dass ich die einzelnen Passagen als ziellos empfunden habe. Es hat mir am Spannungsbogen gefehlt und ich hatte das Gefühl, dass die Handlung vor sich hin tröpfelt.

Die Ziellosigkeit ist mein größter Kritikpunkt, weil sich für mich kein roter Faden ergeben hat. Die Erlebnisse der Figuren wirken eher chronologisch aneinandergereiht anstatt ineinanderzugreifen und während des gesamten Hörvergnügens war für mich nicht erkennbar, wohin die Reise gehen soll.

Trotz dieser Kritik wurde ich vom Hörbuch auf die grüne Insel entführt und habe es doch recht interessant gefunden. Man ist mitten im Kampf um deren Vorherrschaft, erfährt, von welchen Motiven die Personen geleitet werden, warum manche Figur so grausam ist oder wie rasch die verletzte Ehre eines Hochwohlgeborenen in einer blutigen Schlacht enden kann.

Besonderes bemerkenswert ist der historische Flair, den die Autorin in ihrem Werk geschaffen hat. Sie lädt auf die Grüne Insel im Mittelalter ein und man merkt jeder einzelnen Szene die fundierte Recherche an.

Sprecher Reinhard Kuhnert hat angenehm vorgetragen, auch wenn er dem gleichförmigen Verlauf der Geschichte keine zusätzliche Dynamik geben konnte. Auf jeden Perspektivenwechsel wird durch die Nennung des Namens hingewiesen, sodass man gut die Orientierung behält.

Insgesamt sehe ich in „Die Herren der Grünen Insel“ einen beeindruckenden Epos, der meinen Respekt verdient hat. Allerdings konnte mich weder das Schicksal Irlands noch der Werdegang der viel zu vielen Figuren fesseln, mir hat es dafür am großen Plan und der zugehörigen Spannung gefehlt.

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Ein böser Spannungsroman

Ich bin böse: Psychologischer Spannungsroman - Ali Land, Sonja Hauser

Milly ist 15 und wird in einer Pflegefamilie untergebracht. Ihre wahre Identität muss verborgen bleiben, weil ihre Mutter eine Serienmörderin ist und diese dank Milly gefasst werden konnte. Die Gerichtsverhandlung steht bevor und Milly kämpft mit ihrem schlechten Gewissen, weil sie sich selbst die Schuld an den Todesfällen gibt. Gleichzeitig wird ihr das Leben von Phoebe - der leiblichen Tochter der Pflegeeltern - so richtig schwer gemacht. Doch Phoebe weiß nicht, dass auch Milly böse sein kann …

Im Vordergrund steht Protagonistin Milly und wie sie sich an einem Start in ein normales Leben versucht. Der Prozess der Mutter steht bevor und sie setzt alles daran, so gut wie möglich vorbereitet zu sein. Dabei strebt sie danach, ihren Platz in der Welt zu finden und tut sich aufgrund ihrer Vorgeschichte etwas schwer, mit anderen Menschen umzugehen.

Milly ist sehr speziell. Sie ist bei einer Serienmörderin aufgewachsen und hat damit zutun, ein „normaler“ Mensch zu werden. Ihren redlichen Bemühungen zum Trotz macht ihr Pflegeschwester Phoebe das Leben sehr schwer, weil sie ein Biest ist, wie man ihm nicht begegnen will.

Zickenterror, Mobbing und Schikane stehen fortan auf Millys Tagesordnung, doch keiner weiß, dass sie die Tochter einer Serienmörderin ist, die schon schlimmere Dinge als dieses pubertäre Verhalten ertragen hat.

Milly hat mich sofort in ihren Bann gezogen. Sie ist eine Protagonistin, die durch ihr authentisches Wesen vom ersten Augenblick an neugierig macht. Man nimmt an ihren Gedanken und Gefühlen teil, merkt, wenn sie sich überfordert fühlt oder nicht so recht weiß, wie sie sich verhalten soll. Außerdem sieht man, dass Milly ihr schlechtes Gewissen quält und trotzdem lässt sie sich nicht in die Karte schauen.

Diese Sicht schafft eine unterschwellige Angespanntheit, weil man zwar Millys Perspektive einnimmt, sie sich jedoch direkt an ihre Mutter wendet. Dabei wird zwischen direkter und indirekter Ansprache gewechselt, was zwar etwas gewöhnungsbedürftig aber dennoch sehr faszinierend ist. Denn Milly spricht ihre Mutter immer wieder direkt an und gibt oft nur dezente Hinweise, was vor dem Aufenthalt in der Pflegefamilie geschehen ist. So dauert es sehr lange, bis man sämtliche Puzzleteile zu einem Gesamtbild vereint, was von Anfang bis Ende die Spannung hält. 

Zudem erhält man Einblicke in diese Pflegefamilie, der man eigentlich kein Kind anvertrauen würde. Warum ich zu diesem Urteil komme, sollte aber beim Lesen selbst entdeckt werden.

Abstriche gibt es nur, weil mir manche Situationen zu unspektakulär waren, von denen ich mir mehr Informationen und Aufschluss erwartet hatte. Zwar ist der Roman trotzdem sehr gelungen, aber bei bestimmten Szenen hätte ich mir doch ein bisschen mehr Aufklärung gewünscht.

Das Ende ist wahnsinnig gut. Obwohl es nicht besonders überraschend kam, hat Millys Geschichte einen runden Abschluss gefunden, der mich richtig begeistert hat.

Ali Land hat meiner Meinung nach einen außergewöhnlichen Spannungsroman geschrieben, der den Leser von Anfang bis Ende fesseln kann. Wer sich schon einmal gefragt hat, wie es den Kindern von Serienmördern ergeht, ruhige Spannung und einen interessanten Erzählstil mag, hat mit „Ich bin böse“ einen Pageturner gefunden, der bestimmt noch viele Leser für sich einnehmen wird. 

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Abstrakte Leseerfahrung

Das Licht und die Geräusche: Roman - Jan Schomburg

Johanna versteht nicht, warum Boris und sie nicht zusammen sind. Eigentlich benehmen sie sich wie ein Paar, verbringen jede Minute gemeinsam und trotzdem haben sie sich nie geküsst. Es könnte auch daran liegen, dass Boris mit Ana-Clara zusammen ist, die aber in Portugal lebt.

Es ist schwierig bei diesem Roman das Thema zu bestimmen. Klar, es geht einerseits um’s Erwachsenwerden, es geht um Freundschaft, ein bisschen um Sexualität und darum, wie sich so manche Gruppendynamik entwickelt, aber der Hauptkern der Handlung hat sich mir leider nicht ganz erschließen können.

Johanna ist eine sehr interessante Person, weil sie Dinge macht, die nicht nachvollziehbar sind. Sie biedert sich an, will andere nicht enttäuschen oder nimmt sich vollständig zurück. An diesen Zügen merkt man, dass sich die Protagonistin mitten in der Entwicklung zur Erwachsenen befindet. 

Boris ist ihr bester Freund und eigentlich sollten sie ein Paar sein. Für mich als Leserin ist er eine sehr nebulöse Person geblieben. Ich kann weder seine Handlungen, Entscheidungen oder sein Gebaren einordnen. Es ist schwierig ihn zu fassen und seinen Charakter zu erkennen, weil er dafür viel zu schemenhaft beschrieben wird.

Dann wird noch Ana-Clara eine wichtige Rolle zugewiesen, die ich ebenso wenig greifen kann. Nicht nur für Johanna sondern auch für den Leser bleibt sie undurchschaubar. Meistens starrt sie teilnahmslos vor sich hin und man ahnt nicht, welche Zielstrebigkeit in ihrer Person steckt.

Der Erzählstil des Autors bzw. der Handlungsaufbau ist sehr gewöhnungsbedürftig. Die Ereignisse werden episodenhaft geschildert und dabei wird sogar auf chronologische Zusammenhänge verzichtet. Mit Johanna springt man vor- und zurück, beschäftigt sich mit unwichtigen Details, während man sich im nächsten Moment schon wieder in einer völlig anderen Situation befindet, nur um wenige Zeilen später in vorherigen Ereignissen zu wühlen. Diesem Stil konnte ich leider nichts abgewinnen, obwohl der Roman dadurch eine interessante Leseerfahrung ist.

Schomburgs Schreibstil ist wahnsinnig gut und ich finde es schade, dass Handlung und Aufbau mich nicht überzeugen konnten, weil ich mich in seinen Schilderungen trotzdem sehr wohl gefühlt habe. 

Die Geschichte an sich kann ich kaum in Worte fassen, weil sie nicht wirklich nachvollziehbar - schon fast abstrakt - ist. Im Grunde passiert nicht viel und dennoch verändert sich alles.

Ich weiß nicht, wer für diesen Roman die richtige Leserschaft ist. Eventuell muss man hier schon sehr an literarischen Elementen interessiert sein, um diesen Roman mit Leidenschaft zu begegnen. Für mich war „Das Licht und die Geräusche“ eine abstrakte Leseerfahrung, die ich gerne gemacht habe, auch wenn sie mich nicht ganz packen konnte.

 

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Vom bibliophilen Leserherz

Das Papierhaus: Roman - Carlos María Domínguez, Elisabeth Müller

Bluma Lennon überquert die Straße und ist im nächsten Moment tot, weil sie ein Auto erwischt hat. Schuld daran ist Emily Dickinson, weil die junge Literaturprofessorin ihre Nase lieber in Bücher steckt als auf den Verkehr zu achten. Ihr Nachfolger an der Universität erhält ein äußerst lädiertes Buch, das ihn auf eine weite Reise auf den Spuren seiner Vorgängerin führt.

"Das Papierhaus" wurde für passionierte Leser und Bücherwürmer geschrieben, denn von Anfang bis Ende geht es um Bibliophilie, die Liebe zum Buch, und das büchersammelnde Leserherz.

Mit Blumas verfrühten Tod hat niemand gerechnet, auch nicht ihr Nachfolger, den eine Romanze mit der Literaturprofessorin verband. Eines Tages findet er ein sehr ramponiertes Buch in ihrem bzw. seinem Büro vor und geht seinem Geheimnis auf die Spur.

Dieses Geheimnis ist in der Bibliophilie begründet und regt in die andere Richtung zum Nachdenken an. Ist es wirklich der Sinn des Lebens, es lesend mit der Nase im Buch zu verbringen? Wie weit kann die Gier nach Büchern gehen ohne in Wahnsinn abzudriften? Und wie sehr werden wir von Büchern beeinflusst, unabhängig davon, ob uns ihre Geschichten gefallen haben?

So geht Carlos María Domínguez schon eingangs auf die Gefahren von Büchern ein, wenn er davon erzählt, wie Bluma dank Emily Dickinson ihr Ende fand, sich sein Freund Richard wegen des Autors Faulkner ein Bein brach und ein anderer Freund aufgrund eines Buches an Tuberkulose erkrankte. 

„Ein Auto hat sie getötet. Nicht das Gedicht.“ (S. 11)

Bücher sind gefährlich, aber nicht nur für den Körper, sondern auch für den Geist sind sie eine reelle Gefahr. Wer Stunde um Stunde in Büchern verbringt, verlernt vielleicht sich der Realität zu widmen oder wird von der Buchwelt eingeholt …

Doch es kommt der Moment, da unsere Bücher eine unsichtbare, durch ihre Menge definierte Grenze überschreiten. Was einst unser Stolz war, wird uns zur Last, denn die Platzfrage bleibt ein Problem.“ (S. 20)

Dabei ist der charmante Sprachstil besonders erwähnenswert. Mit blumigen Vergleichen, sanften Pointen und einer leidenschaftlichen Wortwahl, von der Liebe zum Buch durchströmt, erzählt der Protagonist, wie er dem lädierten Exemplar von Blumas Schreibtisch auf die Schliche kommt, und warum ihm diese Geschichte zu denken gibt.

Die Handlung lässt ab ungefähr der Hälfte zu wünschen übrig, weil es mir dann doch etwas zu abstrus geworden ist. Zwar kann sie sich bis zum Ende wieder fangen, schmälert bei mir trotzdem den Gesamteindruck. 

Dennoch hat Carlos María Domínguez mit „Das Papierhaus“ eine Liebeserklärung an die Buchwelt sowie eine kleine, literarische Perle verfasst, in der man sich als zügelloser Leser nur wiederfinden kann.

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Das Leben und die Leiden des Jude St. Francis

Ein wenig Leben - HörbucHHamburg HHV GmbH, Hanya Yanagihara, Sprecher: Torben Kessler

Laut Inhaltsbeschreibung geht es um vier Männer, die sich am College kennenlernen und eine lebenslange Freundschaft pflegen. Im Mittelpunkt steht Jude St. Francis, der trotz der Liebe seiner Freunde, nicht aus dem schwarzen Schatten seiner Kindheit und Jugend treten kann.

Obwohl die Freundschaft dieser vier Männer angeblich im Zentrum der Erzählung steht, geht es meiner Meinung einzig und allein um Jude, einen beschädigten Menschen, der es nicht einmal wagt, ein wenig Leben und ein bisschen Liebe zu erwarten.

Jude ist charismatisch, er ist gut aussehend, er hat etwas Überlegenes und ist geheimnisvoll. Mit Jude St. Francis hat Autorin Hanya Yanagihara einen Protagonisten erschaffen, den man einfach lieben muss. Ich konnte nicht anders, als an Judes Leben teilzuhaben, jede Minute mit ihm als Geschenk zu empfinden und ihm mit jeder Faser meines Körpers alles Gute zu wünschen. Ich hatte noch nie eine derart intensive Hörerfahrung und es kommt selten vor, dass man sich so sehr an einen Charakter gebunden fühlt. Denn Jude ist nicht nur mit diesen überaus positiven Eigenschaften gesegnet, sondern ihm wurde in seinem Leben übelst mitgespielt. Vom Trauma seiner Kindheit und Jugend hat er sich weder physisch noch psychisch erholen können und nach und nach erfährt man, wie eine menschliche Seele so zugerichtet werden kann.

Jude ist ein beschädigter Mensch. Er ist zerbrochen und kann nicht einmal durch die Liebe seiner Freunde notdürftig zusammengesetzt werden. Dabei hat er trotz all der Grausamkeiten seines Lebens so großes Glück gehabt. Er hat überlebt und er wird wahrhaftig geliebt, weil man einfach nicht anders kann, als vom ersten Moment an unendliche Zuneigung für Jude zu empfinden.

Die Handlung erstreckt sich über ein ganzes Menschenleben. Über mehrere Jahrzehnte hinweg lernt man Jude und seine Freunde kennen, erlebt mit ihm schöne Augenblicke, erfährt in Rückblicken, was Jude einst so beschädigt hat, und macht gleichzeitig Entsetzliches in der Gegenwart durch, was dieses Hörbuch zu einer sehr intensiven Lese- bzw. Hörerfahrung macht.

Judes Freunde nehmen mehr oder weniger Raum in der Erzählung ein und rücken doch stark in den Hintergrund. Daher behaupte ich, dass es nicht um die Freundschaft, sondern um das Trauma geht, das einen gebrochenen Menschen hervorgebracht hat.

Das Leben und die Leiden von Jude St. Francis haben mich aufgewühlt, mich nachdenklich gestimmt, mich mit Liebe und Zuneigung gefüllt und mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Meiner Meinung nach hat Hanya Yanagihara damit ganz große Literatur geschaffen, die vielleicht märchenhafte Züge enthält, einen epischen Grundton hat und manches Mal sogar kitschig ist, mich als Leser aber mitten in der Seele trifft und zum intensiven Nachdenken anregt.

Wer diesem Roman offen gegenübersteht und sich auf den ruhigen Erzählstil einlassen kann, wird in Judes Schatten treten und so schnell nicht mehr herausfinden. Es ist ein Buch voller Leid, Liebe und Wahrhaftigkeit. Es ist eine Geschichte, die einen nicht unberührt und vor Schmerz innerlich aufschreien lässt.

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Typisch amerikanischer Wissenschaftsthriller

Die Saat  - Guillermo del Toro, Chuck Hogan, Kathrin Bielfeldt, Jürgen Bürger

In New York landet ein Flugzeug aus Europa und plötzlich gehen in der Maschine die Lichter aus. Die Besatzung reagiert nicht auf den Tower oder andere Flughafenmitarbeiter und auch die Passagiere verhalten sich still. Ungewöhnlich still. Kein Laut, kein Licht, keine Regung - erst als das Flugzeug geöffnet wird, zeigt sich der Grund dafür.

„Die Saat“ ist ein typisch amerikanischer Wissenschafts-Thriller, der vom drohenden Weltuntergang, Actionszenen und interessanten Theorien lebt, und meiner Meinung nach sehr gut und faszinierend zu lesen ist.

Zu Beginn findet man sich am Flughafen wieder. Im Tower herrscht geschäftsmäßige Routine. Flugzeuge kommen, Flugzeugen gehen oder setzen zum Landeanflug an. Dazwischen fällt eine Maschine auf, die trotz erfolgreicher Landung mitten auf der Landebahn stehen bleibt.

Genau an dieser Stelle beginnt es fesselnd und interessant zu werden. Die Funkverbindung ist tot und für den Tower besteht keine Möglichkeit mit der Crew Kontakt aufzunehmen. Bei einem genaueren Blick fällt auf, dass das Flugzeug weder Strom noch aufgebrachte Passagiere hat, was schon sehr merkwürdig ist. Nach und nach gehen die Flughafenmitarbeiter alle Möglichkeiten - Terroranschlag oder doch ein technisches Gebrechen - durch, bevor beim Öffnen der Maschine die eigentliche Story beginnt.

Mystisch angehaucht versetzen die Autoren Vampire in eine moderne Szenerie, bauen Sagen und Legenden ein und entwickeln neue Theorien, sodass dieser Vampirismus in unserer Zeit nicht einmal so unlogisch klingt.

Allen Figuren voran wird der Protagonist Ephraim gestellt. Er ist der Wissenschafter mit Familienzwang und wohl der Einzige, der die Welt retten kann. Außer seinem Beruf - er ist auf Epidemien spezialisiert und arbeitet beim Seuchenschutz - liegt ihm besonders an seinem Sohn, den er um jeden Preis schützen will. Obwohl Ephraim gängige Züge hat, ist er doch nicht so mit Klischees beladen, dass es abgedroschen wirkt. Er ist ein interessanter Protagonist, der sich mit seinem Team gegen die Seuche stellt.

Erzählerisch ist der Thriller aus vielen Perspektiven aufgebaut, was ich grad beim Thema Epidemien und Seuchen besonders gerne mag. Immer wieder schwenkt man zu Nebenschauplätzen und erfährt, wie weit die Katastrophe hier schon voran geschritten ist, während der Seuchenschutz noch im Dunkeln tappt.

Außerdem gibt es zwischendrin Rückblicke in die Vergangenheit, die dem modernen Wissenschaftsthriller noch eine gute Portion Mystik verleihen. 

Ich mag die Handlung, die Thematik und die Figuren, nur die Actionszenen ab der Mitte waren mir etwas zu viel. Hier haben sich die Autoren als Wiederholungstäter gezeigt, was ich als etwas zäh empfunden habe.

Diesen Trilogie-Auftakt habe ich sehr gern gelesen. Die Mischung aus ruhigen dafür fesselnden Passagen, Mythen, dem Seuchenschutz und Actionszenen, hat mir großen Spaß und mich auf die weiteren Teile neugierig gemacht.

 
 
Die Trilogie:
1) Die Saat
2) Das Blut
3) Die Nacht
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Historischer Wien-Krimi

Der zweite Reiter: Ein Fall für August Emmerich - Kriminalroman - Alex Beer

Die Donaumetropole Wien nach dem 1. Weltkrieg. Hunger, Elend und Kriegsveteranen prägen das Bild der Stadt und so mancher sieht im Freitod den einzigen Ausweg. Doch als Polizeiagent August Emmerich eine Leiche entdeckt, ist ihm der angebliche Selbstmord zu offensichtlich und er geht eigenständig Ermittlungen an. Denn ein Kriegszitterer kann unmöglich auf sich selbst schießen, meint Emmerich, und ist dabei einem großen Verbrechen auf der Spur.

„Der zweite Reiter“ ist ein historischer Krimi, der im Wien nach dem 1. Weltkrieg spielt. Allein dadurch hat die Autorin ein besonderes Setting erschaffen, weil man auf diesen Zeitraum nur selten in Büchern trifft. 

So siedelt sie die Ermittlungen von August Emmerich und seinen Assistenten Ferdinand Winter mitten in bewegende Zeiten an, die vom Untergang der K.u.K.-Monarchie geprägt sind. Angefangen vom alten Adel, der den Abgang von Kaiser und Kaisertum nicht fassen kann, über die Kriegsinvaliden, die kaum eines Blickes gewürdigt werden, bis hin zu den historischen Rahmenbedingungen, die von Alex Beer geschickt zu einem Gesamtbild vereint werden. 

Beispielsweise wundert sich Emmerich über diesen bekannten Psychologen Freud, auf dessen Couch so manches Leid von der Seele geredet wird, er freut sich über das Wundermittelchen Heroin, das einen körperlichen Höhenflug garantiert, oder liefert sich mit verarmten Adel ein Wortgefecht, indem die neuen Zeiten zur Geltung kommen, von denen aber keiner weiß, wie sie funktionieren werden.

Dieses historische Setting, durchzogen von einer Atmosphäre der verlorenen Würde und ungeahnter Hoffnung, hat mir besonders gut gefallen. Es wird ein Gefühl für diese Zeit vermittelt, die einerseits so lang her und andrerseits zwischen den Zeilen greifbar nah scheint. Alex Beer schickt den Leser durch Wien, quer durch bekannte Straßennamen und wer sich in dieser Stadt ein bisschen auskennt, merkt schnell, dass sich in den letzten 100 Jahren gar nicht so viel verändert hat.

Polizeiagent August Emmerich hat es nicht leicht. Er verschweigt seine Kriegsverletzung, weil er um seinen Einsatz im Außendienst fürchtet und unbedingt zur Abteilung „Leib und Leben“ versetzt werden will. So legt er sich schon einmal mit Vorgesetzten an, überschreitet manche Kompetenz oder erfindet ein Gesetz, wenn es sich seinen Ermittlungen als nützlich erweist. Privat wird ihm vom Leben übel mitgespielt und ich will gar nicht wissen, wie vielen Menschen es nach dem Krieg ähnlich ergangen ist. Ich habe August Emmerich als angenehmen, sympathischen Ermittler empfunden, der sich mit einer guten Portion Schmäh schon zu helfen weiß. 

Die Krimihandlung selbst ist solide, durchdacht und authentisch geschildert. Emmerich ermittelt in diesem Selbstmordfall, von dem er nicht glaubt, dass es tatsächlich ein Freitod war. Dabei kommt er beängstigenden Machenschaften auf die Spur und deckt größere Zusammenhänge auf, mit denen ich so nicht gerechnet hatte.

Außerdem hat die Autorin eine gute Balance zwischen historischem Hintergrund, Ermittlungstätigkeit und ihrem Protagonisten geschaffen, die von ihrem angenehm flüssigen Schreibstil getragen wird. Erwähnenswert sind noch etliche Mundartphrasen, die auch heutzutage im Alltag verwendet werden und mir als Österreicherin natürlich sehr gut gefallen haben. 

Insgesamt bietet Alex Beer mit „Der zweite Reiter“ einen historisch interessanten, gut durchdachten Reihenauftakt, der mit dem sympathischen Ermittler und ihrem Gefühl für die untergegangene Donaumonarchie Lust auf weitere Teile der Reihe macht.

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at