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Gelungener Regional-Krimi

Mostschlinge: Kriminalroman (Kriminalromane im GMEINER-Verlag) - Helmut Scharner
Im Mostviertel in Niederösterreich wird in einem Fitnessstudio die Leiche einer Frau entdeckt. In Wien tauchen ähnliche Fälle auf, deshalb wird schnell an einen Serienmörder gedacht. Kommissar Brandner ermittelt in der ländlichen Region, und findet sich unter alten Bekannten wieder.

"Mostschlinge" ist der zweite Teil einer Krimi-Reihe um Kommissar Brandner, der in Mordfällen im niederösterreichischen Mostviertel ermittelt. Obwohl ich den Vorgängerband nicht kenne, bin ich äußerst gut ins Geschehen eingestiegen. Der Fall steht für sich und eignet sich meinem Empfinden nach auch als Einzelband.

Das idyllische Waidhofen an der Ybbs wird zum Tatort. Im Fitnessstudio im Schloss findet man die Leiche einer jungen Frau, was die gesamte Gegend erschüttert. Kommissar Brandner wird direkt aus Wien in die schmucke Stadt gerufen, weil er aus einem vorherigen Fall die örtlichen Begebenheiten kennt.

Großteils wird der Fall aus der Sicht von Kommissar Brandner erzählt. Auf diese Weise bekommt der Leser Einblick in den aktuellen Ermittlungsstand. Mir hat Brandners Art gefallen, weil er ein Ermittler ohne allzu persönliche Involviertheit ist. Zwar schieben sich kleinere, private Sequenzen in seine Sicht ein, aber so, dass sie durchaus natürlich wirken.

Außerdem kommt die Perspektive weiterer Beteiligter zu tragen, die in Wien und Waidhofen/Ybbs angesiedelt sind. Damit verschafft Helmut Scharner dem Leser ein umfassendes Bild, ohne der Handlung die Spannung zu nehmen.

Bemerkenswertes Gespür beweist der Autor, weil er sogar den Mörder selbst einen eigenen Part schenkt. Dennoch wurde ich außerordentlich lange auf Irrwege geführt, und erst am Ende war klar, wer hinter den Taten an den Frauen steckt.

Dabei sind alle Figuren glaubhaft gezeichnet. Sie wirken authentisch, ihre Handlungen sind nachvollziehbar, und für mich hätte das geschilderte Geschehen genauso der Realität entsprechen können.

Dieser Regionalkrimi lebt von der Region. Die Städte Waidhofen an der Ybbs und Amstetten sind detailliert in Szene gesetzt. Ich habe viele Orte, Straßen, Geschäfte und Lokale wieder erkannt. Dabei war es ein seltenes Vergnügen für mich, ausgerechnet in meiner Gegend - als Ortskundige - auf Mörderjagd zu gehen.

Die Krimi-Handlung ist solide und zunftgerecht aufgebaut. Wie bereits erwähnt, es war spannend bis zum Schluss, weil ich keine Ahnung hatte, wer der Mörder ist. Vielleicht hat es etwas an Action gefehlt, weil es relativ ruhig zugegangen ist. Dafür war das Geschehen plausibel und äußerst realistisch erzählt.

Meiner Meinung nach hat Helmut Scharner mit "Mostschlinge" einen ausgezeichneten Regionalkrimi hingelegt. Echt wirkende Figuren, ortskundige Beschreibungen und eine glaubwürdige Krimihandlung haben mir unbeschränkten Krimi-Spaß beschert, und ich bin mir sicher, dass ich zum nächsten Band greife.

Kommissar Brandner im Mostviertel:
1) Mostviertler
2) Mostschlinge
3) Mostviertler Jagd
 

 

 

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.com

Love isn't always diplomatic

Red, White & Royal Blue - Casey McQuiston
What happens when America's First Son falls in love with the Prince of Wales?
When his mother became President, Alex Claremont-Diaz was promptly cast as the American equivalent of a young royal. Handsome, charismatic, genius—his image is pure millennial-marketing gold for the White House. There's only one problem: Alex has a beef with the actual prince, Henry, across the pond. And when the tabloids get hold of a photo involving an Alex-Henry altercation, U.S./British relations take a turn for the worse.
(Klappentext: Macmillan USA)
 
Alex hat sich rasch daran gewöhnt, dass seine Mutter Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika ist. Auch wenn das Rampenlicht oft einen langen Schatten wirft, glänzt er als Vorzeigesohn. Doch auf der royalen Hochzeit im britischen Empire wird aus einem rivalisierenden Geplänkel, eine ungeschickte Auseinandersetzung, als Prinz Henry und er die Hochzeitstorte zu Boden reißen. Jetzt heißt es Haltung bewahren, um der Welt zeigen, dass der britische und amerikanische Nachwuchs sehr wohl zu gepflegten Umgang miteinander fähig sind. Wo nebenbei eine ungewöhnliche Liebesgeschichte beginnt ...
 
"Red, White & Royal Blue" ist eine mitreißende Liebesgeschichte, voll schillernder Charaktere, und so bunt, dass sie sogar den Buckhingam Palace in Farbe taucht.
 
Ausgangslage sind Präsidentinnen-Sohn Alex und Prinz Henry von Wales. Beide sind Anfang Zwanzig und sind es gewohnt, professionell ihrer Rolle im politischen Geschehen nachzugehen.
 
Während Alex selbst eine Position als Politiker anstrebt, fügt er sich im Weißen Haus in die Gepflogenheiten ein. Im College ist er brillant, zuhause kabbelt er schon einmal mit seiner ebenso genialen Schwester, oder geht seiner Mutter bei den Vorbereitungen des nächsten Wahlkampfs zur Hand.
 
Prinz Henry war Alex schon immer ein Dorn im Auge, weil er ihn für arrogant, snobistisch und unverhohlen oberflächlich hält. 
 
Bei der Hochzeit von Henrys Bruder Prinz Philip kommt es zu einem Handgemenge zwischen den beiden, wobei sie die sündhaft teure Hochzeitstorte zu Boden reißen. Diesen Fauxpas gilt es in der Öffentlichkeit auszumerzen, und die beidseitigen PR-Berater haben das passende Konzept bei der Hand: Alex und Henry sollen offiziell Freundschaft schließen. Doch niemand ahnt, dass aus der vorgespielten Freundschaft wahre Liebe werden wird.
 
Bei diesem Buch war ich neugierig und gleichermaßen hatte ich Bedenken. Ein Präsidenten-Sohn der mit einem Prinzen eine heimliche Affäre beginnt? Ich hatte befürchtet, dass die Figuren ziemlich oberflächlich geraten, weil das doch zum Rahmen der Handlung passt. Hier bin ich zum Glück daneben gelegen.
 
Alex ist ein junger Mann voller Visionen, der für Minderheiten und schwächere Menschen einsteht. Er sehnt sich nach Gerechtigkeit, und will später in die Politik, damit er dementsprechend handeln kann.
 
Prinz Henry ist zwar in einen goldenen Käfig gesperrt, hat dennoch seinen Weg gefunden, wie er Gutes in der Welt bewegen kann. So haben diese jungen Herren neben ihrer angeborenen Rolle in der Politik eine weitere Gemeinsamkeit: Die Welt soll ein besserer Ort werden.
 
Autorin Casey McQuiston hat die Figuren glaubwürdig und vielschichtig geschaffen. Es wird zwar aus Alex’ Perspektive erzählt, dennoch erhält man ausreichend Informationen zu Henrys Beweggründen, sodass man hinter die majestätische Fassade blickt.
 
Die Liebesgeschichte zwischen Alex und Henry baut sich langsam auf. Zuerst sind sie Rivalen, dann respektieren sie sich, bis sie mehr füreinander empfinden. Doch beruhen diese Gefühle tatsächlich auf Gegenseitigkeit? Und was passiert, wenn es wirklich so ist?
 
Mir hat dieser Liebesroman sehr gut gefallen, und manches Mal hatte ich selbst Herzchen in den Augen. Ich mochte die Spannung zwischen den beiden, die scharfzüngigen Auseinandersetzungen, wo merklich Funken sprühen, wie Henry und Alex auf ihre Rolle fixiert sind, und erkennen, dass es außerhalb dieses vorgegebenen Rahmens Alternativen gibt.
 
Zudem wurde der Roman absolut liebevoll erzählt. Obwohl Alex’ als Protagonist im Vordergrund steht, werden zahlreiche Mails, Tweets und literarische Zitate eingebaut, was dem Geschehen gelungene Abwechslung verleiht.
 
Nur mit dem politischen Gefüge in den USA habe ich mir manches Mal schwergetan. Wahlkämpfe werden eingeläutet, Diskussionen geführt, Intrigen gesponnen und Reden gehalten - dieser Teil rundet das Gesamtbild auf jeden Fall ab, ist mir persönlich etwas zu langweilig geworden.
 
Alles in allem ist dieses Buch ein lockerer Liebesroman, der trotzdem eine reichliche Portion Gesellschaftskritik und Ernsthaftigkeit in sich hat. Für mich war es ein besonderes Lesevergnügen, das mir richtig gut gefallen hat.
 
Casey McQuiston hat mit „Red, White & Royal Blue“ der Weltpolitik die rosarote Brille aufgesetzt. Es ist ein amüsanter, romantischer, und vielleicht zukunftsträchtiger Liebesroman, der mit Schreibstil, Handlung und Figuren gewiss viele weitere Leser begeistern wird. 
Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.com

Eine Farm in Afrika

Jenseits von Afrika - Tania Blixen

1914 reist Tania alias Karen Blixen nach Kenia, wo sie eine Kaffeeplantage betreibt. Im Klassiker „Jenseits von Afrika“ schreibt die Autorin ihre Liebe nieder, die sie Land, Natur und Kultur Afrikas entgegenbringt.

 

„Jenseits von Afrika“ ist erstmals 1937 erschienen, hat zahlreiche Leser mit den Beschreibungen des schwarzen Kontinents gebannt und avancierte durch die Verfilmung mit Meryl Streep zum Must-Read der Weltliteratur.

 

Afrika ist für mich als Europäerin ein magisches Mysterium. Die prächtige Tierwelt, die Savanne durchzogen von fremdartigem Wild, Löwen und gefährliche Tiere, all das finde ich faszinierend und fesselnd. Ich war gespannt, wie es Tania Blixen in Kenia ergangen ist.

 

Bei diesem Buch handelt es sich um einen autobiographischen Roman, der wahrscheinlich nicht zu Hundertprozent der Realität entspricht. Wahr ist sicherlich, der Tatendrang, die feurige Lebenslust und der melancholische Blick, mit dem die Autorin von Afrika spricht.

 

Allein der erste Satz - der wohl der berühmteste Satz des Gesamtwerks der Autorin ist - offenbart dem Leser, dass er in jeder Hinsicht eine besondere Geschichte in den Händen hält:

 

„Ich hatte eine Farm in Afrika am Fuß der Ngong-Berge.“ (S. 7)

 

Damit allein war schon mein Interesse geweckt. Immerhin sind wir im Jahr 1914, Tania beziehungsweise Karen Blixen ist eine junge Frau, und sie hat eine Plantage in Kenia. Die Autorin hat mich damit beeindruckt, weil meiner Meinung nach damals wie heute ein enormes Maß an Courage zu dieser Lebenswahl einer Frau gehört.

 

Mit diesem Werk blickt man mit der Autorin auf ihre Jahre in Afrika zurück. Dabei hält man gar keinen Roman in den Händen, sondern es handelt sich eher um eine episodenhafte Erzählung ohne Spannungsbogen. Blixen hat ihre Erlebnisse, ihr Leben auf der Farm, in Kurzgeschichten und einigermaßen thematisch sortiert wie prosaisch formuliert zusammengefasst. Das Buch schwebt zwischen Bericht und Roman, und liest sich manchmal wie ein Kurzgeschichten-Sammelband.

 

Besonderen Raum nehmen die Einheimischen und die Natur ein. Dabei schildert die Autorin Sitten, Gebräuche und Erfahrungen mit Kikuyu und Massai. Begegnungen und ihr Zusammenleben sind packend erzählt. Blixen versucht, den Geist der Menschen zu fassen, zu erklären und lässt ihn in ihrem Buch auferstehen.

Begegnungen mit Tier und Natur sind ebenso faszinierend erzählt. Kenia schillert in prachtvollen Farben, ist ausgedörrt von der Trockenheit, fürchtet sich vor seinen Löwen und bietet herrliche Schauspiele.

 

Ausgespart werden private Details. Blixens Beziehungen - ihre Ehe sowie die berühmte Affäre mit Denys Finch - bleiben gänzlich unerwähnt. Nur mit entsprechenden Hintergrundwissen und Sinn für Details lassen sich Hinweise darauf finden.

 

Mit „Jenseits von Afrika“ hat Tania Blixen ihrer Liebe zu diesem Kontinent ein Denkmal gesetzt. Der melancholische Blick auf jene Jahre, die Erlebnisse und die fühlbar magische Stimmung lassen die Eindrücke lebendig werden, und ziehen den Leser mitten in das Afrika dieser Zeit hinein.

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.com

Wilder Winter

Wilder Winter - Joe R. Lansdale

Texas in den 1980er-Jahren. Die Freunde Hap und Leonard halten sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Als Trudy - Haps Ex-Frau - unvermutet erscheint, hat sie einen lukrativen Coup im Gepäck, der den Geist der 60er-Jahre-Bewegung in die Gegenwart holen sowie Hap und Leonard eine Stange Geld einbringen soll.

„Wilder Winter“ ist der erste Teil von Joe R. Lansdales Reihe um Hap und Leonard - eher ungleiche Freunde, die am gleichen Punkt im Leben angekommen sind. 

Trudy steht bei Hap vor der Tür und will ihn unbedingt für ihr Unternehmen gewinnen. Dabei setzt sie alle Waffen der Weiblichkeit ein, weil sie weiß, welche Knöpfe sie bei ihrem Ex-Mann betätigen muss. Angeblich warten im Sabine River mehrere hunderttausend Dollars, die bei einem Banküberfall sozusagen über Bord gegangen sind. 
Mit von der Partie ist eine wilde Truppe übrig gebliebener Kämpfer gegen das Establishment, die mit dem Geld die 1960er-Jahre auferstehen lassen wollen.

Nachdem klar ist, dass Hap ohne Leonard keinen Finger rührt, lassen sich die Freunde auf dieses merkwürdige Abenteuer ein, das auf seine Art mitreißend, witzig und amüsant zu lesen ist.

Angeblich sind Hap und Leonard unterschiedlich, doch das war vielleicht vor zwanzig Jahren so. Hap hat den Kriegsdienst in Vietnam verweigert und ist dafür freiwillig in den Knast marschiert. Hingegen hat sich der schwarze und schwule Leonard einige Orden in dem umstrittenen Krieg verdient, die ihm in der Gegenwart auch nicht helfen.

Mittlerweile sind beide hartgesottene Typen, die mit rohem Charme ironisch ihres Weges gehen. Insgesamt kann man sie als abgerissene Figuren bezeichnen, die nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens stehen.

Mir gefällt dieses aufgeblasene Cowboy-Gehabe. Obwohl die Figuren überzogen sind, finde ich es absolut authentisch erzählt. Beim Lesen habe ich meist ein Schmunzeln im Gesicht, weil Lansdale Ereignisse und Dialoge trocken rüber bringt. Lansdales derben Esprit muss man eben mögen, weil sein eigener Humor gefühlt auf direktem Weg aus der Wüste kommt.  

Oberflächlich betrachtet haben seine Geschichten einen primitiven Grundton. Sie setzen auf Humor, Blut und verstörende Gemetzel. Meiner Meinung nach sind darin ganz geschickt tiefgründige Themen und eine ordentliche Portion Gesellschaftskritik verpackt. Ich merke deutlich, dass der Autor gegen Rassismus, Gewalt und Diskriminierung einsteht - auch wenn seine Art dies zu zeigen äußerst individuell ist. 

Ich mag diesen schwarzhumorigen, nüchternen Stil. Mir gefällt, dass Lansdale jugendliche Illusionen auf’s Korn nimmt und mit den reiferen Blick der Erfahrenheit alles nicht so eng sieht. Es gibt keine Schwarzweißmalerei. Die Farben sind verwischt und es ergibt sich ein schillerndes Bild, wie vom Leben abgemalt.

Bemerkenswert sind zudem die Facetten von Texas, die der Autor dem Leser vor Augen führt. Wer hätte bei dem amerikanischen Bundesstaat jemals an Schnee und Rollsplitt gedacht? Ich hatte bisher nur trockene Wüste und schwülen Dschungel vor Augen, was dank Lansdale nun berichtigt ist.

Im Endeffekt hat mir mein erstes Abenteuer mit Hap und Leonard großen Spaß gemacht. Ich fand es interessant, diese beiden abgerissen Typen näher kennenzulernen, ihnen über die Schulter zu schauen, und gemeinsam einen wilden Winter in Texas zu erleben. Für meinen Teil freue ich mich, wenn es mit dem zweiten Band - „Mucho Mojo“ - weitergeht.

 
 
Hap & Leonard:
01) Wilder Winter
02) Mucho Mojo
03) Bärenblues
04) Schlechtes Chili
05) Rumble Tumle
06) Machos und Macheten
07) Das Dixie-Desaster
08) Rote Rache
09) Krasse Killer
10) Bissige Biester
Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.com

Märchenhafter Horror der Gegenwart

Erhebung: Roman - Stephen King, Bernhard Kleinschmidt

Zustand sollte eigentlich beunruhigend sein, doch für Scott beginnt damit der Weg zur Erhabenheit.

Diese Kurzgeschichte von Stephen King ist kein typischer Horror-Snack, sondern bleibt bis auf Scotts merkwürdigen Verfall ganz in der Realität verhaftet. 

Als passionierter Stephen-King-Leser ist man erneut in der Stadt Castle Rock in Maine zu Gast. Eingangs wird man mit Scotts seltsamer Gewichtsabnahme konfrontiert. Der füllige Mann findet keine Erklärung dafür, warum die Kilos purzeln und dabei sein Körperumfang gleich zu bleiben scheint.

Das Gewichts-Thema hatte King schon einmal. Wer an „Der Fluch“ beziehungsweise „Thinner“ denkt, darf sich auf eine ganz andere Geschichte freuen. 

Denn diese Gewichtsabnahme ist zwar merkwürdig, mysteriös und schauderhaft, gibt aber nicht den Grundton der Handlung an. 

Hauptsächlich geht es in „Erhebung“ um gegenseitige Toleranz, Inklusion und Erhabenheit. Der Autor schreibt damit ein Plädoyer gegen Ausgrenzung, und zeigt in seiner Geschichte, dass man keine Angst vor anderen Menschen haben muss. Es hilft, wenn man aufeinander zugeht, toleriert und menschliche Würde respektiert.

Auf diese Weise geht Scott sein bescheidenes Leben an. Die Scheidung ist durch, er ist anscheinend todkrank, und vor seinem - phänomenalen - Abgang will er ein bisschen Erhabenheit in die Welt zaubern.

Als Sinnbild für die amerikanische Kleinstadt ist für mich Castle Rock zu verstehen. Alles ist erlaubt, nur darf es nicht in der Öffentlichkeit geschehen. Während sich die einen als tolerante Mitbürger sehen, wird anders denkenden Menschen rasch der Schneid abgekauft - weil man sie eigentlich gar nicht in der eigenen Mitte will.

Außerdem stellt der Autor dar, dass Toleranz und Inklusion angenommen werden müssen. Es liegt nicht nur an einer Seite, Gemeinsamkeit aufzubauen, sondern der gute Wille muss ebenso akzeptiert und angenommen werden. Nur wenn eine gütige Hand ergriffen wird, kann sie Hilfe spenden.

Mir hat dieses knackig-kurze Werk exzellent gefallen, obwohl auf den knappen Seiten wenig Raum für die Entfaltung sämtlicher Elemente bleibt. Doch ich denke, die wesentliche Botschaft ist bei mir angekommen. Ich bin auf’s Neue überrascht wie gesellschaftskritisch und schillernd Stephen Kings Bücher sind. Gerade mit dieser kleinen, märchenhaften Perle beweist er, dass er so viel mehr als Horror kann.

Unterm Strich bleibt eine moderne Kurzgeschichte, die vor Gesellschaftskritik strotzt, sich mit Themen unserer Gegenwart befasst, und ein klein wenig Märchen-Flair hat.

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.com

Raues Stockholm von 1793

1793 - Niklas Natt och Dag

Stockholm, 1793. Aus der Stadtkloake wird der scheußlich verstümmelte Leichnam eines Mannes geborgen. Jurist Cecil Winge und Häscher Jean Michael Cardell nehmen sich der Aufklärung des Verbrechens an.

Bei „1793“ handelt es sich um einen atmosphärischen, brutalen Kriminalroman, der den Leser in die Abgründe von Stockholm am Ende des 18. Jahrhunderts zieht.

Bei diesem historischen Krimi darf man sich keinen nostalgischen Blick auf eine verklärte Vergangenheit erhoffen, man darf keine zarten Liebesgeschichten erwarten, und die Krimihandlung an sich wird nicht allein durch sterile Detektivarbeit geklärt. 

Autor Niklas Natt och Dag lädt den Leser in ein düsteres, gewalttätiges Stockholm von 1793 ein. Hier wird getrunken, gemordet, vergewaltigt, die Kloake schießt zum Himmel und Geistliche sowie Beamte triefen vor Scheinheiligkeit.

Mittendrin ist Kriegsveteran Jean Michael Cardell, der als Häscher im Stadtdienst nur seine Ruhe will. Doch als ihn Kinder auf die grausam verstümmelte Leiche aufmerksam machen, siegt sein Gerechtigkeitssinn.

So trifft er auf den Juristen Cecil Winge, der für besondere Verbrechen in Stockholm zuständig ist. Gemeinsam arbeiten sie sich in die spärlichen Indizien ein, und die Jagd auf den Mörder beginnt.

Protagonist Jean Michael Cardell überzeugt als Veteran durch seine Fehlbarkeit. Er ist kein strahlender Held, kein selbstgerechter Ritter, dessen Sinn bloß nach Gerechtigkeit strebt. Cardell ist ein Kriegsversehrter, der mit seinem Holzarm und Hang zur Trunkenheit durchaus zur Schlagkräftigkeit neigt.

Ergänzend dazu, weiß Winge durch manchen gedanklichen Hinterhalt Hiebe zu verteilen. Zudem schaut der Jurist mit seiner Tuberkulose dem Tod ins Gesicht, was für die Ermittlungen selbst nicht immer förderlich ist.

Die Perspektiven von Cardell und Winge werden durch die Geschichten von Kristofer Blix und Anna Spina vervollständigt. Dadurch erlebt der Leser Schicksale, die von einer hoffnungsvollen Zukunft auf falsche oder schwierige Wege abrutschen, und sich mühevoll Schritt für Schritt voran kämpfen.

Allen Charakteren gemein, ist eine schwere Hoffnungslosigkeit, gegen die sie sich zwar zur Wehr setzen, sie jedoch nicht abschütteln können. Allesamt sind sie vom bisherigen Leben gezeichnet, auch wenn sie oftmals Glück im Unglück hatten. Trotz verheilter Narben, haben sie tiefe Furchen in der Seele zu ertragen, was sie zu gefährlichen, wenn auch im Kern, guten Menschen macht.

Bemerkenswert sind die Brutalität und ihre detaillierten Beschreibungen. In diesem Zusammenhang ist schon eher von einem historischen Thriller als Roman zu sprechen, der zartbesaiteten Lesern wohl rasch im Magen liegt.

Die Handlung lässt gleichfalls an einen Thriller denken, wobei der Täter direkt bei der Tat vom Leser beobachtet wird. Bei diesen Szenen braucht es starke Nerven, was dafür - neben erschreckender Abscheulichkeit - absolut fesselnd ist. 

Niklas Natt och Dag hat ein tristes Bild dieses Milieus und seiner Zeit beschrieben. Die Figuren drücken auf’s Gemüt, die Tristesse schwimmt in der Stockholmer Kloake oben auf, und die Hoffnung fährt wie der übel riechende Wind eines Betrunkenen in die Nüstern der Geistlichkeit, was insgesamt einen beeindruckenden Roman ergibt.

Ich mag die Mischung aus dichter Atmosphäre, verlorener Figuren, packender Krimihandlung und dem historischen Stockholm, was „1793“ für mich zum Historien-Highlight macht. Selten habe ich einen derart exzellenten Roman gelesen, der die Stärken mehrerer Genres gekonnt vereint, und damit den Leser in eine raue Szenerie der Vergangenheit gleiten lässt. Dieser Roman ist roh und brutal, aber eindeutig lesenswert.

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.com

Kurzweiliger Krimi-Abend

Der Dienstagabend-Klub - Agatha Christie

Am Dienstagabend trifft sich ein ungewöhnlicher Klub: Ein Schriftsteller, eine Schauspielerin, ein Kommissar außer Dienst, ein Pfarrer, ein Rechtsanwalt und eine alte Dame sind dabei. Sie erzählen sich gegenseitig geheimnisvolle Kriminalfälle und lassen die anderen raten, wer im vorgelegten Fall, der oder die Schuldige ist. Miss Marple zeigt, dass Menschenkenntnis allein oft der Schlüssel zum Krimi-Rätsel ist.

Wie meistens fällt es mir schwer, meine Leseeindrücke zu einer Kurzgeschichtensammlung auszudrücken. Die Schwierigkeit besteht darin, allen Geschichten einigermaßen gerecht zu werden. 

Die Rahmenhandlung um die bunte Truppe finde ich von Agatha Christie vortrefflich gewählt. Es ist spannend, wie sie sich gegenseitig taxieren, vergnügt selbst erlebte Krimi-Rätsel präsentieren und sie Theorien und Hypothesen formulieren.

In der illustren Runde hat niemand mit der messerscharfen Kombinationsgabe von Miss Jane Marple gerechnet, die jeden Fall zum Ende bringt. Diese Tatsache hat mich dann doch gewundert, weil ihnen die kleine alte Dame bekannt und sie mit manchen Teilnehmern sogar verwandt ist. Eigentlich sollte man meinen, sie wüssten, was in Miss Marple steckt.

Agatha Christie hat in dieser Krimi-Rätsel-Runde dreizehn knackig kurze Fälle vereint, die kurzweilig zu lesen sind. Anfangs habe ich mich berieseln lassen, dann wurde auch bei mir das Rätselfieber entfacht. Obwohl ich die Indizien abgewogen und sämtliche Hinweise berücksichtigt habe, tippte ich nicht einmal auf den korrekten Hergang.

Das zeigt, dass Agatha Christie eine geniale Krimi-Konstruktionsgabe innehatte, die großteils nur von ihrer Miss Marple durchschaut werden kann. 

Auch wenn man immer auf die unscheinbaren Elemente im Tathergang späht, hat man meist ein entscheidendes Element zur Auflösung des Falls übersehen. Die Autorin lenkt den Leser genial von den gestreuten Details ab, sodass man am Ende vor einer Überraschung steht.

Zugegeben, mancher Fall war schon sehr, sehr einfallsreich. Den Tathergang um blaue Geranien, die das Opfer in den Tod treiben, war meinem Geschmack nach zu konstruiert. Hingegen hat mich „Die seltsame Angelegenheit mit dem Bungalow“ herrlich amüsiert. Bei diesem Kurz-Krimi kommt die Schauspielerin in der Runde zu Wort, die bis auf ihr Aussehen wohl nicht viel zu bieten hat.

Letztendlich sind sich alle einig, dass Miss Jane Marple nicht zu übertreffen ist:

„Wie Sie die Wahrheit herausgekitzelt haben, war geradezu genial. Und ich weiß noch, Sie hatten immer eine dörfliche Parallele bei der Hand, die Ihnen den entscheidenden Hinweis lieferte.“ (S. 228)

Ich habe diese Krimi-Sammlung um Miss Marple gerne gelesen. Bei allen Geschichten ist britisches Ambiente spürbar, die Noblesse und vornehme Zurückhaltung jener Zeit. Zudem hat mir das Rätseln um den Tathergang großen Spaß gemacht und mir knifflige Lesestunden beschert.

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.com

Technisch geprägtes Zukunftsszenario

Cat & Cole: Die letzte Generation - punchdesign Johannes Wiebel, Emily Suvada, Vanessa Lamatsch

Krankheiten, Verletzungen oder äußerliche Makel gibt es nicht mehr. Technische Errungenschaften ließen die Menschen gedeihen. Mittlerweile sind Unannehmlichkeiten des Lebens so gut wie ausgemerzt. Bis eine todbringende Pandemie über die Erde kommt und selbst die Technik nicht mehr weiterhilft. Cat ist die letzte Hoffnung - weil sie den Impfstoff als Einzige entschlüsseln kann.

"Cat & Cole. Die letzte Generation" ist ein Reihenauftakt, der sich im dystopischen Rahmen bewegt. Das Ende der Menschheit ist eingeläutet, weil ein Virus die Welt bedroht. Die Jugendliche Cat scheint den Schlüssel für den Impfstoff zu besitzen, obwohl sie nichts davon ahnt!

Zwei Schlagworte haben mich bei diesem Buch gelockt: Virus und Endzeit beziehungsweise Dystopie. Ich sehe mir gern die Vorstellungen von Autoren an, wie sich die Menschheit weiterentwickelt. Diese Zukunftsszenarien regen zum Nachdenken an, und ich meine, Emily Suvada ist das hervorragend gelungen.

Protagonistin Catarina ist die Tochter eines famosen Wissenschafters. Er arbeitet an einem Impfstoff, der die Menschen vor dem tödlichen Virus retten soll. Sie selbst versteckt sich im Untergrund, und geht als Hakerin ihren eigenen Weg, weil sie es ihrem Vater versprochen hat. Seiner Anweisung nach hält sich vom Labor, den Schutzbunkern und dem Unternehmen Cartaxus fern, das die Monopolstellung innehat. Doch dann erhält sie eine erschütternde Nachricht, und eine Odyssee quer durch die menschliche DNA beginnt.

Erfrischend anders ist der Verlauf der Handlung. Ich habe viele Endzeit-Romane und Jugendbücher aus diesem Bereich gelesen. Daher freue ich mich, dass Emily Suvada neuen Wind reinbringt.

Es gibt viele Überraschungen, perfide Geheimnisse, bedrohliche Wendungen und beängstigende Entwicklungen.

Meiner Meinung nach ist die technische Komponente in dieser Reihe ausschlaggebend. Die Menschen verfügen über ein integriertes Panel, das ich als Weiterentwicklung unserer gegenwärtigen Smartphones verstehe. Damit können sie nicht nur mit anderen kommunizieren und sich ins Netz begeben, sondern sie wirken mittels Panel auf den eigenen Körper ein. Denn dieses hochmoderne Gerät überwacht Vitalfunktionen, greift bei biologischen Störungen ein oder sendet mittels Nanotechnologie Teilchen durch den Blutkreislauf, wenn der Körper krank oder verwundet ist.

Diese Vorstellung ist meiner Ansicht nach genial, und gar nicht weit von der aktuellen Smartphone-Nutzung entfernt. Schrittzähler, Food-Tracker und ähnliche Apps haben schon jetzt einen hohen Stellenwert. Gleichzeitig werden Hörgeräte implantiert oder dem Herz wird mittels Stromimpuls auf die Sprünge geholfen. Emily Suvada vereint diese Entwicklungen und setzt damit ihre Idee der Menschheit in der Zukunft um.

Haken an der Sache ist - wie in der Realität - die Monopolstellung einzelner Unternehmen. Wer Schirmherr über die notwendige Hard- und Software ist, hält die Kommunikation, das Leben - wenn nicht sogar das Schicksal der Menschen in der Hand. Und diesen Aspekt hat die Autorin gesellschaftskritisch aufbereitet.

In der Beschreibung der technischen Komponenten liegt gleichzeitig der einzige Minuspunkt: Manchmal ist es mühsam sich auf die Details zum Panel, den Apps und Nanoteilen einzulassen, und stoppt dadurch den Lesefluss.

Abseits der ernsten Thematik ist Cats Geschichte herrlich spannend, fesselnd und im Jugendbuch-Stil eindrucksvoll umgesetzt. Ständig wendet sich das Blatt, die Figuren schillern in bunten Farben, Motive sind nicht gleich durchschaut, und die Auflösung am Ende weckt Interesse an der Fortsetzung.

Für mich ist „Cat & Cole. Die letzte Generation“ ein beachtlicher Einstieg in eine technisch geprägte Welt, wie sie es vielleicht in naher Zukunft gibt.


Die Cat-&-Cole-Reihe:
1) Cat & Cole. Die letzte Generation
2) Cat & Cole. Ein grausames Spiel

Wenn der Familienurlaub zum Horror wird

Das Haus am Ende der Welt - Paul Tremblay Eine einsame Hütte an einem See mitten im Wald von New Hampshire: So stellen sich Andrew und Eric die familiäre Urlaubs-Idylle mit Töchterchen Wen vor. Relaxen und einfach eine Familie sein. Doch dann stehen vier bewaffnete Personen vor der Tür, und der Horror fängt an. „Das Haus am Ende der Welt“ ist ein nervenzerreißend spannender Horror-Roman, genauso wie es mit Stephen Kings Namen am Cover prangt. Zu Beginn lernt der Leser in einem knappen Abschnitt Wen und ihre Väter Eric und Andrew kennen. Besonders am Anfang wird der 7-jährigen Wen viel Raum gegeben, weil sie die Story um die vier Gestalten ins Rollen bringt. Wenige Seiten später ist es schon so weit, und diese vier - tatsächlich bis auf die Zähne bewaffneten - Personen hämmern an die Tür. Andrew, Eric und Wen bekommen es mit der nackten Angst zutun, die rasch in Panik umschlägt, weil sie nicht entkommen können. Denn damit im Urlaub ablenkungslos entspannt wird, gibt es weder ein Handy noch Internet oder ein analoges Telefon. Bis hierhin war mir absolut klar, in welche Richtung die Geschichte geht. Hat man nach dieser Eingangsszene nicht automatisch den Splatter-B-Movie im Kopf? Ich dachte mir, gut geschrieben, aber eben nichts Neues, bis auf die Tatsache, dass die Eltern beide Männer sind. Falsch gedacht! Denn nun wird es richtig, richtig abgefahren, und die Spannung steigt mit jedem Augenblick. Die Bredouille ist spürbar, ich klebte an den Seiten und bin von einem Kapitel zum nächsten gehetzt. Einerseits verläuft die Geschichte komplett anders als erwartet. Auf einmal stehen viele Fragen im Raum, man versucht, das Geschehen zu verstehen, und kann nicht einordnen, wohin die Reise geht. Hinzu kommen Überraschungsmomente - auf Splatterniveau - die erschreckend abrupt geschehen, und somit der Handlung zusätzlichen Sog verleihen. Andrerseits ist die Thematik inklusive des Gesamtsettings originell umgesetzt, und gibt dem Roman das gewisse Extra, wodurch er zu meinen diesjährigen Highlights zählt. Dabei gibt es zwei offensichtliche Perspektiven, wie man die Handlung und ihren Hintergrund deuten kann. Entweder ist es brutale Realität, die von verwirrten Geistern betrieben wird, oder es hat einen übernatürlichen Ursprung, der mindestens genauso beängstigend ist. Bis auf die spannende Handlung - die im wahrsten Sinne des Wortes nervenzerreißend erzählt wird - gibt es einige Rückblenden, um Andrew, Eric und ihre Tochter Wen kennenzulernen. Als Leser wirft man einen Blick auf ihre Vergangenheit, es werden interessante und teilweise erschütternde Episoden aus ihrem Leben erzählt. Man erfährt, wie Wen überhaupt zu ihren zwei Vätern kam, und, warum sie ihre Samstagnachmittage in der chinesischen Schule verbringt. Genau wie der gesamte Roman ist der Schluss eigenartig, dennoch passend zum Gesamtpaket umgesetzt. Ich denke, dass der Ausgang nicht jedem gefällt. Mich hat er jedenfalls berührt. Ich habe tagelang darüber nachgedacht, weil mich dieses Buch nicht losgelassen hat. Paul Tremblays „Das Haus am Ende der Welt“ ist bestimmt nicht für jeden Leser geschrieben, und wird garantiert nicht nur Freunde finden. Für mich ist es ein absolut origineller Horror-Roman, der mit alten Themen spielt, ihnen ein neues Gewand verleiht, und aufgrund seiner ungewöhnlichen Umsetzung zum Highlight wird. Neben der herausragenden Spannung - ich habe mich beim Lesen gewunden, weil es gar so nervenzerreißend war - hat mich der Autor mit seinem Einfallsreichtum und Mut zum Ungewöhnlichen überzeugt. Ich vergebe die höchste Bewertung, und hoffe, dass es noch ganz viel Horror von Paul Tremblay zu lesen geben wird.
Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.com

Im Supermarkt des Wahnsinns

Drive-In: Die Trilogie erstmals in einem Band - Dietmar Dath, Joe R. Lansdale, Alexander Wagner

Das größte Drive-In-Kino von Texas ist durch einen Kometen von der Außenwelt isoliert. Viertausend Autos sind eingeschlossen, während der leere Wahnsinn die Kinobesucher umzingelt.

"Drive-In" beinhaltet Lansdales gesamte Drive-In-Trilogie. Es beginnt mit dem Kometen, der Jack und seine Freunde im Autokino einschließt, geht über einen Mittelteil, der das Geschehen und den Leser an die Grenzen bringt, und endet mit einem außergewöhnlichen Abschluss, der einen regelrecht aus dem Drive-In-Orbit schießt. 

Vom Genre her ist diese Trilogie schwierig einzuordnen. Der Roman zeigt deutliche Horror-Elemente, die - wenn man sie mit Ernst betrachtet - blutig, grausam und ekelerregend sind. Hinzu kommt ein kräftiger Fantasy-Einschlag, der dennoch einen philosophischen und gesellschaftskritischen Blick auf die Gegenwart und die Realität wirft.

Die Handlung beginnt am Freitagabend, wenn die Horror-Filme ins Autokino locken. Das Orbit ist das größte Drive-In-Kino von Texas und bietet ungefähr viertausend Wagen Platz. Besonders zum Wochenende hin, wenn das Kettensägen-Massaker und ähnliche Streifen mit ihren abscheulichen Gräueltaten rufen - ist es überaus gut gefüllt.

Während sich Jack und seine Freunde auf einen feinen Filmabend des Grauens freuen, und es sich schon einmal gemütlich machen, segelt ein Komet auf die Erde herab, der den wahren Schrecken über die Filmbegeisterten bringt.

Das Autokino ist ab sofort von der Außenwelt abgeschnitten, und niemand weiß, was geschehen ist. 

Ab hier nimmt die Handlung schon bizarre Muster an, und fantastische Aspekte werden eingesetzt. Zwar spitzt sich die Lage auf natürlichem Weg zu - man denke an Nahrungsmittel und Wasserversorgung für tausende Menschen - doch auch Übernatürliches spielt mit rein.

Mitten im übernatürlichen Gebaren sind durchaus natürliche Aspekte zentral. Die Menschen verlieren bald ihre Geduld. Sie sind eingepfercht, werden ununterbrochen vom Horror beschallt und mit Popcorn abgefüttert, was rüde Brutalität zum Vorschein bringt. 

Schon allein an dieser kurzen Beschreibung kann man ablesen, dass Lansdale trotz des pulpmäßigen Stils gesellschaftskritische Töne anschlägt. Inwiefern er dieses Konzept bewusst anstrebt, ist mir allerdings schleierhaft.

Ich habe noch nie, wirklich noch nie, eine so irre Story gelesen. Es ist dreckig, es ist blutig, es ist abgefahren, und meistens faszinierend merkwürdig.

„Denn es war die Gesamtsituation, die richtig durchgeknallt war, richtig?“ (S. 282)

Die Handlung plätschert relativ gleichförmig dahin. Dabei hatte ich das Gefühl, dass Lansdale einfach drauf los geschrieben hat. Nach genauerer Betrachtung denke ich schon, dass er ein Gesamtkonzept vor Augen hatte, das einem nach Abschluss der Geschichte nachdenklich stimmt.

Lansdale zieht unter anderem mit scharfer Zunge über die Medien her. Er macht aus Film die Realität, während die Menschen begreifen, dass die Realität durchaus filmreif ist:

"Schließlich hatten sie gelernt, dass Filme die Wirklichkeit waren und alles andere Illusion, die man mühsam erzeugen musste." (S. 346)

Dabei darf man Joe R. Lansdale nicht als feinfühligen Philosophen sehen, weil dieses Werk in Ausdrucksweise, Sprache, Szenen und Passagen im derben Stil des Autors widerlich ist. Es geht um Sex, Gewalt, Blut und Fäkalien, die sich seitenweise durch die Trilogie ziehen.

Letztendlich fällt es mir schwer, Lansdales „Drive-In“ zu bewerten, aber ich kann definitiv sagen, dass ich es gerne gelesen habe. Ich habe mir angewidert das Blut aus dem Gesicht gewischt, habe den Gestank menschlicher Ausdünstungen ertragen, und bin auf Fäkalien durch das Gedärm in Richtung Orbit geritten - wenn das mal kein Erlebnis ist!

Zum Abschluss kann ich nur raten, sich bei Interesse selbst ein Bild von diesem bizarren Stück Fantasy zu machen. Hier muss jeder für sich entscheiden, ob es große Philosophie oder eher Alice-im-Wunderland-für-Fortgeschrittene ist.

„Ich sage ja nicht, dass das hier nicht ein echter Supermarkt des Wahnsinns ist.“ (S. 472)

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Qualvolles Meisterwerk

Qual (Allgemeine Reihe) - Stephen King, Richard Bachman

Blaze will ein ganz großes Ding drehen, weil dann hat er - der Meinung seines Freunds George nach - ausgesorgt. Wie geplant, entführt er das Baby einer reichen Familie. Doch wie geht es nach der Entführung weiter? Denn der geistig zurückgebliebene Blaze ist seit Georges Tod auf sich allein gestellt. Außer, wenn ihm George erscheint und zu ihm spricht.

Ich greife regelmäßig zu den Büchern von Stephen King und habe daher schon viele seiner Geschichten entdeckt. "Qual" ist erstmals unter dem Namen Richard Bachman erschienen, und zeigt erneut, dass der Meister viele Gesichter hat.

Dieser Roman ist kein Horror, er ist nicht einmal leichte Gruselkost. Trotzdem stellt es dem Leser die Gänsehaut auf, weil diese Geschichte absolut tragisch ist. Selten ist mir ein Buch derart unter die Haut gekrochen. Zwischendrin musste ich sogar pausieren, weil mir Blazes Leben fast eine Spur zu nahe ging.

"Qual" - im Original "Blaze" - erzählt vom geistig beeinträchtigten Blaze, der das Baby reicher Eltern entführt. Mit dem Lösegeld will er sich ein neues Leben aufbauen, weil er dann ausgesorgt hat. Anfangs liest es sich widerwärtig, wenn man an diese Tat denkt. Ich hatte das Bild eines grobschlächtigen, dummen Mannes vor Augen, der zum Inbegriff des Bösen wird.

Allerdings wäre es nicht King, wenn er nicht mit den Facetten des Verbrechens, der Figur Blaze, und der Tragik der Geschichte an sich spielt.

Auch ein Verbrecher wie Blaze hat Gefühle, ist emotional, und ist als unschuldiges Kind geboren worden: 

"Es war eine schmutzige Welt, und je länger man lebte, desto dreckiger wurde man." (S. 213)

Daher geht der Autor Blazes Geschichte von zwei Seiten an. In der Gegenwart lernt man diesen überaus kräftigen Burschen mit der Delle im Schädel kennen, den man trotz seines einschüchternden Auftretens rasch lieb gewinnt. Denn hinter dem Verbrecher, dem Kidnapper,  diesem betrügerischen Ganoven am Rande der Debilität, steht ein gutmütiger Mann mit einem goldenen Herz, der es einfach nicht besser weiß.

Zudem taucht man ständig in Blazes Erinnerung ab. In vergangenen Passagen erfährt man, warum Blaze an diesen Punkt gekommen ist, wie seine Kindheit und Jugend verlaufen sind, und, weshalb er mit George - dem Geisterfreund - spricht.

Mich hat Blazes Geschichte berührt. King hat mich damit mitten ins Herz getroffen, mir die Augen für die Grauschattierungen der Welt geöffnet, und mir ein weiteres Mal gezeigt, dass das Leben mehr als gute und böse Menschen zu bieten hat. 

Thematisch greift der Autor damit soziale Milieus auf, die oft von vornherein zum Scheitern verurteilt sind. King zeigt, dass manche Menschen niemals eine Chance im Leben haben, egal, wie sie sich bemühen. 

Obwohl „Qual“ in Kings ruhigen Stil gehalten ist, holt einen die Atmosphäre sofort in die Geschichte rein, während man an Blazes Seite ein Kind entführt, und sich das tragische Schicksal dieser Figur langsam vor einen ausbreitet. Es wird spannend und gewohnt dicht erzählt, was diesem Buch unentrinnbare Eindringlichkeit verleiht.

Im Endeffekt ist „Qual“ eine dramatische Geschichte, die veranschaulicht, wie ein Leben unter dem Butterbrot verläuft, wenn das Schicksal seine Zähne reinschlägt. Empfehlenswert.

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Die Schwester und der Star

Rock Tango - Monika Wurm

Krankenschwester Sunshine gewinnt ein Meet-and-Greet mit ihrem Schwarm: Damien Shane, der Lead-Sänger einer Rockband. Vom unerreichbaren Traum wird das Treffen zum fürchterlichen Albtraum, den Sunshine so schnell wie möglich vergessen will. Doch das Leben hat ein weiteres Treffen parat: Als Sunshine einen verunfallten Mann pflegen soll.

Mit "Rock Tango" habe ich mir zur Abwechslung einen Liebesroman geschnappt, der mich aufgrund der Konstellation - Krankenschwester pflegt erblindeten Rockstar - sofort interessiert hat. Leider erfüllt die Autorin nicht ganz meine Erwartungen. 

Sunshine ist mir mit ihren 26 Jahren zu naiv geraten. Sie ist ein großer Fan dieser Rockband und ihrem Lead-Sänger: Damien Shane. Diese Fan-Allüren gehen so weit, dass sie teeniemäßig Poster über ihrem Bett hängen hat, nur mit ihren Lieblingsliedern in den Ohren einschläft und den Sänger derart vergöttert, dass sie wegen eines Blicks auf ihn sogar mehrere Stunden im strömenden Regen steht.

Ehrlich gesagt, dieser Fanatismus ist für mich bei einer erwachsenen Frau nicht nachvollziehbar. Meiner Meinung nach degradiert sich Sunshine dadurch selbst zum letzten Dreck. Dann wundert sie sich, wenn sie dementsprechend behandelt wird. Damit meine ich keinesfalls, dass respektloses Verhalten ihr gegenüber gerechtfertigt ist! Allerdings ist sie für mich damit als Leserin in die "Unschuldig-naive-Mädchen-Schublade" gerutscht, was für mich weder zu ihrem Alter noch zur Lebenserfahrung passt.

Im Gegensatz dazu ist Damien, alias Yassine unter bürgerlichen Namen, der Bad Boy der Story. Er versprüht nicht nur dunklen Charme, sondern ist eingangs richtig bösartig. Im Verlauf der Handlung werden sein Charakter, sein Antrieb und sein Wesen facettenreich sowie nachvollziehbar dargestellt, was aber nicht über das schockierende Szenario am Beginn der Geschichte hinweg tröstet. Dennoch ist Monika Wurm diese Figur exzellent gelungen. Sie führt ihn der Leserschaft glaubwürdig vor Augen, und sie zeigt, warum Yassine zum handfesten A*** mutiert ist.

Nach dem Schock-Szenario eingangs entwickelt sich die Annäherung zwischen Patient und Pflegerin, die durch freche Dialoge und Funken sprühende Gesten glänzt. Dieser Part - wie sich Sunshine gegen Yassines Übergriffe wehrt, ihm flott Paroli bietet und ihn sogar manches Mal sprachlos zurücklässt - hat mir sehr gut gefallen. Leider hat es nicht zum Gutmensch-Wesen von Sunshine gepasst, weil sie eigentlich ein graues Mäuschen ist, das plötzlich ihre Schlagfertigkeit entdeckt.

Die Handlung wird von Autorin Monika Wurm sehr konstruiert am Leben gehalten, indem Sunshine regelrecht vom Pech verfolgt ist. Das war für mich zu viel des Guten. Es geschehen dermaßen viele Schicksalsschläge, die sie in Yassines bzw. Damiens Arme treiben, dass der eigentliche Charme der Story in diesem Zwang untergeht.

Es gäbe weitere Kritikpunkte, die ich jetzt nicht im Detail besprechen will: Zu viele Themen werden gestreift und der Schreibstil ist gerade bei Szenenübergangen gestelzt. Hinzu kommen noch Unachtsamkeiten - zum Beispiel werden Fragen durch Nicken beantwortet, obwohl das Gegenüber nicht sehen kann.

Nachdem ich so viel kritisiere, muss ich trotzdem sagen, dass ich „Rock Tango“ gern gelesen habe. Für zwischendurch hat es mir gefallen. Ich mochte die Grundidee, den Handlungsverlauf und den flotten Schreibstil, der zwar nicht durchgängig, dennoch vorhanden ist. 

 
 
Die Rock-Tango-Reihe:
1) Rock Tango
2) Rock Tango. Im Licht ihrer Farben
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Großartiger Faktenroman

Das Verschwinden des Josef Mengele - Olivier Guez

Nach dem Zweiten Weltkrieg - im Jahr 1949 - flüchtet Josef Mengele nach Argentinien. Der berüchtigte Arzt vom Konzentrationslager Auschwitz ist für grausame Experimente bekannt. In Argentinien schafft er sich eine neue Existenz - die weitab von seiner Geschichte in Deutschland liegt.

Der Name Josef Mengele ist mit grausamen Verstümmelungen und Experimenten verbunden. Auf seine Person strahlt ein Todesschein wie direkt aus der Hölle empor. Jahrelang war ungewiss, was aus dem gefürchteten Lagerarzt geworden ist. Erst 1979 wurden Mengeles Überreste in Brasilien entdeckt. 

In diesem Tatsachenroman schildert Olivier Guez das Leben von Josef Mengele nach seiner berüchtigten Karriere im KZ. Guez folgt dem Arzt nach Argentinien, weist ihn mit falschen Papieren in ein neues Leben ein, lässt Mengele die Unterstützung von Diktator Perón angedeihen, und veranschaulicht, wie ihn die Paranoia Jahre später nach Brasilien treibt. 

Meiner Meinung nach ist "Das Verschwinden des Josef Mengele" exzellent gelungen. Olivier Guez schreibt in Romanform ohne dabei die notwendige Distanz zur Hauptfigur zu verlieren. Im nüchternen Ton erzählt er von Mengeles Stationen, Ereignissen in Südamerika, und wie der alte Nazi nach und nach den Boden unter den Füßen verliert. 

Dabei spart Guez auch nicht Mengeles Unterstützer aus. Etliche Nazis haben sich nach dem Krieg in Südamerika verschanzt, wo sie ihr braunes Gedankengut im engsten Kreis pflegten. Gleichzeitig wurden sie von Freunden, Familien und Verwandten aus Deutschland unterstützt, obwohl weltweit gefahndet wurde.

Der Roman hält, was der Titel verspricht. Autor Guez konzentriert sich auf das Verschwinden Mengeles nach dem Krieg. Ich hätte mir ebenso einen kurzen Einblick in seine Untaten während des Zweiten Weltkriegs gewünscht. Zwar werden kleinere Episoden erwähnt, dennoch war mir dieser Teil zu ungenau, weil es meiner Meinung nach nicht das Ausmaß seiner Verbrechen erfasst.

Der emotionslose, tatsachenbetonte Stil passt meiner Ansicht nach exzellent zum Thema. Jede Identifikationsmöglichkeit mit der Hauptfigur hätte unpassend gewirkt, und Mengeles Geschichte einer Tragödie gleichgesetzt. Schockiert war ich über all die Gelegenheiten, bei denen Mengele den Behörden aufgrund von Unachtsamkeit entgangen ist. Ich hätte nicht gedacht, dass es häufig relativ knapp gewesen ist.

Gleichzeitig bleibt Guez bei den Fakten, und schmückt Mengeles Treiben nicht unnötig aus. Es gab seinerzeit Gerüchte, dass der Lagerarzt in Saus und Braus das Leben genießt, und mit jungen Damen als Beiwerk berauschenden Champagner schlürft. Der Autor räumt damit auf, und zeichnet dramaturgisch den sozialen Verfall dieser Figur. Dabei setzt er ihm treibender Paranoia aus, die Mengele rastlos hinter verschlossenen Fenstern sitzen lässt.

Alles in allem ist „Das Verschwinden des Josef Mengele“ ein großartiger Faktenroman, der nüchtern erzählt, wie es dem Todesengel von Auschwitz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ergangen ist. Für zeitgeschichtlich Interessierte ist dieses (Hör-) Buch definitiv empfehlenswert.

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Verliebt.

#ichwillihnberühren - OJ & ER

OJ und ER liegen nebeneinander auf dem Bett und sehen fern. Was eigentlich eine ganz normale Situation zwischen zwei Kumpel ist, birgt doch etwas mehr. Denn OJ steht auf seinen Freund und teilt mit der Jodel-Community unter #ichwillihnberühren, dass er eben mehr von ihm will. 

„#ichwillihnberühren“ ist eine einfache, absolut fesselnde Liebesgeschichte, bei der sogar ich mich verliebt habe!

Ausgangslage ist die Situation im Bett. OJ und ER liegen platonischerweise vor dem TV, während OJ seine Chance nutzen will. Doch in der Liebe - im Besonderen wenn sie gleichgeschlechtlich ist - sind die ersten Schritte schwierig. Daher teilt OJ seine Zweifel mit der Jodel-Community.

Für jene, die Jodel nicht kennen: Es handelt sich um eine App, bei der man anonym in einer Community schreibt, die regional begrenzt ist. Daher richtet sich OJ an Jodel-Nutzer seiner Umgebung, die Ratschläge geben, mitfiebern und ihm ganz viel Glück wünschen.

Die Handlung an sich ist simpel gehalten. OJ ist in seinen Kumpel verliebt, und weiß nicht so recht, ob und wie er zum nächsten Schritt kommt. Diese Situation ist so authentisch beschrieben, dass ich mich selbst in die Anfangsstadien meiner Beziehung zurückversetzt fühlte. Ob homosexuell oder nicht, es ist immer mit Nervenkitzel verbunden, wenn sich eine Annäherung anbahnt!

Und so sind wir bei der nächsten Schwierigkeit, die sich OJ stellt. Er ist schwul, und er weiß nicht, wie sein Kumpel dazu steht. Wenn er seine Gefühle offenbart riskiert er damit auf zweierlei Weise abgewiesen zu werden, was ihm noch mehr Angst einjagt.

Die Bredouille dieser Situation ist spannend, nervenzerreißend und richtig süß zu lesen. Ich bin fast weggeschmolzen als ich von OJs Zweifel und seinen bescheidenen - der Casanova-Typ ist er eindeutig nicht - Annäherungsversuchen gelesen habe. 

Hinzu kommen Kommentare aus der Jodel-Community, die ihm einen Stups in die richtige Richtung geben, während die Perspektive von ER durch einen What’s-App-Chat-Verlauf mit einer Freundin aufgepeppt wird. 

Der Hintergrund dieser Love Story ist wahr, was vermutlich das Erfolgsgeheimnis der Glaubwürdigkeit zwischen den Zeilen ist. Die Geschichte wirkt real, macht Sinn und ist auf das Wesentliche beschränkt. 

Mit „#ichwillihnberühren“ haben OJ und ER nicht nur von ihrem eigenen Social-Media-Märchen erzählt, sondern sie machen auf Schwierigkeiten aufmerksam, die trotz des Regenbogens in der Gesellschaft nach wie vor zwischen Gewitterwolken aufblitzen, und manches Mal mit lautem Donner auf Betroffene einschlagen. Ich mag den kritischen Blick, der trotz des leichten Love-Story-Flairs stets spürbar ist.

Wer eine süße, wahre Liebesgeschichte sucht, ist fündig geworden. Ich wünsche herrliches Lesevergnügen und viele Schmetterlinge im Bauch.

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Eliminiert

Eliminiert (Bd. 3) - Jonas Hafner, Teri Terry, Petra Knese

Die Ursache für die Epidemie ist gefunden. Nun liegt es an Shay, den berüchtigten Dr. 1 zur Strecke zu bringen. Dazu muss sie sich in seine Reihen einschleusen, auch wenn sie dafür ihre große Liebe riskiert.

„Eliminiert“ ist der dritte Teil von Teri Terrys Dark-Matter-Trilogie. Bei dieser Reihe lässt die Autorin eine Epidemie über Großbritannien kommen, deren wenige Überlebende mit neuer Kraft hervorgehen. Und Shay ist eine davon.

Der erste Band hat mit dem Verschwinden des Mädchens Callie begonnen. Shay hat sie gesehen und nahm Kontakt mit deren Bruder Kai auf. Während sich die Jugendlichen um die Vermisstensuche kümmern, bricht eine Epidemie über der Insel aus. Callie überlebt und nimmt seltsame Veränderungen an sich wahr. 

Diese Mutationen haben alle Überlebenden gemein, und sie werden dadurch zum Furchtobjekt der - (noch) gesunden - Bevölkerung. Gleichzeitig kommt Shay der Ursache der Epidemie auf den Grund. In diesem Abschlussband ist es an der Zeit, dem geheimnisvollen Dr. 1 das Handwerk zu legen.

Wie in den vorherigen Bänden wird das Geschehen aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Shay und Kai nehmen meinem Gefühl nach die wichtigsten Abschnitte ein. Während Shay sich in die eher ruhigen Reihen des berüchtigten Dr. 1 fügt, ist man mit Kai weiterhin auf den Straßen Großbritanniens unterwegs. 

Leider konnte mich der Abschlussband nicht mehr komplett für sich gewinnen. Ich war von den ersten beiden Teilen absolut begeistert, doch dieser Enthusiasmus ist schon beim Einstieg in den letzten Band abgeflaut.

Zuerst habe ich mit meiner Orientierungslosigkeit gekämpft. Ich tat mir schwer, die Ereignisse aus den vorherigen Teilen gedanklich zusammenzubekommen. Was war noch einmal geschehen? Warum sitzt Shay in dem Hubschrauber? Weshalb schmeißt sich Freja an Kai ran? Und wer ist überhaupt Lara?

Die Geschehnisse begannen einst mit dem vermissten Mädchen, gingen über die Krankheit und sind durch perfide Machenschaften mit Familiencharakter zu einem komplexen Gesamtgefüge gewachsen. Nachdem relativ viel Zeit zwischen den Bänden vergangen war, hatte das eindeutig mein Lesevergnügen gebremst.

Hinzu kommt, dass der Leser mit Shay in einer sektenartigen Gemeinschaft landet, wo sich bei mir alles sträubt. Diese Vereinigung war gedanklich so weit von dem grundlegenden Thema der Epidemie weg, das sie mich inhaltlich nicht mehr für sich eingenommen hat. Dazu kommen die eher übernatürlichen Fähigkeiten der Überlebenden, die mich in ihren Beschreibungen leider nicht so recht überzeugen wollten. 

Gefallen hat mir auf jeden Fall, wie Teri Terry wissenschaftliche Theorien einbringt, um die Grundlage für den Ausgang der Story zu legen. Auf diese Weise betrachtet, hat die Autorin ein großartig komplexes Werk auf die Beine gestellt, das ich so bisher nicht erzählt bekommen habe. 

Der Schluss ist meiner Ansicht nach gelungen, auch wenn wir leider nicht mit allen Figuren abgeschlossen haben. Es sind ein paar Lücken geblieben, die vermutlich den Umfang der Trilogie gesprengt hätten. Jedenfalls hat Teri Terry am Ende einer faszinierenden Theorie ein Gesicht gegeben, die meine Erwartungen letztendlich übertroffen hat.

Unterm Strich ist Teri Terrys Dark-Matter-Trilogie, trotz meiner kritischen Töne, absolut lesenswert. Während ich mich bei den ersten beiden Bänden vor Begeisterung kaum halten konnte, ist der Abschlussband nicht ganz meins gewesen. Trotzdem bin ich mir sicher, dass es sich für andere Leser lohnt, mit „Eliminiert“ das Ende der Geschichte von Shay, Kai, Callie und dem geheimnisvollen Virus zu erfahren.

 
Die Trilogie:
1) Infiziert 
2) Manipuliert
3) Eliminiert
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Schmutzige Geheimnisse

Lieblingskind - Tasha Tudor

Mitten in der Nacht verschwand Annie. Anstrengungen der Suchtrupps waren vergeblich. Die Familie befürchtete das Schlimmste. Plötzlich war die 8-Jährige wieder da. Und nur ihrem Bruder Joe fiel auf, wie stark sich das kleine Mädchen verändert hat ... 

„Lieblingskind“ ist ein interessanter, vielschichtiger Mystery-Thriller aus der Feder von C. J. Tudor, der sich ein bisschen an Stephen King anlehnt und mit einem gelungenen Plot überzeugt.

Thematisch geht C. J. Tudor vor allem gesellschaftliche Gefüge an Schulen und in der Kleinstadt an. Sie zeichnet ein exzellentes Bild von Machtverhältnissen und zu welchen Ungerechtigkeiten diese führen.

Das Verschwinden seiner kleinen Schwester Annie ist ein zentrales Ereignis in Joes Vergangenheit, und bildet den Rahmen des gegenwärtigen Geschehens. C.J. Tudor geht diesen Thriller auf zwei Ebenen an.

In der Vergangenheit lernt der Leser den jugendlichen Joe kennen. Er lässt uns kurz an seine erste Zeit mit der kleinen Schwester teilhaben, woraus sich abgöttische Liebe entwickelt, die er als Jugendlicher verbirgt. Denn es ist nicht cool, wenn einem das 8-jährige Schwesterchen am Zipfel hängt. Schon gar nicht, wenn man den intriganten Hurst beeindrucken will.

Ganz langsam nähert man sich dem zentralen Punkt der Story an. Die Zeit vergeht, aufgrund diverser Anspielungen wird es unheimlich, und nach einer langen Wartezeit kehrt man mit Joe in die entscheidende Nacht von 1992 zurück.

In der Gegenwart begibt sich Joe als Lehrer in seine Heimatstadt. Er hat etliche Päckchen zu tragen, und arbeitet gleichzeitig die Vergangenheit auf. Allerdings hat es sein Leben als Erwachsener nicht gut mit ihm gemeint. Alle hauen ihm auf die Finger, niemand sieht ihn gern in der Stadt, und durch sein verschlagenes Wesen hat er gravierende Probleme an der Backe.

Protagonist Joe ist der Autorin herrlich gelungen. C.J. Tudor hat einen Loser zum Helden ihres Thrillers gemacht. Ich liebe es total, wenn die Figuren grauschattiert statt heroisch strahlend erscheinen und so ihre menschlichen Makel haben. Joe ist dem Alkohol zugetan, schlägt gerne um sich und birgt ein erhebliches Suchtpotential. Außerdem legt er sich laufend mit den falschen Leuten an, was ihn im Endeffekt in die Bredouille bringt.

Die Handlung ist komplex aufgebaut. Es herrscht ein dynamischer Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Dabei lässt Joe den Leser oftmals außen vor, woraus unerwartete Wendungen im Geschehen entstehen. Diese Abwechslung hat mir sehr gut gefallen, auch wenn die Story an sich kleinere Mängel hat.

„Aber wer von uns spricht schon über den Tod? Der Tod ist ein schmutziges Geheimnis. Dabei ist er in gewisser Hinsicht der wichtigste Teil des Lebens.“ (S. 328)

Die Reaktionen beziehungsweise Ignoranz von Joes Mutter im Vergangenheits-Teil ist für mich nicht nachvollziehbar. Hier wurde im Sinne des Ablaufs der Handlung vermutlich ein Auge zugedrückt. Außerdem gibt es im Gegenwartsstrang einen Part, der überhaupt nicht notwendig war. Zwar sorgt dieser am Ende für einen sanften Wow-Effekt, hat der Geschichte aber - meiner Ansicht nach - keinen Mehrwert verliehen.

Die Stimmung an sich ist drückend, und das Unheil schwingt untergründig mit. Besonders am Anfang des Romans gibt es reichlich Gänsehaut. Mit zunehmender Seitenzahl lässt dieses Gefühl nach. Die Erzählweise arbeitet sich vom fesselnden Mystery- eher zum spannenden Crime-Thriller durch. 

Alles in allem habe ich „Lieblingskind“ gerne gelesen. Der Gegenwartsstrang ist eine Spur zu überladen, der Vergangenheit fehlt’s an Gruselatmosphäre. Trotzdem habe ich mich sehr gut unterhalten gefühlt. 

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.com