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NiWa

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Panther und Löwe

Irgendwie Top: Gay Romance - Chris P Rolls

Markus ist ein Jäger, der in einschlägigen Nachtclubs auf der Pirsch nach williger Beute ist. Bis er in die Augen eines anderen Jägers blickt, und ein spannendes Spiel beginnt.

Mit "Irgendwie Top" hat Chris P. Rolls einen intensiven Gay-Romance-Roman geschrieben, der den Leser mitten in die prickelnde Jagd von gefährlichen Raubtieren versetzt.

Markus ist jedes Wochenende auf der Jagd. Ein One-Night-Stand reiht sich an das andere. Dank seines guten Aussehens ist ihm willige Beute gewiss. Doch dann fällt ihm der attraktive Alex auf, der ebenfalls ein Jäger ist. 

Ab sofort geht ihm der anziehende Mann nicht mehr aus dem Kopf. Kann es sein, dass er selbst zur Beute wird? Ein knisterndes Spiel zwischen Löwe und Panther beginnt, das nicht nur die beiden Männer bannt, sondern auch den Leser von der ersten Begegnung an in den Fängen hat.

Ich weiß kaum, wo ich beginnen soll. Mir hat es extrem gut gefallen, wie langsam und ausführlich die Annäherung zwischen Markus und Alex beschrieben ist. Anfangs kratzt man als Leser an der Oberfläche und dringt mit jedem weiteren Kapitel weiter in die Charaktere vor. Die Männer lernen sich kennen, verstehen, und sind sich anfangs sicher, dass sie gemeinsam auf Jagd gegangen sind. Aber dann lädt sich die Stimmung auf, es knistert bei jedem Atemzug und die Funken sprühen, sobald sie sich gegenüberstehen.

Die Handlung wird aus Markus' Perspektive erzählt, der neben der ungewohnten sexuellen Anziehung seinen Lebensentwurf zu überdenken hat. Zum ersten Mal fragt er sich, wie es wohl ist, eine Beziehung zu haben, einem Partner zu vertrauen, und sich vollkommen auf einen anderen Menschen einzulassen. Gleichzeitig traut er Alex nicht, der vielleicht nur den anderen Jäger erlegen und damit imponieren will.

Auf diese Weise spannt sich die gesamte Handlung über die Annäherung zweier Raubtiere, die sich gegenseitig die Krallen zeigen, die Lefzen hochziehen und gefährlich die Zähne blecken. Autorin Chris P. Rolls hat aus der Liebesgeschichte dieser Männer tatsächlich ein fesselndes Spiel zwischen Panther und Löwen kreiert. Zwei ebenbürtige Gegner stehen sich gegenüber und erkennen, dass sie gar keine Feinde sondern sogar viel mehr als Freunde sind.

Diese Stimmung ist großartig und packend beschrieben. Rolls lässt den Leser Zweifel, Sehnsucht und Ängste der Figuren spüren, gibt ihnen einen sanften Stups, bringt sie zum Schnurren, nur um zwischendrin die Krallen zu wetzen. 

Dabei hat sie ihre Figuren menschlich und glaubhaft kreiert. Markus und Alex reagieren überfordert auf die ungewohnte Situation, lassen sich im Liebestaumel nach und nach darauf ein, und entdecken, dass Liebe viel mehr als Sex sein kann.

Es gibt nur einen Punkt, der mich gestört hat. Markus pflegt deplatzierten Umgang mit seinem Bruder Tim, was mir einfach nicht gefällt. Hier hat die Autorin meinem Empfinden nach übertrieben, und der Story zu viel Drama verliehen.

Unbedingt anmerken muss ich noch, dass es sich bei dieser Love-Story um Romantik zwischen Männern mit expliziten Szenen handelt. Die erotischen Passagen sind meiner Meinung nach geschmackvoll beschrieben, und weder obszön noch vulgär umgesetzt. 

Wer sich auf die intensive Liebesgeschichte zweier Raubkatzen einlassen will, sollte sich unbedingt mit Panther und Löwe auf Jagd begeben, weil es ein packendes Leseerlebnis und eine richtig schöne Story ist.

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.com

Abrupte Kapitel & spannender Stil

Stille Schwester: Der zweite Fall für Kommissar Henry Frei (Die Henry Frei-Thriller 2) - Martin Krist

In Berlin treibt ein Serienmörder sein Unwesen. Er erdrosselt seine Opfer und lässt sie als befremdliche Kreation zurück. Die Opfer stehen in keiner Verbindung zueinander. Einzig, ein dezenter Hinweis zeigt der Polizei, wer als Nächstes an der Reihe ist. 

Rebecca schaut einer glücklichen Zukunft entgegen. Sie ist jung und verliebt. Das Leben könnte schöner nicht sein. Bis sie die Lügen ihres Lebensgefährten entdeckt, und in ihr eine schreckliche Vorstellung keimt.

"Stille Schwester" ist der zweite Teil um Kommissar Henry Frei, der in Deutschlands Hauptstadt ermittelt. Gemeinsam mit seiner Kollegin Louisa Albers ist er diesmal dem niederträchtigen Serienmörder auf der Spur.

Die Handlung ist in zwei hauptsächliche Erzählstränge aufgeteilt. Im Zentrum stehen Ermittler Henry Frei und wie er sich durch seinen Berufsalltag quält. Gemeinsam mit Louisa Albers ermittelt er in dem Fall um diesen Serienmörder, der für die Polizei einen direkten Hinweis auf das nächste Opfer hinterlässt. Dennoch schafft es die Polizei nicht, den Killer zu stellen. Eine Tatsache, die den Berliner Beamten ordentlich zu knabbern gibt. 

Martin Krist platziert den Leser so, dass man sich wie ein stiller Beobachter fühlt. Beim Lesen habe ich das Gefühl, in den authentischen Polizei-Alltag einzutauchen. Es gibt keine Superhelden, keine unnatürlichen Action-Szenen und auch ein absolut überlegener Bösewicht ist nirgends zu sehen. Dennoch ist der Krimi fesselnd und packend erzählt, weil Krist gekonnt mit den Erzählsträngen spielt, und auch nicht das Privatleben des Protagonisten nach Schema F erzählt. 

Henry Frei ist glücklich verheiratet und hat zwei Kinder. Ich freue mich sehr, dass diese Figur nicht dem gängigen Krimi-Klischee entspricht. Dabei ist sein Privatleben mit feinen Besonderheiten ausgeschmückt, die interessant zu lesen sind und der Figur an sich Lebendigkeit verleihen.

Die Nuancen des Arbeitsalltags sind geschickt verarbeitet. Es gibt genau so viele Zwischentöne, wie die Story braucht, um glaubhaft zu sein. Deshalb hatte ich wohl auch das Gefühl, auf der Rückbank des Wagens zu sitzen, während Albers und Frei ihre nächste Station ansteuern.

Der zweite Erzählstrang stellt Rebecca in den Vordergrund. Der jungen Frau liegt die Welt zu Füßen, bis sie ihren Irrtum bemerkt. Anfangs glücklich verliebt, später von Zweifeln geplagt, geht sie - glaubwürdig illustriert - ihren Alltag an. 

Die Krimi-Handlung an sich ist nicht neu, profitiert aber deutlich von Krists erfrischendem Stil. Wie schon erwähnt, schwenkt man zwischen den Hauptsträngen hin- und her, was das Spannungslevel auf eine packende Stufe hebt. Man suchtet von einer Seite zur nächsten und es wird einen aufgrund der abrupten Kapitelübergänge keine Pause gegönnt. 

Am Schluss wird das Gesamtbild schlicht in Szene gesetzt, und die Handlung endet von einem Moment auf den anderen. Es ist tatsächlich so, als ob Krist dem Leser die Tür vor der Nase zuknallt. Mir gefällt’s. 

Weniger gefallen hat mir, dass manche Punkte ins Leere verlaufen sind. Einerseits bleibt dadurch Raum für den nächsten Teil. Andrerseits waren es Kleinigkeiten, die mich brennend interessiert hätten, und die wahrscheinlich nicht weiter ausgearbeitet werden.

Dennoch stehen die spannende Handlung, der fesselnde Stil und die abrupten Kapitel für ein besonderes Krimi-Erlebnis, das ich definitiv empfehlen kann.

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.com

Ausuferndes Insel-Setting

Die Insel - Steen Langstrup

Noa liegt am Strand einer paradiesischen Insel. Seine Freundin Selina ist direkt neben ihm. Und sie stirbt.

"Die Insel" läuft unter dem Label Horror-Roman, der meiner Meinung nach nicht hält, was das Genre an sich verspricht. 

Noa ist am Strand dieser Insel wie aus dem Urlaubsprospekt: Der feine Sand, die Palmen, das Rauschen des Meers, unter der Oberfläche das bunte Korallenriff - es könnte paradiesischer nicht sein. Wenn seine Freundin Selina neben ihm nicht im Sterben läge, und das norwegische Paar nicht allein auf dieser Insel wäre.

Steen Langstrup schnappt sich ein atemberaubendes Setting, bei dem die Lust auf den Urlaub kommt. Der Strand, die Korallen, die salzige Prise vom Meer, der Geruch nach Sonnenmilch und tropische Temperaturen laden zum Träumen ein. Doch rasch wandelt er das traumhafte Ambiente in einen horrormäßigen Albtraum um: Das norwegische Paar wird allein auf der Insel zurückgelassen, während Selina eindeutig im Sterben liegt!

Nach Selinas Tod - kein Spoiler, weil Selina auf der ersten Seite stirbt - wird Noa von den hiesigen Behörden in Verwahrung genommen. Die Mär von der Korallenvergiftung kauft ihm keiner ab. Sie wissen nicht, wie er zur Insel gekommen ist. Und eine Mitarbeiterin vom norwegischen Konsulat setzt alle Hebel in Bewegung, um ihm die Todesstrafe zu ersparen.

Der Horror-Charakter der Story findet sich auf zwei Ebenen. Zuerst liegt es am realistischen Hergang, der wohl jedem Urlauber Angst einjagt: Ein Unglück geschieht und man findet sich im Gefängnis in einem Land, wo es die Todesstrafe gibt. Zudem baut Langstrup am Ende einen weiteren genreüblichen Horror-Effekt ein, der mich leider nicht mehr überzeugen konnte.

Die Geschichte um die Insel selbst nimmt den größten Raum in der Handlung ein. Langstrup verliert sich in detaillierte Beschreibungen des Strands, des Korallenriffs und beim Lesen hatte ich das Gefühl, mir wird jedes Sandkorn persönlich vorgestellt. 

Außerdem werden zentrale Szenen ständig wiederholt. Wer dieses Buch nicht gelesen hat, kann sich kaum vorstellen, wie oft man Selina beim Sterben zusieht beziehungsweise wie häufig Noa ihre Leiche beschreibt. Schauderhaft! Die Handlung kommt dadurch nicht voran.

Gut gefallen haben mir die Gesprächssituationen mit der Mitarbeiterin vom Konsulat. Damit kam etwas Schwung ins Geschehen, das Interesse wird geweckt und man möchte schon wissen, wie es weitergeht.

Nachdem ich den Strand dieser Insel in seinen Facetten bewundern durfte und ich gespannt auf den abschließenden Verlauf der Story war, wurde mir der Schluss vor die Füße geworfen. Und das war's. Ich hatte das Gefühl als ob ich mit einer Schaufel niedergeschlagen werde, als ich beim Wörtchen 'Ende' angekommen bin.

Das Buch besteht nicht nur aus Noas Verzweiflung und Selinas Tod, sondern es sind weitere Kurzgeschichten des Autors angefügt. Diese Geschichten sind alle gleich aufgebaut: Eine langgezogene Handlung, die nur mäßig die Spannung hält, und ein plumpes Ende, das eher irritiert statt fasziniert. 

Steen Langstrup wird oftmals mit Stephen King verglichen. Diesem Vergleich hält er meiner Meinung nach nicht Stand. Während King durch seinen detaillierten Stil in die Tiefe geht, bleibt Langstrup mit ausufernden Beschreibungen an der Oberfläche hängen - was an Langeweile kaum zu überbieten ist.

Ich finde es schade, dass ich das Buch nicht besser bewerten kann, weil ich es so gerne mögen wollte, und die Idee an sich richtig gut finde.

Alles in allem kann ich diesmal keine Empfehlung aussprechen, außer an Leser, die sich Langstrups Insel unbedingt genauer ansehen wollen.

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.com

Unter Paris

Die Katakomben - Jeremy Bates

Unter der Metropole Paris gibt es einen Ort, der die Dunkelheit birgt. Die Katakomben ziehen Abenteurer, Unternehmungslustige und Urban Explorers mit ihren finstren Gängen an. Weit über 400 Kilometer soll sich das unterirdische Tunnelsystem unter Paris erstrecken, wo sich auch manch abgrundtiefes Geheimnis verbirgt.

"Die Katakomben" ist als Teil der Reihe um die beängstigendsten Orte der Welt erschienen. Die Bände der Reihe können unabhängig voneinander gelesen werden.  

Jeremy Bates hat mit diesem Horrorthriller das unterirdische Tunnelsystem von Paris ins Zentrum der Handlung gestellt, wo neben hunderte Jahre alter Gebeine neugieriges Leben herrscht, Partys gefeiert werden und sich mancher Waghalsige im eigenen Tod verirrt. 

Dafür lässt der Autor eine Gruppe junger Menschen in die Katakomben steigen, weil sie dem Inhalt beziehungsweise die Besitzerin einer geheimnisvollen Videokamera auf den Grund gehen wollen. 

Protagonist und Amerikaner Will wird von seiner französischen Bekanntschaft Danièle überredet, runter in die Katakomben zu steigen. Ihr Freund Pascal hat im Untergrund dieses schaurige Video gefunden, dem sie auf der Spur sind. Außerdem ist Kanadier Rob dabei, der ebenso neugierig auf die altehrwürdigen Kellerräume der französischen Metropole ist.

Nachdem der Grundstein der Handlung gelegt ist, gleitet das Vierergespann in die Katakomben ab. Gleich zu Beginn merkt man, dass unter der Stadt ordentlich Trubel herrscht, und die unterirdischen Gänge, Säle und Bauten laufend Besuch erhalten.

Diese Katakomben-Stimmung fängt Jeremy Bates authentisch ein. Als Leser erkundet man interessiert das nächtliche Treiben, begegnet mysteriösen Gestalten, neugierigen Kundschaftern und regelrechten Irren, die es sich da unten gemütlich machen.

Der Autor hat damit ein besonderes Gefühl für die Pariser Katakomben vermittelt. Mit Will schlängelt man sich durch sogenannte Katzenlöcher - ganz enge Passagen, bei denen man schon die Luft anhält - oder steht mitten in prunkvollen Sälen, wo einst Orgien gefeiert wurden.

Doch je weiter das Vierergespann nach vorne dringt, desto abgeschotteter sind sie von der Außenwelt. Dabei entdecken sie die Ursache alter Mythen und Legenden, ungeahnte Türen, natürlich eine Menge Gebeine, und stoßen auf ein abgehalftertes Geheimnis, das für den Horror-Anteil der Story steht.

Leider lässt die Handlung zu wünschen übrig. Obwohl anfangs die drückende Atmosphäre für Lesevergnügen sorgt, hat der Autor meiner Meinung nach nicht die Kurve gekriegt. Schon zur Mitte hin wird das 'Geheimnis' der Katakomben auf dem Silbertablett präsentiert, das noch dazu absolut lächerlich wirkt. Lässt man sich darauf ein, kann man dem Showdown noch eine angenehme Lesezeit abgewinnen, auch wenn der gesamte Ablauf weit hergeholt ist.

Neben der exzellenten Grundidee hat mir der Erzählstil gefallen. Einerseits lässt Bates seine Hauptfigur Will zu Wort kommen, ebenso geht er auf die Perspektiven der anderen Beteiligten ein, was die Lesedynamik antreibt. Zudem werden Zeitungsberichte eingestreut, die ein realistisches Bild der Gefahren abbilden und manchen Mythos in den Raum stellen.

„Die Katakomben“ kann ich zwar nicht aufgrund der Handlung empfehlen, trotzdem macht es Spaß, das unterirdische Paris zu erkunden. Wer sich auf dunkle Gänge, jahrhundertealte Gebeine und übertriebenen Horror einlassen kann, wird trotz besagter Kritik vergnügliche Lesestunden haben.

 
 
Die beängstigendsten Orte der Welt:
1) Suicide Forest
2) Die Katakomben
Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.com

Vom Streben nach Freiheit

Alligatoren - Deb Spera

South Carolina in den 1920er-Jahren. Gertrude und das Alligatorenweibchen belauern sich. Beide wollen ihre Kinder beschützen. Gertrude schießt. Doch dieser Schuss wird nicht dem Alligator zum Verhängnis. Plantagenbesitzerin Annie kennt den Feind noch nicht, aber sie wird sich ihm stellen müssen. Haushälterin Oretta ist in der ersten Generation von der Sklaverei befreit, und strebt wie die anderen Frauen ein selbstbestimmtes Leben an.

"Alligatoren" ist ein großartiger Südstaaten-Roman, der Frauen, Selbstbestimmung und das Streben nach Freiheit in sich vereint.

Gertrude ist mit einem brutalen Trinker verheiratet, der ihre vier Mädchen hungern lässt. Anstatt sich mit dem Lohn um die Bedürfnisse seiner Familie zu kümmern, ertränkt er seine Verantwortung im Alkohol. Gertrude treibt es zum Äußersten und sie beginnt als Näherin.

Annie lebt an der Seite eines betuchten Plantagenbesitzers, der sein gutes Auskommen eher ihrer Näherei verdankt. Dank des Sohnes haben sie nun auch Herrenhemden im Sortiment, was der Gatte eher desinteressiert, die Näherinnen euphorisch zur Kenntnis nehmen. Doch während Annie mit ihrer Näherei in höhere Gefilde - zu Gunsten ihres Sohnes - strebt, holt sie die Vergangenheit und die Wahrheit darin ein.

Oretta ist Annies Haushälterin und vermittelt die bedürftige Gertrude als Näherin. Oretta selbst fühlt sich in der Liebe zu ihrem Mann am Ziel. Auch wenn ihnen das Schicksal nicht immer wohlgesinnt war, haben sie ihren Weg gemacht.

Diese drei Frauen verbindet neben den beruflichen Berührungspunkten ihr Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit. Gertrude müht sich, ihren Mädchen eine gute Mutter zu sein. Sie strampelt sich ab, damit sie nicht hungern müssen. Mit dem Schuss auf das Alligatorenweibchen hat sie eine Entscheidung gefällt, und nun strebt sie ein besseres Leben an.

Annie war schon immer selbstständig. Dennoch hat sich ihr Mann zwischen sie und ihre Kinder gedrängt. Vom Leben und ihrer Ehe enttäuscht, gesteht sie sich ihr Scheitern ein. Nur um zu beweisen, dass sie selbst den Weg bestimmt.

Oretta ist schon fast ein Klischee. Die grobe, warmherzige schwarze Dame, ist eine Seele von Haushälterin. Sie sorgt sich um ihre Annie, geht Gertrude zur Hand, und greift schon mal bei der Erziehung anderer Leute Kinder ein, weil sie meint, nur etwas zu bekommen, wenn sie gegeben hat.

Diese unterschiedlichen Frauen haben mich von Anfang an gebannt. Gertrude, wie sie sich von ihrem alkoholabhängigen brutalen Mann befreit, Annie, wie sie ihren Sohn ermutigt, und um ihre Töchter kämpft, und Oretta, die als Bindeglied fungiert - und damit sämtliche Fäden zusammenbringt.

Deb Spera zeichnet damit das Porträt dreier Figuren, die der damaligen Zeit entsprechen. Sie zeigt, womit das weibliche Geschlecht zu kämpfen hatte, wie im Drang der Zeit Stärke beweisen, und sich nicht kleinkriegen lassen.

Dabei geht die Autorin auf hauptsächlich weibliche Themen ein, denen allerdings absolut kein Kitsch anhängt. Geburten, Wahlrecht, Mitsprache im Eheleben, Kindererziehung oder Kinderlosigkeit - sie zeigt, welche Facetten das Leben von Frauen zu dieser Zeit hat, egal, welcher gesellschaftlichen Schicht sie entstammen.

Die Atmosphäre ist drückend, wie ich mir die Luft in South Carolina vor einem Gewitter vorstelle. Die Stimmung ist angespannt, es liegt Unheil in der Luft, und man fühlt, dass die Geschichte vielleicht nicht gut ausgehen wird.

"Alligatoren" ist ein großartiger Südstaaten-Roman, der von starken Frauen durch die gespannte Stimmung getragen wird - und exzellent gut zu hören und wahrscheinlich ebenso hervorragend zu lesen ist. 

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.com

Der Aufstand

Vollendet - Der Aufstand (Unwind, #2) - Neal Shusterman

Es ist nicht vorbei. Connor muss zeigen, dass ein Anführer in ihm steckt. Risa muss einmal mehr beweisen, dass sie sich selbst helfen kann. Während Lev sein neues Leben beginnt, von dem er nicht weiß, wohin es ihn führen wird. Und dann gibt es noch Cam, den es eigentlich nicht geben kann.

"Vollendet. Der Aufstand" ist der zweite Band von Shustermans Vollendet-Reihe. Es handelt sich dabei um eine dystopische Jugendbuch-Reihe, die mit einem brutalen Realitäts-Entwurf das Gedankenkarussell zum Laufen bringt.

Grundkonzept dieser Reihe sind Organtransplantationen, die auf dem Gedanken geteilten Lebens basieren. Jugendliche können von ihren Eltern zu einer 'nachträglichen Abtreibung' frei gegeben werden. Dieser Akt wird nicht als Tötung verstanden, weil die ausgewählten Jugendlichen in den geteilten Zustand übergehen. 94 % ihres Körpers leben weiterhin.

Mit diesem Konzept hat mich Shusterman im ersten Teil schockiert. Ich bin nach wie vor sprachlos, wenn ich über diese Idee nachdenke. Genau darin liegt die Genialität des Autors. Er nimmt positive Entwicklungen der Gegenwart, und spinnt sie zu einem gesellschaftlichen Horror-Szenario.

In diesem zweiten Teil trifft der Leser bekannte Figuren wieder:

Connor ging als der 'Flüchtling von Akron' in die Geschichte ein. Mittlerweile ist er zum Anführer der Jugendlichen am Flugzeugfriedhof geworden. Mit der Führungsposition geht einiges an Verantwortung einher. Connor weiß nicht, ob er diese wirklich tragen will.

Risa ist als das Mädchen im Rollstuhl bekannt. Sie nimmt eine brisante Rolle ein, weil sie all ihre Ansichten öffentlich ins Gegenteil verkehrt. Dementsprechend zweifeln ihre Freunde an ihrer Loyalität, während der Leser erfährt, wovon Risa getrieben wird.

Lev war einst ein Zehntopfer, der freiwillig den geteilten Zustand anstrebte. Seine Pläne wurden zunichte gemacht, und auch sein Weltbild hat sich gedreht. Mittlerweile ist er zum Gegner der Teilung geworden, der mehr als nur zusehen will.

Die zentralen Figuren beleuchten unterschiedliche Facetten dieser Welt. Anhand ihrer Erfahrungen werden vorgefertigte Meinungen verdreht, neue Schattierungen gezeichnet und brisante Denkanstöße ins Rennen gebracht. 

Damit beweist Neal Shusterman erneut sein Talent, ein Thema in unterschiedlichsten Facetten zu beleuchten, und dem Leser außerordentlich viel Stoff zum Nachdenken zu geben. Während man meint, der geteilte Zustand sei das Barbarischste überhaupt, führt der Autor dezent weitere Argumente ein, die wiederum neue Perspektiven eröffnen.

Zudem schafft er es, den Leser mit einer Horror-Vision zu schockieren, die das bisherige Konzept in den Schatten stellt. Eigentlich lag diese Entwicklung auf der Hand, dennoch war ich verblüfft, als sie in diesem Werk tatsächlich Form annahm.

Die Handlung ist gut durchdacht, auch wenn mir das Geschehen am Flugzeugfriedhof etwas den Schwung genommen hat. Hier hatte ich manchmal das Gefühl auf der Stelle zu treten, wobei es sich im Finale als äußerst rasant erweist.

Unschöne Details, brutale Wendungen, unerwartete Entscheidungen und konfliktgeladene Ereignisse runden das Gesamtbild fast bis zur Vollendung ab. Ich freue mich auf den nächsten Band.

Es ist nicht vorbei. Connor muss zeigen, dass ein Anführer in ihm steckt. Risa muss einmal mehr beweisen, dass sie sich selbst helfen kann. Während Lev sein neues Leben beginnt, von dem er nicht weiß, wohin es ihn führen wird. Und dann gibt es noch Cam, den es eigentlich nicht geben kann.

"Vollendet. Der Aufstand" ist der zweite Band von Shustermans Vollendet-Reihe. Es handelt sich dabei um eine dystopische Jugendbuch-Reihe, die mit einem brutalen Realitäts-Entwurf das Gedankenkarussell zum Laufen bringt.

Grundkonzept dieser Reihe sind Organtransplantationen, die auf dem Gedanken geteilten Lebens basieren. Jugendliche können von ihren Eltern zu einer 'nachträglichen Abtreibung' frei gegeben werden. Dieser Akt wird nicht als Tötung verstanden, weil die ausgewählten Jugendlichen in den geteilten Zustand übergehen. 94 % ihres Körpers leben weiterhin.

Mit diesem Konzept hat mich Shusterman im ersten Teil schockiert. Ich bin nach wie vor sprachlos, wenn ich über diese Idee nachdenke. Genau darin liegt die Genialität des Autors. Er nimmt positive Entwicklungen der Gegenwart, und spinnt sie zu einem gesellschaftlichen Horror-Szenario.

In diesem zweiten Teil trifft der Leser bekannte Figuren wieder:

Connor ging als der 'Flüchtling von Akron' in die Geschichte ein. Mittlerweile ist er zum Anführer der Jugendlichen am Flugzeugfriedhof geworden. Mit der Führungsposition geht einiges an Verantwortung einher. Connor weiß nicht, ob er diese wirklich tragen will.

Risa ist als das Mädchen im Rollstuhl bekannt. Sie nimmt eine brisante Rolle ein, weil sie all ihre Ansichten öffentlich ins Gegenteil verkehrt. Dementsprechend zweifeln ihre Freunde an ihrer Loyalität, während der Leser erfährt, wovon Risa getrieben wird.

Lev war einst ein Zehntopfer, der freiwillig den geteilten Zustand anstrebte. Seine Pläne wurden zunichte gemacht, und auch sein Weltbild hat sich gedreht. Mittlerweile ist er zum Gegner der Teilung geworden, der mehr als nur zusehen will.

Die zentralen Figuren beleuchten unterschiedliche Facetten dieser Welt. Anhand ihrer Erfahrungen werden vorgefertigte Meinungen verdreht, neue Schattierungen gezeichnet und brisante Denkanstöße ins Rennen gebracht. 

Damit beweist Neal Shusterman erneut sein Talent, ein Thema in unterschiedlichsten Facetten zu beleuchten, und dem Leser außerordentlich viel Stoff zum Nachdenken zu geben. Während man meint, der geteilte Zustand sei das Barbarischste überhaupt, führt der Autor dezent weitere Argumente ein, die wiederum neue Perspektiven eröffnen.

Zudem schafft er es, den Leser mit einer Horror-Vision zu schockieren, die das bisherige Konzept in den Schatten stellt. Eigentlich lag diese Entwicklung auf der Hand, dennoch war ich verblüfft, als sie in diesem Werk tatsächlich Form annahm.

Die Handlung ist gut durchdacht, auch wenn mir das Geschehen am Flugzeugfriedhof etwas den Schwung genommen hat. Hier hatte ich manchmal das Gefühl auf der Stelle zu treten, wobei es sich im Finale als äußerst rasant erweist.

Unschöne Details, brutale Wendungen, unerwartete Entscheidungen und konfliktgeladene Ereignisse runden das Gesamtbild fast bis zur Vollendung ab. Ich freue mich auf den nächsten Band.
 
 
Die Vollendet-Reihe:
1) Vollendet
2) Vollendet. Der Aufstand
3) Vollendet. Die Rache
4) Vollendet. Die Wahrheit


Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.com

Horror im Wilden Westen

Nighthunter. Die Nacht der Ghule - Anton Serkalow

Wem beim Wilden Westen nur Indianer und Cowboys einfallen, hat falsch gedacht. Den neben den typischen Vertretern dieser Gegend, sind es die Wesen der Nacht, die den Staub in der Prärie aufwirbeln: Ghule, Zombies, Wendigos, Hexer - und Vampir Louis Royaume mit dem Gestaltwandler Geistwolf sind ebenfalls berittener Weise dabei.

Bei "Nighthunter. Die Nacht der Ghule" handelt es sich um den ersten Teil von Anton Serkalows Nightunter-Serie. Es ist eine wilde Mischung aus Western, Horror und Mystery - gespickt mit reichlich Action und blutig-gruseliger Grundstimmung.

In "Nighthunter. Die Nacht der Ghule" lernen wir die Hauptfiguren der Reihe kennen. Vampir Louis Royaume entspricht dem Idealbild des nächtlichen Blutsaugers. Geprägt von dunkler Eleganz, geifernder Blutgier und mysteriöser Macht streift er mit seinem Kumpanen Geistwolf durch die Nacht.

Geistwolf ist ein Gestaltwandler, der neben seinem wölfischen Wesen vor allem als Indianer anzutreffen ist. Der ruhige Ureinwohner, glänzt durch trockenen Humor und versprüht indianischen Esprit, während er seinem sonnenscheuen Freund hilfreich zur Seite steht.

Dieses mysteriöse Team zeichnet sich durch ihr gemeinsames Ziel, freundschaftliche Gesinnung und Zusammenhalt aus. Sie sind perfekt aufeinander eingespielt, und schaffen es so, brenzligsten Situationen zu entkommen. 

In diesem ersten Teil haben es mehrere Gestalten auf den Nachtzug abgesehen. Eine Räuberbande, die Nighthunter und sogar ein Pinkerton-Agent gieren nach seiner Fracht. Die Parteien kommen sich in die Quere, ein simpler Überfall artet zum Massaker aus, und durch den Wirbel wird eine bösartige Fracht geweckt, die die Menschheit bedroht. 

Mir hat dieser Gruselausflug in den Wilden Westen der USA gut gefallen. Ich mag die opulente Mischung diverser Genres und wie sie der Autor in einer fesselnden Story vereint. Transylvanischer Vampirismus trifft auf indianische Legenden, Ghule und Dämonen scharen im Boden der Prärie, während eine Dampflok schnaubend durch den Westen rauscht und eine Büffelherde für Erschütterung sorgt.

Meinem Geschmack nach ist die Story zu kurz geraten. Ich hätte mich gern auf ein längeres Abenteuer mit Royaume und Geistwolf eingelassen. Bei der knappen Seitenzahl bleibt wenig Raum, um zwischen den Action-Szenen das Gesamtbild zu betrachten, während die Kugeln sausen, das Blut spritzt und der Untergang droht.

Der Rahmen um den Wilden Westen ist exzellent umgesetzt, auch wenn das originelle Zusammenspiel mit Mystery-Elementen gewöhnungsbedürftig erscheint. Spezifische Western-Begriffe und historische Bedingungen werden mittels Fußnoten erklärt, was einem Jahre nach dem letzten Winnetou-Film auf die Sprünge hilft. 

Im Endeffekt ist „Nighthunter. Die Nacht der Ghule“ ein gelungener Start, der trotz seiner Kürze Lust auf weitere Teile der Serie macht. Wie wird es Louis unter der sengenden Sonne der Prärie ergehen? Welches Gebräu bereitet Geistwolf als Nächstes zu? Und wie hat das mysteriöse Paar überhaupt erst zusammengefunden? All diese Fragen wollen beantwortet werden, und als Leser freue ich mich darauf, ein weiteres Abenteuer mit Vampir und Gestaltwandler im Wilden Westen zu erleben.

 
 
Anton Serkalows Nighthunter-Reihe:
1) Nighthunter. Die Nacht der Ghule
2) Nighthunter. Die Zombies von Pine Hill
Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.com

Familie, Trauer & Humor

Kurt - Sarha Kuttner
Lena und ihr Lebensgefährte Kurt kaufen sich ein Haus am Land. Denn der große Kurt hat einen kleinen Kurt im Gepäck, der zwischen seinen erziehungsberechtigten Eltern pendelt. Wochenweise lebt Kurt beim Gespann Lena und Kurt, dann wieder bei seiner Mutter Jana. Während sich alle Beteiligten eingewöhnen geschieht das Unfassbare: Der kleine Kurt stirbt.


"Kurt" ist - trotz der ernsten Thematik - ein amüsant-charmantes Buch über Familie, Trauer und Zusammenhalt. 

Lena und Kurt ziehen auf's Land, um die optimale familiäre Versorgung für den kleinen Kurt zu gewährleisten. Dabei ist sich Protagonistin Lena oftmals nicht sicher, welche Rolle ihr in dieser Patchwork-Family-Lösung zugestanden wird. Sie versucht ihren Platz innerhalb der Familie zu finden, und fragt sich, ob sie nicht doch weiterhin am Rand stehen soll. 

Gleichzeitig ist sie mit dem neuen Haus beschäftigt, und als Leser taucht man in diverse Gestaltungsmöglichkeiten des neuheimischen Gartens ab. 

Dann passiert es. Der kleine Kurt fällt vom Klettergerüst und ist auf der Stelle tot. Wo vorher amüsante Verwirrung vorrangig war, zieht ein trister Schatten der Trauer ein, indem Lena genauso wenig ihre Rolle kennt.

Zuallererst muss ich Sarah Kuttners Erzählstil erwähnen. Ich hatte das Gefühl, die Autorin beziehungsweise Lena erzählt frei von der Leber weg. Details über nackte Hintern, Blümchen auf Gartenschaufeln oder winzige Handtücher werden amüsant-charmant geschildert und ebnen den Weg für die ernsten Themen im Vordergrund. 

Im Mittelpunkt steht Lenas Rolle in dieser Patchwork-Family. Meiner Meinung nach greift Sarah Kuttner damit ein aktuelles Thema auf. Es existieren viele familiäre Verbunde, die sich zwar - mehr oder weniger - freiwillig zusammenschließen, allerdings kaum auf vorgefertigte Rollen zurückgreifen können. Wie soll sich Lena dem kleinen Kurt gegenüber verhalten? Ist sie die Stiefmutter, die sie gar nicht sein will? Auf die Freundin des Vaters reduziert? Oder darf sie sich die Vorteile einer Art großen Schwester verschaffen? All diese Fragen schwirren der Protagonistin im Kopf herum, bis der kleine Kurt ein schwarzes Loch der Trauer hinterlässt.

Kurts Familie ist fassungslos, sie ertragen es kaum. Damit nimmt Lenas Unsicherheit zu, weil sie sich auch in dieser tristen Situation an keine Handlungsanweisungen von außen halten kann. Wie sehr darf sie trauern, wenn überhaupt? Inwiefern ist sie ihrem Lebensgefährten eine Stütze, wenn er der Mutter seines Sohnes zur Seite steht? Und wie soll sie sich verhalten, wenn ihr ihre Beziehung zu entgleiten droht?

Allesamt spricht Sarah Kuttner brisante Aspekte an, die jeden in einer bunt gemischten Familiensituation beschäftigen. Dabei behält sie ihre humorvolle Art bei, lässt die Figuren kein Blatt vor den Mund nehmen, sich gegenseitig necken und schon mal im Regen stehen.

Nur das Ende hat mir nicht gefallen. Während man Lenas gärtnerische Erfolge im Garten bewundert und durch einen Spalt in der Hecke rüber zu den Nachbarn späht, ist es mit einem Moment vorbei. Der abrupte Abschied hat mich irritiert zurückgelassen, auch wenn es zum Gesamtkonzept des Werkes passt.

Mit „Kurt“ hat die Autorin einen besonderen Roman über Liebe, Familie und Trauer geschaffen, der emotional überwältigend zu hören und wahrscheinlich ebenso zu lesen ist. Die Lachmuskeln kommen kaum zur Ruhe, die Tränchen drücken auf die Drüse und um’s Herz wird einen ganz warm, weil dieses Werk ergreifend geschrieben ist.

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.com

Vier meisterhaft-schreckliche Kurzromane

Zwischen Nacht und Dunkel: Novellen - Stephen King

In diesem Werk vereint Stephen King vier Kurzromane, die sich allesamt mit einem Thema beschäftigen: Rache.

Unter dem Titel "Zwischen Nacht und Dunkel" sind die Novellen "1922", "Big Driver", "Faire Verlängerung" und "Eine gute Ehe" zusammengefasst. 

Ich finde es schwierig, zu einem Sammelband eine Rezension zu schreiben. Gerne möchte ich jeder Geschichte gerecht werden, ohne mich in zu viele Details zu verlieren. Die wichtigste Gemeinsamkeit neben dem übergreifenden Thema der Vergeltung ist, dass alle vier Romane absolut meisterhaft sind!

In "1922" nimmt Stephen King den Leser an die Hand und geht mit ihm in eben dieses Jahr zurück. Gleich zu Beginn lernt man Protagonist Wilfred kennen, der im Juni 1922 seine Frau getötet hat. Die Geschichte wird aus seiner Perspektive erzählt, indem er 1930 an seinem Geständnis schreibt. Dabei erzählt Wilfred, wie er diesen Entschluss gefasst hat, wie es kam, dass sein Sohn mit von der Partie war, und warum daraufhin ihrer beider Leben vollkommen entgleist.  Als Leser hält man den Atem an, während man das boshafte Schicksal mit einem frohlockenden Grinsen darin erkennt.

In "Big Driver" hat mich King an meine Grenzen gebracht. Es ist eine extrem brutale Geschichte, von einer Schriftstellerin, die in eine Falle tappt. Allerdings hat der Fallensteller die Rechnung ohne ihre Rache gemacht. Diese Novelle ist packend und authentisch erzählt. Hier musste ich sogar pausieren, weil mich Tess' Schicksal derart verängstigt hat. Gleichzeitig habe ich mich gewundert, wie ein Mann zu einer solch realistischen Einsicht in das weibliche Empfinden fähig ist. Verstörend, genial und brutal!

Weiter geht es mit "Faire Verlängerung", wo der Titel hält, was er verspricht. Streeter hat Krebs. Er hält sich tapfer, obwohl er mit seinem Leben längst noch nicht abgeschlossen hat. Da wird ihm eine Verlängerung angeboten, deren Preis jemand anders bezahlen muss. Bei dieser Geschichte kommt Kings mysteriös-fantastischer Flair hervor. Es ist ein typischer Roman, mit gewohnter Boshaftigkeit und keinem Pardon oder Gerechtigkeit. Schön geschrieben, geheimnisvoll umgesetzt und dementsprechend packend erzählt. 

"Eine gute Ehe" zeigt, dass man meist nicht alles vom Ehepartner weiß. Und manchmal genau dieser Umstand der Schlüssel zu einer glücklichen Beziehung ist. Darcy kommt einem Geheimnis ihres Mannes auf die Spur. Sie weiß noch nicht so recht, was sie mit dieser Information machen wird. Trotzdem ist ihr klar, dass es bestimmt nicht so weitergehen kann. Auch mit dieser Geschichte traf mich der Meister mitten ins Herz und hat mir Gänsehaut über die Arme gelegt. Er hat ungeheuerliche Ideen, die beeindruckend umgesetzt sind. 

An dieser Stelle küre ich gern meine Lieblingsgeschichte. Diesmal ist es unmöglich, weil alle Novellen gleichermaßen fesselnd, faszinierend und unterhaltsam - und ja, brutal - zu lesen sind. 

Diese Sammlung kann ich nicht nur jedem begeisterten King-Leser empfehlen, sondern sie auch Einsteigern nahe legen, weil sie das Beste vom Meister vereint: Lebendige Figuren, grauenhafte Schicksale und brutale Szenen mit einem Hauch Mystery in einnehmend meisterhaftem Stil erzählt.

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.com

Ernüchternd banal.

BECOMING - Michelle Obama

Michelle Obama ist eine beeindruckende Frau. An der Seite von Barack Obama hat sie als erste afroamerikanische First Lady eindeutig Geschichte geschrieben, die sie in "Becoming" erzählt.

Bei "Becoming" handelt es sich um die Memoiren von Michelle Obama. Sie war von 2009 bis 2017 First Lady der USA. Ihr Ehemann Barack Obama war der 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

So weit so gut. Ich bin eher kein Typ für Biografien oder Memoiren, doch bei Michelle Obama konnte ich nicht widerstehen. Ihr außerordentlicher Werdegang, ihr freundliches Wesen, ihr bestimmtes Auftreten und hunderte positiver Rezensionen haben mich auf ihre Geschichte neugierig gemacht.

Michelle Obama geht ihre Lebensstationen chronologisch an. Sie erzählt von ihrer Kindheit an der South Side von Chicago. Sie berichtet von ihrem Elternhaus, den schulischen Möglichkeiten und Grenzen, die leider nur wenige überschreiten. Dabei reflektiert sie Leben und Verhalten ihrer Eltern und schielt amüsiert auf ihren kauzigen Großvater. Es geht um Klavierstunden, geliebte Eissorten und besondere Augenblicke im familiären Zusammensein.

Später - nach Jurastudium und ersten Schritten im Beruf - lernt sie Barack Obama kennen, der ihr als Praktikant zugeteilt wird. Hier erfährt der Leser, wie Barack und Michelle zu den Obamas geworden sind. Außerdem tritt die lässige Art des ehemaligen Präsidenten, im Vergleich zur Pedanterie neigenden First Lady deutlich hervor.

Es wird von beruflichen Stationen, der Ehe mit sanften Krisen und Empfängnisproblemen erzählt, die sich allesamt in Wohlgefallen auflösen, weil Michelle Obama ein optimistisches Wesen hat.

Im Weiteren ist Wahlkampf angesagt, was in der Rolle der First Lady ihr Finale findet und mit gesellschaftspolitischen Aktivitäten sowie privaten Einschränkungen dieser Würde und Bürde geschildert wird.

Zuerst war ich angetan, weil Michelle Obama offen erzählt und persönlich ist. Doch schon bei den Ereignissen ihrer Kindheit hatte ich mir mehr Tiefe erhofft. Diese Passage nimmt - zumindest gefühlt - sehr viel Raum in der gesamten Biografie ein, was mir nach einiger Zeit inhaltsleer erschienen ist.

Insgesamt sind die Schilderungen der ehemaligen First Lady eher banal. Ich hatte mir eine kritische Auseinandersetzung mit ihrer Rolle, ihrem Verhalten, der Präsidentschaft Obamas und dem Geschehen erhofft. Bekommen habe ich eine - vorsichtig ausgedrückt - selbstbewusste Darstellung ihres Lebensalltags. 

Gartenarbeit im Weißen Haus, Einschränkung ihrer Privatsphäre, die elitäre Umgebung ihrer Kinder und Rechtfertigungen zu öffentlichen Ausrutschern haben mein Gesamtbild dieser beeindruckenden Frau stark eingeschränkt. Sie ist meinem Geschmack nach in triviale Details abgerutscht, die mich als Leser, trotz ihrer faszinierenden Person nur mäßig interessieren. 

Unterstrichen wird dieser Eindruck von - meiner Ansicht nach - typisch amerikanischer Art der Selbstbeweihräucherung, selbstkritische Zurückhaltung und ernüchternd banales Jammern über die Schwierigkeit eines normalen Familienlebens unter ständiger Bewachung im Weißen Haus.

Im Gegensatz dazu arbeitet Michelle Obama ihre politischen Botschaften hervor, sie stellt sich als normale Frau mit alltäglichen Problemen dar, die selbst mit Widrigkeiten im Leben zu kämpfen hat. Dieser Aspekt hat mir unheimlich gut gefallen, weil sie damit als Person greifbar ist.

Im Endeffekt weiß ich nicht, was ich mit dieser Biografie anfangen soll. Ich blicke zwiegespalten auf all die Eindrücke zurück, und kann mich der allgemeinen Jubelstimmung beim besten Willen nicht anschließen. Denn einerseits präsentiert Michelle Obama wichtige Themen, andrerseits jammert sie dem Hörer oder Leser auf trivial-elitären Niveau die Ohren voll. 

Deshalb kann ich nur empfehlen, sich bei Interesse unbedingt ein eigenes Bild zu machen, und Michelle Obamas Leben und Wirken aus erster Hand zu erfahren.

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High-School-Horror

Rainfield High - Jeidra Rainey

An der Rainfield High ist der Physik-Lehrer Mr. Leach allen Schülern ein Begriff. Als Bösartigkeit in Person trichtert er seinen Schülern nicht nur Wissen sondern Gehorsam ein. Als der gefürchtete Lehrer im Unterricht verstirbt, atmet die Schülerschaft erleichtert auf. Noch ahnen sie nicht, dass Mr. Leachs Geist in der Schule weiterhin lebendig ist.

"Rainfield High" ist feiner Jugendhorror, der mit den Facetten des Schulalltags spielt: Gefürchtete Lehrer, beliebte Cliquen, furchteinflößende Unterrichtsfächer und abstoßende Schauer-Elemente, deren Ekelfaktor kaum zu übertreffen ist.

Zuerst wird man in den Alltag an der Rainfield High hineingezogen. Anhand der Protagonisten Amber und Collin lernt man das soziale Gefüge der Schule kennen. Wer sind die beliebten Teens, mit wem kann man sich sehen lassen, und welche Kurse sollten möglichst gemieden werden?

Obwohl sich Amber und Collin nur vom Sehen kennen, haben sie eine große Gemeinsamkeit. Sie bewegen sich eher am Rand des Schulgeschehens, beobachten lieber von Außen und sind kaum oder gar nicht - zumindest in Ambers Fall - dabei.

Außerdem verarbeitet die Autorin feine Perspektivenwechsel. Als Leser erfährt man genauso, was die Lehrerschaft denkt und treibt, welche Zweifel sie quälen und aus welcher Motivation heraus gehandelt wird. 

Die Handlung beinhaltet ein gruseliges Ekelpaket, das mich manchmal mit meinem Mageninhalt kämpfen ließ. Blutige Speisen und äußerst abstoßende Szenen am Klo sollte man schon verkraften können, wenn man sich auf die Rainfield High wagt.

Zentral im Geschehen ist der gefürchtete Mr. Leach, der in seinem eigenen Physikunterricht zu Tode kommt. Der Mann treibt seinen patriarchalisch-konzeptionalisierten Kurs an die Spitze, indem er sich nicht auf's Lehren beschränkt sondern sein Weltbild auf die Schüler übertragen will.

Nach seinem Tod bleibt allerdings keine Zeit für Erleichterung, weil sein boshafter Geist weiterhin in der Schule ist.

Mr. Leach habe ich als Stellvertreter für manch böswilligen Lehrer empfunden, dem wohl jeder in seiner Schulzeit auf die eigene Art begegnet ist. Mir gefällt, dass Jeidra Rainey die Boshaftigkeit nicht als gegeben nimmt, sondern die Ursachen dafür aufdeckt.

Insgesamt habe ich diesen Horror-Roman sehr gern gelesen. Erinnerungen an die eigene Schulzeit, Gruppenzwang und ausgeprägte Schauerelemente treiben hier das Lesevergnügen an. Außerdem schafft es die Autorin, dass man als Leser hinter die Fassade der Figuren blickt, und somit Einsicht in ihre Beweggründe erhält.

Unterm Strich bleiben interessante Figuren, ein gruseliges Umfeld und Schauer-Elemente mit Ekel-Alarm. Wer in eine horrormäßige Schulzeit abtauchen will, und sich mit magenumdrehenden Szenen arrangieren kann, wird bestimmt eine lehrreiche Zeit an der Rainfield High erleben - die ich Horror-Freunden empfehlen kann.

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Auswanderer-Krimi

Man erntet, was man sät: Zweiter Teil des Auswanderer-Krimis - E-Book inklusive (Booquel) - Howard Blum

1883 in Nord-Dakota. Das Dakota-Gebiet ist bestrebt zum Bundesstaat zu werden und die Präriestädte fordern sich gegenseitig zum Duell. Mittendrin geschieht ein Doppelmord, der unzählige Tatverdächtige mit sich bringt.

"Man erntet, was man sät" ist der zweite Teil einer Auswanderer-Krimi-Reihe, die sich mit Siedlern, den politischen Entwicklungen und dem beschwerlichen Leben im Dakota-Gebiet auseinandersetzt.

Vorneweg, ich finde die historischen Hintergründe um die Auswanderer-Wellen nach Amerika immens interessant. Kai Blum glänzt durch fundiertes Hintergrundwissen, exzellentes Gespür für die damalige Zeit und ihre Bedingungen. Er vermittelt dadurch ein Gefühl für die Menschen und ihre Beweggründe, die es von Europa nach Amerika zog.

In diesem zweiten Teil der Auswanderer-Krimi-Reihe ereignet sich ein blutiger Doppelmord, der Sheriff Hunhoff vor ein Rätsel stellt. Zusätzlich spürt er den Druck der bevorstehenden Wahl, weil er ohne überführten Mörder wohl kaum Sheriff bleibt. Für ihn ist deshalb die Suche nach dem Täter zentral, was sich ohne kriminalistische Ausbildung und Erfahrung als äußerst schwierig herausstellt.

Damit spricht Kai Blum einen essentiellen Bestandteil der damaligen Zeit und der Rahmenbedingungen an. Die meisten Menschen sind von neuen Umständen umgeben, sie treibt ihr persönlicher Traum und die Hoffnung auf ein gutes Leben an. 

Die Handlung selbst finde ich gut, der Plot könnte nicht besser sein. Der Autor entwickelt im historischen Rahmen einen interessanten Krimianteil, der zudem politisches und wirtschaftliches Geschehen thematisiert. Man erfährt Hintergründe zur Entstehung der amerikanischen Bundesstaaten, woraus sich das gesellschaftliche Gefüge der United States entwickelt hat, und sieht die grundlegende Rolle der Eisenbahn - während man mit Sheriff Hunhoff Mörder jagt.

Während ich beim ersten Teil noch in den Beschreibungen der Lebensumstände gefangen war, habe ich diesmal mit dem Erzählstil gekämpft. Es fehlt mir an detaillierten Schilderungen. Ich brauche Atmosphäre und Ambiente um in einer Geschichte aufzugehen. Leider wird das Geschehen statisch und monoton erzählt. Die Zwischentöne fehlen, die zahlreichen Figuren nehmen als seelenlose Platzhalter überhand und die Ereignisse werden in ihrer Reihenfolge beschrieben, was trotz der vielen positiven Aspekte leider kein Lesevergnügen für mich ist.

Ich habe einmal aufgeschnappt, dass Autoren Geschichten zeigen und nicht erzählen sollen. Dieses Show-Don’t-Tell-Prinzip ist hier leider nicht ausreichend umgesetzt. Meistens wurde ich auf Distanz gehalten und nur selten durfte ich Szenen als Leser hautnah miterleben. Doch genau das macht für mich einen Roman - egal welchen Genres - aus. 

Trotz meiner Kritik bin ich mir sicher, dass andere Leser genau diesen Erzählstil ansprechend finden. Daher empfehle ich, sich selbst im Fall um den Doppelmord im Dakota-Gebiet eine Meinung zu bilden.

 
 
Bisher erschienen:
1) Hoffnung ist ein weites Feld
2) Man erntet, was man sät
3) Mit Müh und Not
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Verflucht!

Der Fluch: Roman - Stephen King

Rechtsanwalt Billy tötet bei einem Verkehrsunfall eine Zigeunerin. Aufgrund seiner Verbindungen und den Umständen wird er vor Gericht freigesprochen. Doch ein alter Zigeuner erwartet ihn vor der Tür, als Billy das Gerichtsgebäude verlässt. Der Alte flüstert nur ein Wort. Von diesem Moment an nimmt der übergewichtige Anwalt ab - egal, wie viel er isst.  Und er begreift, dass dünner zu werden auf Dauer kein Segen sondern ein wahrer Fluch ist ...

"Der Fluch" ist ein klassischer Horror-Roman vom Meister des Grauens, der geschickt reale Ängste mit übernatürlichem Schauer verwebt.

William - Billy genannt - ist Anwalt und fährt die Zigeunerin um. Die Schuldfrage ist rasch geklärt und dank seiner Verbindungen wird er mit einer weißen Weste vom Gericht entlassen. Doch da erwartet ihn schon ein alter Zigeuner, der ihm einen Fluch ins Ohr flüstert, der Billy ab da seines Gewichts beraubt.

Anfangs ist Billy noch ein richtig fetter Kerl, der sich kaum die Schuhe zubinden kann. Sein Volumen hat sich die letzten Jahre in krankhafte Maße ausgedehnt. Trotz bester Vorsätze schafft er es nicht, sich bei der Nahrungsaufnahme einzuschränken - was ab sofort kein Problem mehr darstellt. 

'Dünner' hat der Zigeuner geraunt. Nun nimmt Billy mit jeden Tag weiter ab, egal wie viel Fast Food er sich in den Rachen stopft. Anfangs ist er erstaunt, dann kommt die Verwunderung bis sich langsam bei ihm und seiner Frau Heidi die Panik einschleicht. Ein Arztbesuch bleibt ohne Ergebnisse. Daraufhin ist sich Billy sicher, dass der Grund seines Schwindens in keiner natürlichen Erkrankung sondern in einem einzigen ausgesprochenen Wort zu finden ist.

Gleich zu Beginn hat mich Stephen King fasziniert. Zuerst geht es um die Schuldfrage des Tods der Zigeunerin. Billy ist sich sehr wohl bewusst, dass er seinen schuldlosen Abgang nur seiner beruflichen Position verdankt. Er weiß zu gut, dass er ein Leben auf dem Gewissen hat. Gleichzeitig ist er aber nicht allein im Wagen gesessen - und will sich auch nicht die alleinige Verantwortung dafür eingestehen. Dieser innere Konflikt wird in herrlichen Grauschattierungen beschrieben und zieht sich quer durch das gesamte Werk. Wer ist Schuld, wenn etwas Schreckliches passiert? Warum verdichten sich Ereignisse, sodass sie sich in einem Drama entladen?

Kurz danach stellt sich Billy erstmals seinem körperlichen Verfall, und der Panik, die daraus entsteht. Denn diese rasante Gewichtsreduktion kann seiner Meinung nach nur an einer furchtbaren Krankheit liegen. Als Leser steht man mit dem Protagonist Billy Furcht einflößende Szenarien durch, bis man im Angesicht des behandelnden Arztes sitzt.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt kommt der Horror hervor, der unvermutet bestialisch zum Tragen kommt. Stephen King streut schaurige Verwünschungen über die Figuren seines Romans, lässt ihr Angesicht zu triefenden Fratzen verkommen, und zieht ihnen die Hautschuppen vom Leib. 

Einzig, mittendrin entspinnt sich eine langatmige Jagd, die leider das Lesevergnügen hemmt. Ich hatte das Gefühl, dass King die Passagen künstlich streckt, um auf einen größeren Seitenumfang zu kommen, statt ganz natürlich seine Geschichte zu erzählen. 

Die Entwicklung der Figuren ist nachvollziehbar, teilweise beeindruckend, und spitzt sich am Schluss zu einem eindrucksvollem Showdown zu. Stephen King hat trotz des eher verhaltenen Mittelteils noch die Kurve gekriegt. Denn das Ende hat es in sich, obwohl es mehrere mögliche Varianten enthält. Ich für meinen Teil habe mich für die dramatischste Version entschieden - und hoffe, dass „Der Fluch“ noch viele andere Ausgänge in den Köpfen begeisterter Leser nehmen wird.

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Geplagte Seelen der Vergangenheit

Blutiges Echo - Joe R. Lansdale, Heide Franck

Harry hat sich als Kind nicht nur Mumps sondern damit auch eine quälende Gabe eingefangen. Sobald sich am Schauplatz einer Gewalttat Geräusche ergeben, ist er mitten im Geschehen: Er sieht die Gequälten, fühlt ihr Leid, und finden sich in einer grausamen Vision aus der Vergangenheit. Diesen Fluch versucht er zu umgehen, bis ihn seine Jugendliebe Kayla bittet, den Tod ihres Vaters aufzuklären.

"Blutiges Echo" ist ein typischer Lansdale, auch wenn der Autor bei diesem Werk eher düstere Töne anschlägt. Wieder einmal lässt es sich schwierig einordnen, weil es als kriminalistischer Mystery-Thriller genauso wie als spannend-mysteriöser Roman durchgeht.

Anfangs geht es deutlich in die Coming-of-Age-Richtung. Harry ist ein kleiner Junge und zieht den Leser in sein beschauliches Familienleben rein. Es flammt eine erste, zarte Liebe auf, Harry genießt seine Kindheit, bis ihm der Mumps zum Verhängnis wird und nicht nur dadurch das Leben seine harte Seite zeigt.

Später ist Harry am College und ertränkt den Fluch im Alkohol. Er erträgt die quälenden Visionen ansonsten nicht, die entsetzlich-brutalen Blicke in die Vergangenheit, wo er nur Leid, Kummer und Schmerzen sieht. 

Doch dann wendet sich das Blatt als er in einem betrunkenen Kampfsportmeister seinen Mentor findet und sich die Liebe erneut blicken lässt.

Es ist keine geradlinige Geschichte, sondern sie geht mehrere Wege, die auch im echten Leben keine Einbahnstraße sind. Allen voran mochte ich die Figuren, die mit trockenem Humor und derbem Charme, Harrys Wegbegleiter sind. Sie sind allesamt angeschlagen, herrlich mangelhaft und sprühen mit all ihren Aktionen lebendiges Chaos aus.

Der Autor streut einen blutrünstigen Mystery-Effekt ein, der an und für sich schon beängstigend ist. Egal, wo Harry ist, wenn sich in der Vergangenheit jemand verletzt hat oder an diesem Ort gestorben ist, strahlen die Bilder, Schmerzen und Qualen bis in die Gegenwart zu Harry ab. Meiner Meinung nach ist es kein Wunder, dass der Junge zum Alkohol greift, um diese Empfindungen zu betäuben.

Doch dann merkt er, dass ein Fluch manchmal auch ein Segen ist. Mithilfe der Visionen kann er üblen Schurken das Handwerk legen, und für Gerechtigkeit sorgen.

Meiner Meinung nach darf man sich vom Mystery-Einschlag nicht täuschen lassen. Lansdale geht hier ernste Themen an. Neben der bereits erwähnten Alkoholabhängigkeit, stellt er Freundschaft sowie Gerechtigkeit in den Vordergrund. Außerdem spielt er gekonnt mit gesellschaftlichen Kontrasten, indem er in ihrer Gegensätzlichkeit die Gemeinsamkeiten betont. 

Besonders Lansdales Unverblümtheit, die groben Beschreibungen und Reden sowie die direkte Ausdrucksweise haben es mir angetan. Sein Stil ist sicherlich nicht für jeden geeignet, doch genau das macht für mich einen typischen Lansdale aus. 

Alles in allem ist „Blutiges Echo“ ein düsterer Roman, auf mysteriöser Grundlage mit blutrünstigen Auswüchsen. Positiv chaotisch, derb, und auf Freundschaft fokussiert, handelt es sich um ein weiteres Werk von Lansdale, das ich empfehlen kann.

 

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.com

Märchenhaft wortreich

Das Land, in dem die Wörter wohnen - Clemens Sedmak

Manchmal passiert es: Ein Wort will einem einfach nicht über die Lippen kommen, obwohl es einem auf der Zunge liegt. Aber was ist, wenn es uns mit allen Wörtern so ergeht? Falsche Wörter, missbrauchte Begriffe und entrissene Sprachfetzen ziehen sich von der Menschheit zurück, weil sie sich in ihrem Sprachgebrauch missverstanden fühlen.

Clemens Sedmak hat mit "Das Land, in dem die Wörter wohnen" ein entzückendes Märchen verfasst, das genauso als gesellschaftskritischer Denkanstoß und wortreiche Philosophie eine Perle im Bücherregal ist.

Die Geschichte wird vom kleinen Günther erzählt. Sein Papa ist der Erste, der Schwierigkeiten mit dem Erzählen hat, weil ihm die Worte fehlen. Was bei der gemeinsamen Mahlzeit mit der Familie beginnt, breitet sich rasch über die gesamte Gesellschaft aus. Die Wörter haben sich zurückgezogen, es herrscht Stille, weil es an der Grundlage zum Kommunizieren fehlt. 

Günther und seine beiden Schwestern werden daraufhin ins Wortreich gezogen. Hier lernen sie König Logos kennen, und erfahren, warum die Wörter in Streik getreten sind. Nun liegt es am familiären Trio, die Sprache für die Menschheit zurückzugewinnen. Sie gehen mit einem mulmigen Gefühl ihr Abenteuer im Wortreich an.

Dieses Büchlein ist ein bezauberndes Werk, das sich trotz der spärlichen Seitenzahl in unglaublich liebevollen Details verliert. Ich bin mit Günther und seinen Schwestern in das Reich der Worte abgetaucht, und habe mit einem Schmunzeln im Gesicht, unter anderem die Bekanntschaft der Wörter 'Freund' und 'Hoppala' gemacht. Denn Clemens Sedmak haucht jedem Wort Leben ein. Er verleiht ihnen Charakter, Wesenszüge, und zeigt, wie ihr Sprachgebrauch auf ihre Eigenschaften wirkt. So ist 'Frömmigkeit' mittlerweile sterbenskrank, weil sie im falschen Kontext verwendet wird, und aus der eleganten 'Anmut' ist eine alte Dame geworden, die kaum noch in Einsatz ist.

Günther und seine Schwestern verlieren sich in Kultur und die Regeln der Wörter, erfahren mehr über ihren familiären Zusammenhalt, und wie sie zu den Menschen stehen. Dabei ist den Geschwistern klar, dass sie vor einem großen Abenteuer stehen, als sie König Logos zur Rettung des Sprachschatzes auf die Reise schickt.

Ich habe dieses Buchperlchen sehr gern gelesen. Mit jeder Seite, jeder Zeile, mit jedem Wort zog es mich tiefer in sein Reich. 

Einerseits ist es im bezaubernd märchenhaftem Stil geschrieben, sodass es oberflächlich betrachtet - aufgrund der simplen Erzählung eines kleinen Jungen - durchaus für Kinder geeignet ist. Denn Clemens Sedmak nimmt sie auf ein wortreiches Abenteuer in das Land der Sprache mit. 

Gleichzeitig findet der bibliophile Leser charmante Details, achtsam verwobene Sprachelemente, und eine hinreissende Wortkultur, die mich vom meinen ersten Schritt im Wortland an beeindruckt haben.

Hauptsächlich sind es gesellschaftskritische Themen, die den Leser zum Nachdenken bringen. Falsch gefärbte Botschaften, manipulierende Nachrichten und irreführende Meldungen führen die Wörter an ihrem Ziel vorbei, weshalb sie sich für Stille entschieden haben.

Mir hat mein Abenteuer im Land, in dem die Wörter wohnen mit seinem unaussprechlichen Charme sehr gut gefallen. Ich bin in bibliophile Gefilde abgetaucht, habe mich den kritischen Tönen gestellt, die Stille zum Nachdenken gebraucht, und mit den Kindern eine märchenhafte Reise erlebt - die ich jedem empfehlen kann!

Anthropologe mit detektivischem Gespür

Die ewigen Toten - Simon Beckett

Das Krankenhaus St. Jude in London steht schon jahrelang leer. Kurz vor dem Abriss wird am Dachboden eine mumifizierte Leiche gefunden. Bei der Begutachtung des Leichnams bricht die Decke ein. Darunter befindet sich ein unzugänglicher Raum, ausgestattet mit Krankenbetten und weiteren mumifizierten Leichen darin. David Hunters sechster Fall beginnt ... 

"Die ewigen Toten" ist der 6. Teil der David-Hunter-Reihe. Der forensische Anthropologe schreitet dann zur Tat, wenn von Leichen fast nur mehr Knochen übrig sind. Daher ist er beim Fall um die ewigen Toten im ehemaligen Krankenhaus St. Jude gefragt.

Schauplatz der Ermittlungen ist das stillgelegte Krankenhaus St. Jude in London. Es soll abgerissen werden, daher wurden überhaupt erst die Leichen gefunden. Vom Setting her hat es beinahe Lost-Place-Charakter, weil überall noch Überbleibsel vom geschäftigen Treiben vergangener Zeiten sind. 

Die Leichen dürften zu einem späteren Zeitpunkt hinzugekommen sein, gerade deshalb sind David Hunter und sein Fach gefragt.

Der Fall selbst ist aufgrund der mumifizierten Leichen natürlich mysteriös. Hunter geht mit professioneller Ruhe seiner Arbeit nach, und entlockt den Toten ihre Geheimnisse.

Mir gefällt an dieser Reihe, dass man aufgrund Hunters Beruf Einblicke in das Fachgebiet der Anthropologie erhält. Es gibt Fakten zu Beckenknochen, der Länge von Oberschenkelknochen, woran man das Alter einer skelettierten Leiche erkennt, und wie ein Gebissvergleich funktioniert. All diese Hintergrundinformationen machen die Reihe interessant für mich.

Dabei ist es in Ordnung, dass der Fall an sich eher ruhig abgehandelt wird. Der smarte Anthropologe mischt sich unabsichtlich in die Ermittlungen ein, schlägt Wellen bei offiziellen Stellen, und merkt dabei, dass die jüngere Anthropologen-Generation mittlerweile in den Startlöchern steht. 

All das hat Simon Beckett fesselnd und gekonnt umgesetzt, und den kriminalistischen Anteil auf eine interessante Grundlage gebaut. Obwohl ich bei Krimis oft ahne, wer in welchem Ausmaß seine Finger im Spiel hat, konnte mich Beckett am Ende sogar verblüffen - was die Handlung zu einem kriminalistischen Vergnügen macht.

Außerdem weiß ich es zu schätzen, dass Hunter weder ein durchtrainierter Action-Held noch im Fall selbst eine persönliche Rechnung begleicht. Er ist schlicht und einfach Anthropologe mit detektivischem Gespür, das bei manchem Fall eine Hilfe ist.

Im Endeffekt bin ich von „Die ewigen Toten“ begeistert. Es war genau das, was ich mir von einem soliden David-Hunter-Krimi erwarte. Ich hoffe auf weitere Bände, und freue mich, falls es mit Hunter wieder an die Knochen geht.

 

 

Die David-Hunter-Reihe:
1) Die Chemie des Todes
2) Kalte Asche
3) Leichenblässe
4) Verwesung
5) Totenfang
6) Die ewigen Toten