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Desperation heißt Verzweiflung

Desperation - Stephen King, Joachim Körber

In der Wüste Nevadas liegt das Städtchen Desperation, wo Bergarbeiter dem Grauen auf den Grund gegangen sind. Sie haben eine dämonische Urgewalt freigesetzt, die sie allesamt in die Verzweiflung treibt. Und einige Durchreisende sind mittendrin.

Stephen King hat mit "Desperation" einen Horror-Roman par excellence geschrieben. Thematisch deckt er die Urängste der Menschheit ab. Er beginnt in der siedend heißen Wüste, geht über gebrochenes Vertrauen und holt Dämonen aus der Erde hervor.

Eingangs befindet man sich mit Reisenden auf der Landstraße. Man fährt quer durch Nevadas heiße Wüste, ahnt nichts Böses, bis man von einem Cop aufgehalten wird. Zwar ist die Situation angespannt, man ist leicht nervös, aber noch ist alles im grünen Bereich. Bis die nächsten Ereignisse Leser und Figuren zur Verzweiflung treiben. 

Diesmal kommt Stephen King mit einer kleinen Gruppe Charaktere aus, die er durch die Wüstenhölle schickt. Aufgrund einiger zentraler Figuren ist es schwer, einen Protagonisten zu bestimmen.

Schlüsselfigur ist auf jeden Fall David. Er ist ein kleiner Junge, der sein ganzes Vertrauen aus dem Glauben zu Gott bezieht. Anhand von David lässt King starke religiöse Motive einfließen, die weder belehrend, noch beschönigend sondern im Spiel um Desperation äußerst anregend sind. Denn durch David spürt und sieht man absolutes Urvertrauen in Gott, dessen Plan undurchschaubar ist. 

Weiters gibt es Johnny, einen abstinenten Schriftsteller, der versucht, vor dem endgültigen Abstieg, die Kurve zu kriegen. Johnny hat seine Probleme mit Alkohol, mit dem Schreiben, und der Welt allgemein. Er weiß sich aber zu helfen, und zieht auf seiner Harley quer durch die Vereinigten Staaten, um daraus sein literarisches Comeback zu kreieren. 

Außerdem finde ich Steve interessant. Er ist sozusagen Johnny auf der Spur, und dient als doppelter Boden, falls dieser in Schwierigkeiten kommt. Steve ist ein geradliniger Typ, der seinen Job durchzieht, und charakterstark im Leben steht. 

Weitere Figuren sind Davids Familie, die auf den Weg in den Jahresurlaub ist, ein Paar, das ein Auto überstellt, und eine Anhalterin, die durch Zufall in diese Misere kommt. Sie alle haben sich in der Wüste in die Bredouille gebracht beziehungsweise haben sie im Kern der Verzweiflung unabsichtlich Halt gemacht. 

In Desperation geht Blutrünstiges vor. Schon allein die geografische Lage, könnte manchen zum Verzweifeln bringen! Mitten in der staubig-heißen Nevada-Wüste hat sich Desperation seinen Namen gemacht. Es gibt nur Sonne, Sand und einen Cop, mit dem sich nicht reden lässt. 

King baut das grauenhafte Böse in seiner Urform ein. Genau so soll Horror meiner Meinung nach sein. Denn dieses Böse ist launenhaft und unberechenbar. Es entbehrt jeder Vorhersehbarkeit, sondern folgt lediglich seinem bestialischen Trieb. Dabei schürt King blutige Bilder im Kopf, und lässt einem vom Verwesungsgeruch Tränen in die Augen steigen. Die Maden haben sich längst breit gemacht und die Fliegen surren überall. Gleichzeitig ist darauf zu achten, dass man nicht auf Klapperschlangen tritt, und bei den Skorpionen muss man höllisch aufpassen!

Das Spannungslevel dieses Romans ist genial. Obwohl Stephen King seine Bücher eher gemächlich angeht, zeigt er diesmal kein Pardon. Er macht dem Leser Feuer unterm Hintern und treibt die Spannung von Seite zu Seite an.

In „Desperation“ lässt King die Horror-Puppen auf glühenden Kohlen tanzen und legt dabei eine flotte Sohle hin. Es riecht nach Verwesung, die Hitze drückt, giftige Viecher haben es auf dich abgesehen, und die Hölle tritt gegen den Himmel an. Leseempfehlung!

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.com

Guter Thriller mit ernstem Hintergrund-Thema

Der Tod so nah: Thriller - Belinda Bauer, Marie-Luise Bezzenberger

Die Reporterin Eve Singer muss für ihren True-Crime-Sender immer die Erste am Tatort sein. Denn ihr Publikum lechzt nach blutigen Details. Fernsehjournalismus ist ein hartes Geschäft und die Konkurrenz fährt ebenso die Ellbogen aus. Als ein Serienmörder Eve live zu einem Mord einlädt, kann sie daher nicht widerstehen ...

Für dieses Buch habe ich mich entschieden, weil meiner Erfahrung nach die Autorin Belinda Bauer für exzellente, fesselnde und außergewöhnliche Thriller steht. Zwar treffen diese Eigenschaften nicht komplett auf "Der Tod so nah" zu, dennoch ist es ein beispielhafter Spannungsroman, den man gut lesen kann.

Die Handlung an sich ist nicht neu und beschäftigt sich mit dem typischen Serienkiller- und Gegenpart-Spiel. 

Im Mittelpunkt steht die Reporterin Eve Singer, die den Tod für ihr berufliches Überleben braucht. Sie berichtet schon mal live von Tatorten, setzt sich über Absperrungen hinweg oder steckt den Konkurrenten den Mittelfinger ins Gesicht. Obwohl sie absolut taff und selbstsicher wirkt, zeigt sich schnell, dass sie privat eine schwere Last zu tragen hat, und aus diesem Grund für ihren Job (fast) alles macht.

Eve Singer habe ich als glaubhafte, authentische Figur empfunden, die weit weg vom typischen Ermittler ist. Zwar hat sie privat mit äußerst widrigen Umständen zu kämpfen, aber diese liegen fern vom Genre-Einheitsbrei. Dadurch ergibt sich ein thematisch tiefsinniger Spannungsroman, der sich mit der Krankheit Demenz beziehungsweise Alzheimer auseinandersetzt.

Denn Eves Vater ist ein Pflegefall, weil er meistens gar nicht mehr weiß, wer sie oder er überhaupt ist. Sie sorgt sich um ihn, pflegt ihn und hat mit einer emotionalen Berg- und Talfahrt zu kämpfen, die sich auf den Zustand ihres Vaters bezieht.

Den Aspekt der Demenz-Erkrankung hat Belinda Bauer exzellent in die Thrillerhandlung eingebaut. Sie zeigt die Belastung von Angehörigen Demenzerkrankter auf, den Zwiespalt, in dem sie sich befinden, ihre zerstörten Hoffnungen, die Tiefpunkte und die schönen, liebevollen Momente, an die man sich trotz des Vergessens klammern kann.

Dazu kommt die Perspektive des Serienkillers, der Eve in sein perfides Spielchen zieht. Hier lässt sich die Autorin voll und ganz auf das übliche Thriller-Schema ein, und schildert solide den Wahn, der einen Menschen zu solchen Taten führen kann.

Von Beginn an konnte mich Belinda Bauer mit ihrem lebendigen, dichten Schreibstil begeistern. Sie hat ein Auge für's Detail und setzt eine beispielhafte 'Kameraführung' in ihren Romanen ein. Sie zoomt heran, geht in die Vogelperspektive über oder beleuchtet einen Ausschnitt, indem sie alles andere völlig ausblendet. Daraus ergibt sich ein fesselndes Leseerlebnis, das man kaum unterbrechen will.

Insgesamt ist „Der Tod so nah“ ein guter Thriller mit ernstem Hintergrundthema, der aber Belinda Bauers Originalität vermissen lässt. Für Leser, die sich vor laufender Kamera auf ein Spiel mit dem Tod einlassen wollen, ist dieser Spannungsroman trotzdem absolut empfehlenswert.

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.com

Blutrünstiges Finale

Taschenbücher: Der Aufbruch: Roman (Niceville-Trilogie, Band 3) - Daniel Hauptmann, Carsten Stroud

Die Ereignisse in Niceville laufen völlig aus dem Ruder. An einem Wochenende kommt es zu einer bestialischen Mordserie. Ganze Familien werden blutig-brutal in ihren Häusern ermordet. Die Täter - meist selbst in prekärer Lage - erzählen von einem nervenaufreibenden Summen und einer Stimme, die sie zu den Bluttaten getrieben hat. Sind sie besessen? Oder liegt es an der Stadt, die sich wie ein Tor zur Hölle verhält. 

„Der Aufbruch“ ist der dritte Teil von Carsten Strouds Niceville-Trilogie, die sich durch einen rasanten Genre-Mix, blutrünstige Gewalt und rabenschwarzen Humor auszeichnet. 

Die Zentrale des Geschehens ist die Kleinstadt Niceville, die im Süden der USA liegt. Obwohl sie auf den ersten Blick für die typische Südstaaten-Idylle steht, merkt man rasch, dass in Niceville Grauenhaftes geschieht.

Der dritte Band beginnt einige Monate nach dem Mittelteil. Obwohl ich befürchtet hatte, die komplexen Zusammenhänge und Ereignisse aus den vorherigen Teilen vergessen zu haben, konnte ich mich dank Strouds versiertem Einstieg sofort wie gewohnt in der Stadt bewegen. Denn die bisherigen Ereignisse und aktuelles Geschehen greifen geschickt ineinander. Die Geschichte wird gleichzeitig vorangetrieben, während die Ursachen und die Vergangenheit thematisiert werden. Auf diese Weise hat man weder das Gefühl auf der Stelle zu stehen, noch ein wichtiges Detail versäumt zu haben. 

Und es beginnt heftig und brutal! Die Leichen einer ganzen Familie werden grauenhaft zugerichtet in ihrem Haus entdeckt, während sich der Mörder in einer ebenso grausamen Situation befindet. Man riecht das Blut, man spürt die Angst, und sieht, wie die Cops mit ihrem Mageninhalt ringen. Gleichzeitig kommt eine mysteriöse Komponente hinzu, die für Gänsehaut sorgt. 

Wie gewohnt sind die Figuren vielschichtig und facettenreich. Bemerkenswert ist Nick, der aufgrund seiner privaten Situation und beruflichen Position mitten im Geschehen ist. Als Polizist schlägt er sich mit den blutigen Ereignissen in der Stadt herum. Familiär blickt er hinter die Kulissen, weil er sich sicher ist, dass der Junge Rainey Teague seine Finger im Spiel hat. 

Rainey Teague lebt bei Nick und seiner Frau Kate. Er hält den Leser seit Beginn der Geschichte auf Trab. Während er im ersten Teil in einem verschlossenen Grab lebend geborgen wurde - was dem Anfang der Ereignisse in Niceville entspricht - hat er sich im Mittelteil als übler Bursche erwiesen, dem nicht zu trauen ist. Trotz aller Bedenken ist er nur ein Kind, das wohl von Natur aus nicht böse ist?

Dreiviertel der Handlung sind gewohnt spektakulär, aufreibend und mysteriös. Es gibt etliche Ereignisse, die unerwartet, manchmal bizarr, meistens blutrünstig und furchteinflößend sind. Hier habe ich mich in Niceville besonders wohlgefühlt, ich konnte es kaum abwarten, dem Geschehen auf den Grund zu gehen und gemeinsam mit den Figuren dem Grauen ein Ende zu bereiten. 

Absoluter Wendepunkt ist meiner Meinung nach eine Schießerei im Western-Style, die das Finale einläutet. Daraufhin laufen die Fäden zusammen, es wird ruhiger und ich hatte mir das Ende, ehrlich gesagt, aufregender vorgestellt.

Nichtsdestotrotz ist und bleibt die Niceville-Trilogie ein begnadeter Genre-Mix im unvergleichbaren Stil. Wenn aus einer Schauergeschichte ein Thriller wird, und ein Krimi zum Horror-Event mutiert - geschrieben im meisterhaften Stil - dann muss es wohl (in) Niceville sein. 

Hier sind Männer wahre Cowboys, die Ladys haben es faustdick hinter den Ohren und das Grauen aus Urzeiten blitzt aus Häuserecken hervor. Empfehlenswert!

„Uncle Moochie liebte Geschichten über Horror und übernatürliche Ereignisse. Sie bildeten eine willkommene Abwechslung zum todlangweiligen Alltag in Niceville.“ (S. 286)

 
 
Die Niceville-Trilogie:
1) Niceville
2) Die Rückkehr
3) Der Aufbruch

 

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.com

Akzeptabler Krimi, aber konfus erzählt

1888 - Thomas Beckstedt

1888 in Wien. Eine Prostituierte und ein Arzt werden blutrünstig ermordet, wofür Dr. Richard Rollet zum Tod durch den Strang verurteilt wird. Indes bekommt Inspektor Johann de Vries Zweifel am offensichtlichen Tathergang. Er ermittelt weiter in diesem Fall.
Dreißig Jahre danach erhält Georg ein Paket aus Indien. Darin befinden sich Notizen und Aufzeichnungen des angeblichen Doppelmörders. Der angehende Schriftsteller wird von den grauenhaften Geschehnissen gepackt.

Allein beim Titel „1888“ habe ich unbesehen an die Prostituierten-Morde in White Chapel, London, gedacht. Der Roman hatte sofort meine Aufmerksamkeit, weil ich Hoffnung auf einen spannend-mysteriösen historischen Kriminalroman hatte. 

Zwar hat dieser historische Roman meine Erwartungen nicht erfüllt, dennoch behaupte ich guten Gewissens, dass es ein spezielles Leseerlebnis ist. 

Dieser Roman wird aus mehreren Perspektiven erzählt, wobei die Zeitstränge maßgeblich sind.

Die Rahmenhandlung sind die schriftstellerischen Anwandlungen von Georg, der seine Zeit in London verbringt. Finanziell abgesichert lebt er in Großbritannien vor sich hin, im Versuch, sein Kriegstrauma aus dem Ersten Weltkrieg zu überwinden. Die Jahre aus Schützengraben, Feuergefecht und Kampfhandlungen haben deutliche Spuren an ihm hinterlassen, mit denen er sich durch die Tage quält. Unvermutet bekommt er ein merkwürdiges Paket aus Indien, das die Aufzeichnungen von Dr. Richard Rollet enthält. Darin werden die Ereignisse aus dem Jahr 1888 um den mysteriösen Doppelmord geschildert, die Georg fortan keine Ruhe lassen. Und die er aufzuarbeiten beginnt.

Obwohl die Rahmenhandlung strukturiert klingt, ist sie absolut wirr erzählt. Georg hat nicht nur sein Kriegstrauma zu überwinden, sondern spricht übermäßig auf Alkohol und Drogen an. Außerdem lässt er sich ständig mit Prostituierten ein und schildert sein vernebeltes Empfinden im Detail. Ich weiß nicht so recht, was ich als Leser mit Georgs Part anfangen soll. Es war weder spannend zu lesen noch für die Handlung förderlich. Meiner Meinung nach hätte man auf diese Figur vollständig verzichten können. Einzig seine Rückblicke auf das Kriegsgeschehen und sein innerer Kampf mit dem Trauma sind einigermaßen interessant gewesen.

Ganz anders steht es um den Strang um Dr. Richard Rollet, der 1888 in Wien zum Tode verurteilt ist. Diesen Part bekommt man aus mehreren Perspektiven erzählt, weil man dank Georg in die Tagebucheinträge des Verurteilten späht. Außerdem begleitet man Kriminalinspektor Johann de Vries bei seiner Ermittlungstätigkeit und taucht damit in die Hintergründe ein.

Wie schon erwähnt, ich habe mir mit Georgs chaotischen Part schwer getan, denn es ist wirr, konfus und für mich nicht nachvollziehbar. Außerdem verstehe ich nicht, warum Prostituierten übermäßig Raum im Roman gegeben wird. Mit gefühlt jedem Schritt bewegt man sich neben diesen Damen durch die Ereignisse hindurch, obwohl es keinen Sinn für die Handlung ergibt. Es wird mit ihnen nackt gegessen, pompös durch Prag oder Wien flaniert oder in der Oper posiert - aber die Bedeutung dahinter ist mir verborgen geblieben.

Die Krimi-Perspektive und die Ermittlungen von de Vries waren dafür interessant und aufschlussreich. Der Kriminalinspektor zweifelt an Rollets Schuld und rollt in klassisch-kriminalistischer Manier den Fall auf, wodurch er pikante Hinweise erhält.

Die Krimihandlung von 1888 finde ich daher gut, interessant und gelungen erzählt. Die Rahmenhandlung um Georgs exzessive Ausschweifungen und schriftstellerische Ambitionen ist meinem Geschmack nach ins Abstruse gerutscht. 

Summa summarum ist es ein spezielles Buch, das wohl nicht jedem Leser gefallen wird, dennoch einen akzeptablen historischen Krimi birgt. 

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.com

Beim Monstermann im Horror-Haus

The Monster Man of Horror House: Roman - Heike Schrapper, Danny King

In jeder Kleinstadt gibt es ihn: Den Sonderling, der die Streiche der Jugend auf sich zieht. Allerdings haben die Halbwüchsigen von Thetford ihren Außenseiter John Coal maßlos unterschätzt. Man sollte es sich zweimal überlegen, bevor man sich mit ihm anlegt.

„In jeder Stadt, in jedem Viertel gibt es so ein gruseliges altes Haus: heruntergekommen, zugewuchert, vernachlässigt und vergessen. Bewohnt in der Regel von einem gruseligen alten Mann, der mehr oder weniger den gleichen Eindruck macht.“ (S. 9)

John Coal ist Thetfords Sonderling und die Hauptfigur in diesem Roman. Eigenbrötlerisch lebt er vor sich hin, doch dann legt sich die Stadt-Jugend mit ihm an. Zugegeben, die Jungs haben ihn gehörig unterschätzt. Denn einem Mann der Serienmörder, blutrünstige Monster und depressiv-verstimmte Vampire überdauert, spielt man besser keine boshaften Streiche.

Die Geschichte beziehungsweise die Geschichten werden dem Leser und den Jungs direkt von John Coal erzählt, weil er als Protagonist und Erzähler auf zweierlei Weise das Ruder an sich reißt.

Gleich zu Beginn stellt John verwundert fest, dass er der Außenseiter der Stadt ist:

„Es hat ein paar Monate gedauert, bis ich herausfand, dass der gruselige alte Sonderling in meiner Straße ich selbst war.“ (S. 9)

Im Anschluss berichtet er davon, wie ihn die Jungs sekkieren und bis auf’s Blut auf die Nerven gehen. Wie eingangs schon erwähnt, haben sie sich bei John eindeutig verschätzt, denn er lädt sie - eher unfreiwillig - in seinen gemütlichen Keller ein. 

Die Passagen um John und die Jungs werden boshaft-charmant und mit einem schelmischen Zwinkern geschildert. Er genießt es, ihnen Angst einzujagen, sie zu verblüffen und deutlich überlegen zu sein. Sobald er sie gefangen hält, fängt er an, seine Lebensgeschichte zu erzählen. 

Bisher hat er einiges mitgemacht! Er berichtet von einem Serienmörder in seiner Jugend, der ihn auf die gefährliche See getrieben hat, von schaurigen Orten, denen er als Handelsvertreter gerade so entkommen ist, und davon, wie er die Mutter seiner Tochter nicht nur in sein Herz geschlossen hat.

Johns Leben wird anhand von Kurzgeschichten erzählt, die insgesamt überaus aufregend und teilweise gruselig zu lesen sind. Besonders gut hat es mir gefallen, als er den Jungs von seinen Reisen als Handelsvertreter erzählt. Diese Geschichte war tiefsinnig, ungewöhnlich und hat mir Gänsehaut beschert. Weniger konnte ich mit dem Abenteuer auf See anfangen, weil hier doch der blutrünstige Charakter im Vordergrund steht. 

Meiner Meinung nach hat Danny King eine exzellente Mischung geschaffen. Einerseits ist die Rahmenhandlung um John und die Jungs geheimnisvoll, auf ihre Art gefährlich und aufgrund des lockeren Stils höchst amüsant. Andrerseits rundet er durch die unterschiedlichen Themen den gesamten Roman zu einem Best-of-Horror ab, was dieses Buch zu einem originellen Schauer-Schmankerl macht. 

Denn es ist fast alles dabei, was das Horror-Herz begehrt: Das Grusel-Haus, die Monster, der Mörder und natürlich sind sogar Geister inklusive. Ich habe mich ausgezeichnet unterhalten und in Johns Horror-Haus sofort heimisch gefühlt.

Insgesamt ist „Das Haus der Monster“ eine originell-gruselige Melange. Es lädt zum Fürchten, wohligen Schauern und angsteinflößendem Lachen ein, und darf hoffentlich weitere Gäste zum Gruseln begrüßen.

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.com

Echt schräg.

Gauklersommer - Richard Betzenbichler, Joe R. Lansdale

Cason Statler kehrt als gescheiterte Existenz in seine Heimatstadt zurück. Einst war er ein angesehener Journalist, mittlerweile ist er froh, zumindest bei der Lokalzeitung eine Stelle zu haben. Dabei kommt er dem ungeklärten Verschwinden einer Studentin auf die Spur, was ihn endgültig aus den Angeln heben wird.

"Gauklersommer" ist auch unter dem Titel "Gluthitze" erschienen. Es handelt sich um einen exzellenten, großartigen, unglaublich guten Roman, den ich kaum einen Genre zuordnen kann.

Cason ist ein kaputter Typ. Als Kriegsveteran versucht er im Alkohol Frieden zu finden, weil ihm das Kriegsgeschehen keine Ruhe lässt. Er war einmal für den Pulitzerpreis nominiert, was ihm zumindest die Stelle bei der hiesigen Zeitung einbringt. Ansonsten ist vom alten Glanz nichts übrig geblieben, weil er selbstironisch dem Alkohol fröhnt, und sich schon mehr als einmal eingepinkelt hat.

Doch dann kommt er dem Verschwinden der Studentin Caroline auf die Spur, und sein Leben ändert sich grundlegend.

Wie schon eingangs erwähnt ist es schwierig, das Buch einem Genre zuzuordnen. Genauso kompliziert ist es, die Handlung grob zu umreissen, und eine Rezension zu schreiben. Zumindest kann ich sagen, dass es eine sehr aufregende, gleichzeitig herzerweichende sowie derbe Geschichte ist. Es geht um Familienbande, Erpressung und es werden eine Menge Spielchen gespielt. 

Protagonist Cason ist ein Hammer, den man erstmal verdauen muss. Von der ersten Seiten an ist er mir sympathisch gewesen, obwohl er existenziell ganz unten ist. Ich konnte mir richtig vorstellen, wie ihm der Alkoholdunst aus den Poren kommt, und wie er einen geruchsintensiven Eindruck hinterlässt. Er ist unrasiert, ungepflegt, und eigentlich ist ihm alles egal. Aber er weiß, dass es ihm nicht egal sein darf. Denn hinter dem zerstörten Erscheinungsbild hat sich doch noch etwas vom alten Cason versteckt, der Paroli bietet, mit Sarkasmus reagiert, und dem man nichts vorgaukeln kann. 

Für mich ist Cason Statler das Porträt einer zerstörten Person, die hinter ihrer derben Fassade einen respektablen und sympathischen Menschen versteckt, den man - trotz oder gerade wegen seiner Macken - ins Herz schließen muss. Obwohl sein Leben auf Umwegen verläuft, ist er geradlinig und direkt geblieben, wovor man den Hut ziehen muss.

Die Handlung an sich ist derart einzigartig, dass ich gar nicht weiß, wie ich es beschreiben soll. Was eingangs noch wie ein typischer Thriller beginnt, spitzt sich zu einer Geschichte über familiäre Verhältnisse zu und wird mit angedeuteten Splatter-Elementen gespickt. Sobald etwas passiert ist, dachte ich, Lansdale und das Geschehen durchschaut zu haben. Allerdings kommt man da nicht wirklich drauf. Eigentlich habe ich mir nach jedem Kapitel "Jetzt wird's schräg" gedacht, und festgestellt, dass die Story sogar noch "echt schräg" werden wird. 

Lansdale hat mir spätestens mit diesem Buch gezeigt, dass er tarantino-mäßig Geschichten erzählt. Es wird gemordet, gelacht, es werden Leichen drapiert, und derbe Dialoge geführt. Dabei hebt er sich von vorgegebenen Genres ab und zieht beim Mainstream mit erhobenem Haupt vorbei. Für manche ist es Pulp, für mich ein genialer Meisterstreich, und damit äußerst empfehlenswert!

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.com

Unglaubwürdige Familiengeschichte ohne Spannungseffekt

Mädchen aus dem Moor - Audible Studios, Vera Teltz, Peter Tremayne

Als sich Kaths angeblicher Unfall als Selbstmordversuch entpuppt, weiß sie nicht mehr was Realität und was Illusion ist. Führt sie nicht eine glückliche Vorzeigeehe? Warum hätte sie Mann und Tochter verlassen wollen, wo sie doch beide regelrecht vergöttert? Oder trügt sie ihre Erinnerung und ihr Leben ist gar nicht, wie es scheint?

Von S. K. Tremayne habe ich mittlerweile zwei Bücher gelesen. Ich schätze den Autor aufgrund seiner Gruselatmosphäre und hatte gehofft, dass sie auch in diesem Werk mein Blut in den Adern gefrieren lässt. 

Kath ist mit ihrem Auto im Dartmoor gelandet. Was anfangs wie ein Unfall scheint, offenbart sich als Selbstmordversuch. Kath kann sich nicht vorstellen, warum sie sich selbst am Grund des Dartmoors ertränkt. Doch ihr angeblich strahlendes Leben, wird zu einem trüben Sumpf, als ihr die Erinnerung an den Unfall kommt.

Den Großteil der Geschichte erfährt man aus Kaths Perspektive. Sie erzählt von ihrem schönen Mann, ihrer anbetungswürdigen Tochter Lyla und dem abgeschiedenen Leben auf dem Dartmoor, wo es noch einsamer ist, als man ahnt.

Bei Kath kommen nach und nach die Erinnerungen an den Unfall beziehungsweise Selbstmordversuch hoch. Daraus ergeben sich viele Fragen, und sie hat ein mulmiges Gefühl. Was verheimlicht ihr Bruder vor ihr? Warum ist ihr Mann derart abweisend? Und aus welcher Motivation heraus, soll sie sich für Selbstmord entschieden haben?

Es entsteht eine mehr oder weniger spannende Figurenkonstellation aus Kaths Mann, ihrem Bruder, der Schwägerin und natürlich Töchterchen Lyla, die zentral in der Handlung steht. 

Lyla nimmt einen besonderen Part in diesem Thriller ein und meinem Empfinden nach war sie die einzige interessante Figur. Sie hat eventuell das Asperger-Syndrom. Zumindest zeigt sie Symptome dafür. Als merkwürdiges Mädchen verlangt sie besonderes Einfühlungsvermögen von ihrer Umgebung, woran Kath und ihr Mann regelmäßig scheitern.

Obwohl S. K. Tremayne dank der Beschreibungen des Dartmoors ein düsteres Ambiente schafft, konnte er mich überhaupt nicht fesseln. Denn die Handlung tröpfelt vor sich hin, es gibt keinen Spannungsbogen und das Ende ist in der gesamten Konstruktion versumpft.

Die Beziehungen zwischen den Figuren und die Geheimnisse untereinander waren meinem Geschmack nach überkonstruiert. Ich konnte mir ihre Aktionen und Lügen nicht erklären, und insgesamt hat mir der Antrieb in der Handlung gefehlt. Kath dümpelt vor sich hin, hat Töchterchen Lyla an der Hand, und denkt nicht einmal daran, lauthals um Hilfe zu schreien, damit sie jemand aus dem Morast zieht. 

Zum Schluss bleibt eine wirre Familiengeschichte, die auf mich ziemlich unglaubwürdig wirkt, und es fehlen mir vor allem Spannung und Gruseleffekt. 

Mit „Mädchen aus dem Moor“ hat mich Tremayne leider weder packen noch überzeugen können. Die Charaktere sind allesamt zu blass, die Spannung versumpft, und die Handlung an sich ist im Morast verdümpelt, wobei zumindest das Dartmoor exzellent beschrieben ist. 

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.com

Monströse Memoiren

Der Monstrumologe (Der Monstrumologe, #1) - Rick Yancey, Axel Franken, Jürgen Speh

1888. Will Henry ist ein Waisenknabe, der als Assistent bei einem Monstrumologen untergekommen ist. Ein Monstrumologe beschäftigt sich mit Monstern aller Art und begibt sich schon einmal auf die Jagd nach ihnen. Eines Nachts klopft ein Grabräuber an die Tür, weil er hat Schauriges bei seinem Treiben entdeckt ... 

"Der Monstrumologe" ist der Auftakt von Rick Yanceys Monstrumologen-Reihe, die sich meiner Meinung nach an ältere Kinder und Jugendliche richtet, und tatsächlich Monster jagt. 

Will Henry ist ein unscheinbarer Junge. Er ist gerade elf Jahre alt und durch seinen Waisenkind-Status zum Lakai des Doktors degradiert. Hier heißt es immer "Mach fix!", weil es dem guten Herrn nicht schnell genug geht. Allerdings fühlt sich Will bei ihm wohl. Im Lauf der Geschichte merkt man auch, dass er - dem ersten Anschein zum Trotz - gut bei ihm aufgehoben ist.

Dr. Warthrop ist ein schroffer Kauz, der nach seinen ganz eigenen Regeln lebt. Wichtig ist ihm nur seine Wissenschaft, und in Will erhofft er sich, einen würdigen Nachfolger zu finden. 

Die Handlung beginnt eigentlich in unserer Gegenwart, weil die Memoiren von Will in einer Senioren-Residenz auftauchen. Hier glaubt man an eine erfundene Geschichte, weil es die beschriebenen Monster und den Verlauf der Handlung so nicht geben kann. Oder doch?

Will Henry berichtet von seinem Leben beim Doktor, wie er überhaupt sein Assistent geworden ist, und welche schauderhafte Dinge ihm widerfahren. Sie obduzieren Leichen, schauen ekelerregenden Monstern in den Schlund, und besuchen verwahrloste Irre, denen das Grauen aus dem Leib zu kriechen beginnt. 

Als Kind im Alter von zwölf Jahren hätte ich diese Reihe heiß geliebt! Es ist genau die richtige Mischung aus Schocker und fantasievoller Blutrünstigkeit. Man betritt modernde Keller, schleicht nachts am Friedhof umher, geht gegen Monster an und bestreitet albtraumhafte Abenteuer. 

Dafür hat Rick Yancey einen eher antiquierten Sprachstil gewählt, was den Memoiren-Charakter der Rahmenhandlung unterstreicht, und damit das Schauerfeeling um eine weitere Stufe hebt.

Allerdings habe ich mir als erwachsene Leserin mit der Geschichte recht schwer getan. Ich kam einfach nicht in die Handlung rein. Leider kann ich nicht einmal den Grund dafür benennen. Ich finde die Aufmachung des Buchs entzückend - denn es ist sogar mit bezaubernden Illustrationen untermalt - , die Handlung wird einem abenteuerlichen Jugendroman mit Schauerfaktor gerecht, und dennoch sind mir nach wenigen Seiten die Augen zugefallen, weil es mich nicht bei der Stange hielt.

Die Handlung an sich entwickelt sich interessant, auch wenn es mir am Spannungsbogen fehlt, und die Aufmachung sowie Gestaltung sind äußerst liebevoll. Außerdem zeigt Yancey Gespür für scharfe Dialoge, denen er bissigen Sarkasmus verleiht.

Dennoch kann ich „Der Monstrumologe“ meinem Lesegeschmack entsprechend nur als durchschnittlich bewerten, weil ich es als gar so zäh empfunden habe.  Meiner Ansicht nach ist die Reihe um Will Henrys Monstrumologen ideal für Jugendliche, die schaurige Stunden erleben wollen, und fasziniert von historischen Settings sind.

Die Monstrumologen-Reihe:
1) Der Monstrumologe
2) Der Monstrumologe und der Fluch des Wendigo
3) Der Monstrumologe und die Insel des Blutes
4) Der Monstrumologe und das Drachenei
Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.com

Beziehungslastiger Ägyptologen-Roman

Skarabäus und Schmetterling: Roman. - Elisabeth Büchle

1922 reist Sarah nach Ägypten. Im Tal der Könige ist sie bei den Ausgrabungen des berühmten Howard Carter zu Gast, der dem Grab des unbedeutenden Pharaos Tutanchamun auf der Spur ist. Doch je näher die Graböffnung rückt, desto mehr wähnt sich Sarah in Gefahr ...

"Skarabäus und Schmetterling" ist eine Mischung aus historischem Roman und Liebesgeschichte, die mit Spannungselementen durchzogen ist.

Gleich vorneweg, ich habe zu diesem Buch gegriffen, weil mich die Zeit der Pharaonen, ihre berühmten Grabanlagen und die archäologischen Funde in diesem Zusammenhang brennend interessieren. Ich liebe es, der ägyptischen Hochkultur auf den Grund zu gehen und mich mit der Faszination der pompösen Grabanlagen zu umgeben.

"Skarabäus und Schmetterling" hat für mich leider nicht gehalten, was die Aufmachung des Buches verspricht. Hier will ich gar nicht der Autorin die Schuld geben, sondern ich hätte mich wohl besser über diesen Roman informieren sollen. Gerechnet hatte ich mit einem historischen Roman, der von einer Liebesgeschichte durchzogen ist. Bekommen habe ich hingegen einen Liebesroman in doppelter Ausführung, der durch seinen historischen Hintergrund besticht.

Nun aber zum Anfang. Dieser Roman ist in zwei Hälften geteilt. Der erste Part spielt in den 1920er-Jahren, wo die junge Sarah mit ihrer Ziehmutter Lady Alison ins ferne Ägypten aufbricht. Sie wollen Howard Carter im Tal der Könige einen Besuch abstatten, weil dieser in nächster Zeit das Grab von Tutanchamun finden und öffnen will.

Hier taucht man als Leser in die aristokratische Gesellschaft Britanniens in den 1920er-Jahren ein und darf durch ihre Augen Ägypten bestaunen. Ladies und Gentlemen sind an den Ausgrabungen höchst interessiert und wittern an Carters Seite einen Hauch von Abenteuer, in dem sie ihm im Tal der Könige Gesellschaft leisten.

Die Autorin konzentriert sich auf ihre Figuren und die staubige Hitze Ägyptens gerät zum Nebeneffekt. Haarklein wird man mit Sarahs Herkunft, ihrer Kindheit und ihr Leben mit Lady Alison vertraut. Genauso gut lernt man ihre Ziehmutter kennen, die sich schon lange ihre Bezeichnung als Femme fatale in Aristokratenkreisen verdient hat. 

Dennoch gibt es einige spannende Elemente um Sarah, weil ihr ein mysteriöser Verfolger um's Leben trachtet, sie plötzlich zwischen zwei Männern steht und ihr ein Geheimnis aus der Vergangenheit zum Verhängnis werden kann.

In der Gegenwart ist man mit der jungen Frau Rahel unterwegs. Sie arbeitet im Berliner Neuen Museum und wird in eine Schwarzmarkt-Affäre um Tutanchamun-Artefakte verstrickt. Ebenso wie Sarah 90 Jahre zuvor, bekommt es Rahel mit zwei Herren zutun, deren Gunst ihr sicher ist.

Auch dieser Teil tut sich durch einige spannende Elemente hervor, weil Rahel ebenso wie Sarah in Gefahr gerät. Hier stellt sich die Frage, wer die Tutanchamun-Artefakte auf den Schwarzmarkt bringt und woher sie überhaupt stammen, weil diese Exemplare damals von Carter nicht katalogisiert worden sind.

Obwohl es fast nach einem Krimi riecht, bleibt Elisabeth Büchle ganz der emotionalen Verfassung ihrer Figuren treu. Sie konzentriert sich auf die Beziehungsebene und betont vor allem Äußeres und Befindlichkeiten der Charaktere. Dabei geraten die Geschehnisse um das Grab des Tutanchamun beziehungsweise um die Schwarzmarkt-Affäre in den Hintergrund, und dienen ausschließlich als Kulisse für die Love-Story. 

Der Erzählstil war ebenso wenig meins, weil sich die Autorin arg auf Beschreibungen versteht. Teilweise konnte ich mich gar nicht in die Situationen einfinden, weil ich Rückenmuskulaturen bestaunen musste, triviale Ereignisse und Dialoge - zum Beispiel über Joghurt - thematisiert werden oder mich die Gedankenflut der Figuren davon abgehalten hat. 

Trotz meiner Kritik hat mir die Geschichte an sich sehr gut gefallen. Wäre die Autorin nicht so sehr an der Liebe hängen geblieben, dann wäre es wohl genau meins gewesen.

Insgesamt kann ich „Skarabäus und Schmetterling“ an Leser empfehlen, die es gerne emotional haben, und mit einem Liebesroman, inklusive Spannung und historischem Hintergrund im Gepäck, nach Ägypten aufbrechen wollen. 

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.com

Polizeiermittlungen & unvorstellbares Grauen

Der Outsider - Deutschland Random House Audio, Stephen King, David Nathan

In Flint City wird ein elfjähriger Junge grausam zugerichtet im Stadtpark entdeckt. Der Mörder ist rasch gefunden, weil es sich Augenzeugen und Spurensicherung zufolge um Terry Maitland handelt. Terry Maitland hat aber ein Alibi, das niemand in Abrede stellen kann. Wer hat es tatsächlich getan?

Mit „Der Outsider“ hat Stephen King einen Roman geschrieben, der meiner Meinung nach die Stärken des ‚neuen‘ King mit seinem gewohnt unschlagbaren Horror vereint. Zwar mag der Meister nicht in Bestform sein, dennoch habe ich diesen Roman gerne gelesen, weil es ein verdammt gutes Schmankerl ist.

Als Leser ist man in Flint City zu Gast und wird sofort mit dem Mord an dem elfjährigen Jungen überrollt. Für die Polizei steht der Täter fest: Terry Maitland hat es getan, weil ihn dutzende Augenzeugen gesehen haben, und sämtliche Spuren am Tatort eindeutig auf den allseits beliebten Englischlehrer verweisen. Daher wird der verheiratete Mann in aller Öffentlichkeit bei einem Baseballspiel verhaftet. Die ganze Stadt ist sozusagen live dabei. Allerdings kommen bei den Ermittlungen rasch Zweifel auf, weil es ein wasserdichtes Alibi gibt, gegen das selbst die Funde am Tatort nicht ausreichend sind.

Es besteht also ein Zwiespalt, den es nicht geben dürfte. Terry Maitland hat es getan, obwohl er es nicht getan haben kann. Hier beginnt sich eine geistige Spirale zu drehen, die nicht nur den Ermittlern zu schaffen macht. Es werden DNA-Beweise gesichtet, Fingerabdrücke genommen, Zeugen vernommen - dabei kommt man immer auf das gleiche Ergebnis: Terry Maitland ist ein Mörder, obwohl er unschuldig ist. 

Klingt das verquer? Ist es auch! Denn King hat diesmal sein neuentdecktes kriminalistisches Talent gekonnt mit dem gewohnten Horror vereint. Polizeirealität trifft auf mysteriöses Grauen, wobei man sich beim Lesen schon in der Gedankenspirale verfängt. 

Meinem Eindruck nach ist dieser Roman dementsprechend in zwei Teile gegliedert. Zuerst ist man mitten in den trockenen polizeilichen Ermittlungen, lässt mit Rechtsberatern und Polizei die Fakten Revue passieren, und versucht, Ungereimtheiten möglichst logisch aus dem Weg zu räumen. Danach landet man in der kingschen Welt des unvorstellbaren Grauens, die einem schon manchen Schauer über den Rücken jagt. 

Dabei stellt King den gesamten Polizeiapparat und die Rechtssprechung in Frage. Er thematisiert, wie Fehleinschätzungen Leben vernichten kann. Rasch wird aus dem potentiellen Täter das nächste Opfer, indem es durch unzutreffende Interpretationen zu falschen Entscheidungen kommt. 

Die Geschichte an sich ist exzellent und höchst fesselnd eingefädelt. Gerade die kriminalistische Sicht auf die Entwicklungen hat mir außerordentlich gut gefallen, weil ich auf diese Weise mal wieder eingelullt wurde. Stephen King schafft es, wie kein anderer, mich ganz langsam in seine Welt zu ziehen, bis ich von einem Moment auf den anderen mitten im Geschehen bin. Ich finde es unheimlich packend, wenn er detailliert die Ausgangssituation vor mir ausbreitet. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass das auf manche Leser ermüdend wirkt.

Im zweiten Teil der Erzählung ist nicht nur das unaussprechliche Grauen, sondern auch Holly Gibney aus der Mr-Mercedes-Trilogie zu Gast. Wie immer greifen Kings Werke ineinander, es gibt viele Verweise, dennoch ist der Bezug zu dieser Trilogie sehr ausgeprägt. Das geht so weit, dass man sich spoilert, sollte man sie noch nicht gelesen haben. Wer also unvoreingenommen die Schandtaten von Mr Mercedes kennenlernen will, sollte sich „Der Outsider“ für die Zeit danach aufsparen.

Alles in allem hat mich King erneut überzeugt und mir einen weiteren Aspekt seines schriftstellerischen und fantasiebegabten Könnens gezeigt. Es mag zwar nicht sein bester Roman sein, ist aber auf die ruhige und gleichzeitig schaurige Stephen-King-Art ein gutes Buch, das in seinen Bann zu ziehen weiß. 

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Im Angstrausch

Angstrausch: Thriller - Sarah Lotz, Thomas Bauer

Simon ist ein Adrenalinjunkie. Er sucht die Gefahr, um seine Website am Laufen zu halten. Dazu begibt er sich an riskante Orte und die Kamera ist immer dabei. Als er in einem unterirdischen Höhlensystem fast um’s Leben kommt, wird die Website ein voller Erfolg. Und es ist Zeit sich der nächsten höchstmöglichen Gefahr auszusetzen: dem Mount Everest.

Ich mag Sarah Lotz' Bücher, weil sie abseits vom Üblichen schreibt. Dazu bin ich von Horror fasziniert und lese besonders gern Geschichten vom Mount Everest. Damit war für mich auf den ersten Blick klar, dass ich dieses Buch lesen muss!

Wie gesagt, Simon Newman sucht den Kick. Er setzt sich gefährlichen Situationen aus, um die Website am Laufen zu halten. Diese Website betreibt er mit seinem Freund Thierry, wobei dieser für die technische und inhaltliche Umsetzung zuständig ist. Simon liefert das Material.

Zu Beginn der Story hält man sich im Jahr 2006 auf, und geht gemeinsam mit Simon ein unterirdisches Höhlensystem an. Darin sind Studenten um’s Leben gekommen, deren Leichen noch immer in der Höhle sind. Die Bergung ist aufgrund der engen Winkel unmöglich. Neben der gefährlichen Kletterpartie ist Simon und Thierry an den Leichen gelegen. Denn mit einem Video von ihnen heizen sie der Website mächtig ein. Deshalb hat Simon stets die Kamera gezückt. 

Bei diesem Part unter der Erde habe ich allein beim Lesen klaustrophobische Schübe bekommen. Simon verschwindet in der völligen Dunkelheit, schiebt sich durch enge Passagen, wo er gerade mal Zehen und Finger bewegen kann, und findet sich einer Naturgewalt gegenüber, die ihm um’s Leben trachtet. Die Situation wird brenzlig und zunehmend mysteriös, und man hält mehr als einmal den Atem an.

Einige Zeit später ertönt der Ruf nach dem Mount Everest. Thierry und Simon beschließen, dass der Berg und seine grausam-bekannte Todeszone der ideale Inhalt für die Website sind. Daher macht sich Simon auf einen Weg, der ihn psychisch und physisch alles abverlangen wird. 

Das Mount-Everest-Setting wird in zwei Perspektiven behandelt. Einerseits von Simon selbst, der sich der kalten Angst vor dem Berg beugen muss. Andrerseits liest man das Tagebuch einer Bergsteigerin, die sich ebenfalls auf zum höchsten Punkt der Erde macht. 

Der Mount Everest für sich allein sorgt schon für Gänsehaut. Die Kälte, der Sauerstoffmangel, die Anstrengungen, die Appetitlosigkeit und zahlreiche Leichen, die den Pfad nach oben pflastern. Zusätzlich fühlt sich Simon von einem dritten Mann verfolgt, von dem er nicht weiß, ob der ihm Böses will. Diese unterschwellige Furcht, die zu dem realen Horror des Berges hinzukommt, hat das Buch für mich zum Pageturner gemacht. Ich konnte nicht anders als weiterlesen, weil mir Simons Angstrausch keine Ruhe gelassen hat. 

Im abschließenden Teil wird es ruhiger, aber nicht weniger gruselig. Hier schlägt Sarah Lotz’ Hang zum Bizarren durch. Obwohl ich das Ende passend und schaurig finde, lässt es mich unbefriedigt zurück. Ich hätte hier lieber einen handfesten Abschluss in der Hand, als diese festgefrorenen Fäden, die dennoch absolut Furcht einflößend sind. 

Insgesamt ist „Angstrausch“ ein packender Mystery-Thriller, bei dem der Titel hält, was er verspricht. Sarah Lotz schreibt nicht so bizarr, wie man es von ihren anderen Werken kennt. Sie zwängt den Leser unter der Erde ein, lässt ihn über den Wolken nach Luft hecheln, und setzt einem die Angst in den Nacken - wobei der Atem zu gefrieren beginnt.

 

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Gruselige Kurzgeschichten für die ganze Familie

Der 13. Stuhl - Dave Shelton, Ingo Herzke

Als Jack sich in ein verlassenes altes Gebäude schleicht, ahnt er, dass ihm Schauriges begegnen wird. Und siehe da, sie erwarten ihn schon. Zwölf Personen sitzen im Kreis, jeder hat eine brennende Kerze vor sich, und Jack wird auf den 13. Stuhl gesetzt. 

"Der 13. Stuhl" ist eine Kurzgeschichtensammlung, die durch die Rahmenhandlung um Jack wunderbar schaurig abgerundet ist. 

Genau wie Jack war ich gespannt, was uns da erwarten wird. Da ist dieses alte, verlassene Haus, ein dunkler Raum und zwölf Gestalten, die ihm erwartungsvoll entgegenblicken. Jede Person hat eine brennende Kerze vor sich. Auch Jack bekommt eine, als er sich auf den 13. Stuhl niederlässt.

Reihum werden gruselige Geschichten erzählt. Manche sind moderne Schauermärchen, bei anderen handelt es sich um klassische Spuknovellen, die einmal weniger, dann wieder mehr dem Grauen Platz in dem dunklen Kreis machen.

Es wird von manischen Schriftstellern, dämonischen Katzen, blutbefleckten Immobilien, geisterhaften Schulmädchen und sagenumwobenen Diebstahl erzählt. Sobald eine Gestalt mit ihrer Erzählung geendet hat, bläst sie die Kerze aus, und schon lodert die nächste schön-schaurige Flamme auf. 

Die meisten Erzählungen haben mir gefallen, und es waren schon einige dabei, die sogar mich gegruselt haben. Viele Geschichten beinhalten ganz klassischen Spuk, andere gehen weiter, und fangen gleich abartige Dämonen ein.

Zu den Geschichten bleibt noch zu sagen, dass sie wahrscheinlich genau richtig für jüngere Leser sind, denen es nach Gänsehaut-Feeling belangt. Obwohl sie für Erwachsene bestimmt genauso schön zu lesen sind.  

Von der Rahmenhandlung um den Jungen Jack war ich besonders angetan. Einerseits erlebt man Jacks Reaktionen auf die Geschichten der anderen, wie er sich fürchtet und ihm die Kälte über den Rücken kriecht. Andrerseits hat er Bammel, weil er weiß, dass er früher oder später ebenfalls an die Reihe kommt. Hoffentlich fällt ihm bis dahin etwas Passendes ein, damit er sich nicht vollständig blamiert.

Diese mysteriöse Runde ist schon recht speziell. Während sie nach und nach erzählen, habe ich mich gefragt, wer diese Menschen sind, und warum sie sich im Dunkeln, nur begleitet vom Kerzenschein, gegenseitig das Fürchten lehren. Schon allein bei diesem Setting bin ich gern dabei gewesen. 

Was bleibt, ist eine schön-schaurige Kurzgeschichtensammlung für zwischendurch, die auch für die kleineren Gruselmonster geeignet ist, und bestimmt im familiären Kreis - vielleicht sogar gemeinsam - gut gelesen werden kann. 

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Historisches Krimi-Highlight

Der Angstmann: Max Heller 1 - Der Audio Verlag, Frank Goldammer, Heikko Deutschmann

1944 in Dresden. Der Krieg nimmt die Bevölkerung mit. Ausgehungert, verunsichert und resigniert blickt man dem drohenden Untergang entgegen. Mitten im Kriegsgewirr wird der grausam zugerichtete Leichnam einer Krankenschwester entdeckt. Man flüstert sich hinter vorgehaltener Hand zu, dass es das Werk des Angstmanns ist. Kriminalinspektor Max Heller glaubt nicht an Ammenmärchen und kommt dank vehementer Suche den Hintergründen des Verbrechens auf die Spur.

„Der Angstmann“ ist ein historischer Kriminalroman und Reihenauftakt, der im dramatischen Umbruch während und nach dem Nationalsozialismus in Dresden spielt.

Der Schauplatz Dresden während des Zweiten Weltkriegs hat mich sofort interessiert. Gerade weil die Stadt furchtbarst ausgebombt wurde, war mein Interesse geweckt. Dresden wurde über Nacht in ein höllisches Inferno verwandelt, das man gemeinsam mit Protagonist Max Heller erlebt.

Der Fall um den Angstmann beginnt etliche Zeit vor der Bombennacht, als die Leiche einer Krankenschwester aufgefunden wird, die eindeutig kein Opfer des Kriegsgeschehens ist.

Kriminalinspektor Max Heller ist mit den Ermittlungen um diesen Mord betraut. Gerade im Hinblick auf die Schrecken des Krieges wirkt es beinah lächerlich, sich wegen einer Ermordeten solche Umstände anzutun. Doch Heller weiß, dass es der Anfang von seinem Ende ist, wenn er sich nicht mit Sorgfalt diesem Fall widmet. 

Protagonist Heller zeichnet sich durch seine Hartnäckigkeit aus. Er bleibt nicht nur stur an diesem Fall dran, sondern hat sich jahrelang dem Nazi-Regime widersetzt, indem er nie der Partei beigetreten ist. Zu seinem Glück hat er sich im Ersten Weltkrieg verdient, so bleibt ihm ein Kriegseinsatz erspart. 

Der historische Rahmen wird unglaublich gut transportiert. Ich mag es, wie Goldammer ein Gespür für die damalige Zeit, die Stadt Dresden und die Polizeiarbeit vermittelt. Man merkt beim Lesen genau, wie Zuständigkeiten nach Parteizwecken verteilt werden, wer tatsächlich an den Führer glaubt, und wie schwierig diese Arbeit im Schatten des Krieges allgemein ist. 

Außerdem erwacht man mitten in der berüchtigten Bombennacht, die man an der Seite Hellers erlebt. Ich denke, dass Goldammer ein authentisches Bild davon geschaffen hat, und mir hat er ihr katastrophales Ausmaß vor Augen geführt.

Der Wechsel vom Kriegsgeschehen in die Nachkriegszeit ist dem Autor exzellent gelungen, und genau das hat für mich dieses Buch zu einem Highlight gemacht. Es ist faszinierend, wie der Übergang vom Nationalsozialismus zum besetzten Gebiet war, wie sich von einem Moment auf den anderen plötzlich keiner mehr als Nazi bekennt und wie die Besatzungsmacht Russland damit umgegangen ist. 

Die Krimihandlung steht auf soliden Füßen und lädt zum Grübeln ein. Denn auch hier bin ich in die Zeit um den Zweiten Weltkrieg abgetaucht, weil denkbare Tatmotive teilweise stark von unserer Gegenwart abweichen, was zusätzlich ein Gefühl für die damalige Lage vermittelt. 

Für mich ist „Der Angstmann“ ein historisches Krimi-Highlight, das ich an Interessierte unbedingt empfehlen kann. Authentische Atmosphäre, eine sture, überlegte Hauptfigur und die redliche Kriminalhandlung haben mich überzeugt, und ich bin auf Hellers weitere Fälle im besetzten Dresden neugierig.

 

 

Bisherige Fälle:
1) Der Angstmann
2) Tausend Teufel
3) Vergessene Seelen
4) Roter Rabe
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Der Neubeginn

Memento - Der Neubeginn  - Ulrich Thiele, Julianna Baggott

Vor neun Jahren haben Bomben die Erde zerstört. Geblieben ist eine verseuchte Welt, und die wenigen Überlebenden sind furchtbarst entstellt. Allerdings gibt es eine elitäre Gruppe, die sich noch vor der nuklearen Katastrophe in den geschützten Raum des Kapitols zurückgezogen hat. 

In diesem Abschlussband der Memento-Trilogie liegt es an Protagonistin Pressia ein gemeinsames Leben von Verseuchten und den Bürgern des Kapitols herbeizuführen. Die Jugendliche stammt aus dem verseuchten Gebiet und wünscht sich nichts mehr, als eine gemeinsame Welt zu schaffen, in der Verseuchte und Reine Hand in Hand in die Zukunft gehen.

Während mich der erste Band restlos begeistert hat, ist mir der Mittelteil zu sehr ins Wirre abgerutscht. Dieses Finale hat die Trilogie wieder auf Kurs gebracht, indem es durch gekonnte Grauschattierungen die Schwierigkeiten bester Absichten betont.

Dieser Band schließt sofort an die Ereignisse des letzten Teils an, und man findet sich mit Pressia, Bradwell und El Capitán in merkwürdigen Gefilden wieder.  

Protagonistin Pressia steht deutlich im Mittelpunkt. Sie hat es sich in den Kopf gesetzt, eine neue Welt zu schaffen. Die Mittel dafür, glaubt sie, in ihren Händen zu halten. Nun kommt es auf die Kooperationsbereitschaft des Kapitols an, damit ihre Vision Realität werden kann.

Hingegen hat es ihr Halbbruder Partridge zum Anführer im Kapitol gebracht. Eigentlich teilt er Pressias Vision und will sofort den politischen Kurs ändern. Allerdings merkt er schnell, dass Führung nicht nur dem eigenen Willen unterliegt, und er sich nach den Bedürfnissen der Bürger richten muss. 

Außerdem kommen Bradwell und Lyda in der Handlung zum Zug, wobei Bradwell unscheinbar im Hintergrund versackt, und Lyda zu einem kämpferisch-labilen Charakter wird. Selbstverständlich ist El Capitán mit von der Partie, der mit seinem kriegerischen Hintergrund manch brenzlige Situation meistern kann.

Die Handlung ist gut erzählt, indem Baggott gewohnt durch die verschiedenen Perspektiven ihre Charaktere gleiten lässt. Einmal kämpft man mit Pressia um das nackte Überleben, ist gemeinsam mit Bradwell rebellisch gegen das Kapitol gestimmt, oder steht mit Patridge vor intriganten Machenschaften, die er ohne politische Erfahrung nicht bändigen kann.

Die Ereignisse im Kapitol habe ich als glaubwürdig empfunden, und sie haben der Trilogie Authentizität verliehen. Denn Patridge merkt rasch, dass ihm sogar als politisches Oberhaupt die Hände gebunden sind, weil es derart viele Aspekte zu berücksichtigen gilt. Rasch kommt er von seiner geraden Linie ab, und muss sich - trotz starker Zweifel - den Begebenheiten beugen.

Die Reise von Pressia, Bradwell und El Capitán entspricht dem abenteuerlichen Part, der von Auseinandersetzungen, Actionszenen und gefährlichen Situationen lebt. Außerdem wird hier noch einmal die Außenwelt beschrieben, die unbeschreiblich abstoßend ist. 

"Es war eine schreckliche, eine blutige Welt, eine Welt des Leidens und Sterbens." (S. 235)

Zur Erinnerung: die Menschen sind durch die Bomben fürchterlich entstellt. Sie sind mit Familienmitgliedern oder Tieren verschmolzen, haben manchmal keine Gliedmaßen mehr, oder sind mit Gegenständen regelrecht gespickt. So ist Pressias Hand ein Puppenkopf, während sich in Bradwells Rücken Vögel befinden und El Capitán zum siamesischen Zwilling mutierte.  

Diese Beschreibungen rufen grauenhafte Bilder hervor, die Julianna Baggott mit ihrem plastischen Stil gekonnt in Szene setzt. 

Das Ende hat mir gefallen, weil es dem düsteren Flair der Trilogie entspricht. Julianna Baggott zeigt deutlich, dass sie keine Autorin zum Kuscheln ist, sondern durch Brutalität und ungeschöntes Grauen besticht. 

Meiner Meinung nach ist diese Trilogie für Dystopie-Fans ein Lesemuss, wenn man mit den verstörend-realistischen Beschreibungen umgehen kann, und eine richtig finstere Welt aushält. 



Die Memento-Trilogie:
1) Memento. Die Überlebenden 
2) Memento. Die Feuerblume
3) Memento. Der Neubeginn
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Düster, geheimnisvoll & sehr intensiv

Die Magie der kleinen Dinge: Roman - Jessie Burton, Karin Dufner

17. Jahrhundert in Amsterdam. Als frisch gebackene Ehefrau kommt die junge Nella nach Amsterdam. Hier erwartet sie das herrschaftliche Haus ihres Ehemanns Johannes Brandt, wo sie ab sofort leben soll. Doch ihre neue Familie beschert ihr einen eisigen Empfang und ihr Mann zeigt kein Interesse an ihr. Nur ein Puppenhaus bleibt ihr als Trost, das haargenau ihrem neuen Zuhause entspricht.

Mitten im Oktober 1686 betritt man mit Nella ihr neues Daheim. Genauso wie die Protagonistin reibt man sich fröstelnd über die Arme, weil der Empfang gar so eisig ist. Ihre Schwägerin kommt lediglich ein zurückhaltender Willkommensgruß über die zusammengepressten Lippen. Das Hauspersonal ist vom ersten Augenblick an sonderbar. Der Hausherr und Ehemann selbst, wähnt sich auf Reisen, weil das Handeln mit Waren im Amsterdam vom 17. Jahrhundert vor der Begegnung mit der Gemahlin steht. 

Schnell werden Nella die Schranken gewiesen. Der Hausstand ist für sie nicht von Belang, weil die Schwägerin den Haushalt führt. Das Personal nimmt sie nicht ernst, und ihr Mann hat keinen Blick für sie übrig. Bis sie ihr Hochzeitsgeschenk - ein Puppenhaus erhält, das detailliert ihr Zuhause zeigt.

"Die Magie der kleinen Dinge" ist ein düsterer, geheimnisvoller historischer Roman, der in die Zeit der Gilden im 17. Jahrhundert nach Amsterdam entführt. Dabei kann der Titel auf zweierlei Weise verstanden werden. Einerseits sind es die winzig kleinen Möbel, die Nella als Trost in ihr Puppenhaus setzt und die für erheblichen Wirbel im Hause Brandt sorgen. Andererseits sind es die kleinen Gesten der Wertschätzung, des Respekts und Zusammenhalts, die Nella nach und nach in ihrer Ehe und Familie entdeckt.

Nella ist eine junge Frau, die an den reichen Handelsmann Johannes Brandt verheiratet wurde. Sie setzt viel Hoffnung in diese Ehe und genießt es, dass sie vom Land in die große Stadt gekommen ist. Allerdings geht sie mit reichlich Naivität in die Situation, und merkt erst mit der Zeit, dass ihre Ehe etwas ganz Besonderes ist. 

Diese Erkenntnisse sind die Haupthandlung des Romans, der den Leser in seine düstere Atmosphäre zieht. Das Haus und die Familie Brandt wirken zunächst abweisend, bedrohlich und gefährlich, doch Nella behauptet sich. Sie bringt Nähe, Zuversicht und Geborgenheit mit, was ein wärmendes Feuer im Hause Brandt entfacht.

Gleichzeitig werden die Gepflogenheiten in der Handelsstadt Amsterdam thematisiert, was äußerst faszinierend und fesselnd zu lesen ist. Man wird mit der übergreifenden Macht der Gilden konfrontiert, lernt gemeinsam mit Nella mehr über die wirtschaftlichen Grundlagen der Stadt, und bekommt sehr viel vom Amsterdamer Ambiente mit. 

Ich habe diesen Roman als besonders düster und intensiv empfunden. Jessie Burton hat eine ergreifende Atmosphäre geschaffen, die sich dunkel über Nellas junge Ehe legt. Geschickt hat die Autorin die damaligen Gepflogenheiten, Gefahren und Gebote mit der Handlung verwoben, was ein finsteres Bild mit sich bringt. 

Einzig, mit dem Part um das Puppenhaus, der sogar leitgebend für den Roman ist, konnte ich mich nicht anfreunden. Auch jetzt - nach der Lektüre - ist mir nicht klar, wozu dieses Geschenk gedient hat, und warum dieser mysteriöse Aspekt überhaupt im Roman vorgekommen ist. Denn auch ohne diese rätselhafte Miniaturversion wäre die Handlung beachtlich gewesen.

Ich bin gern mit Nella zu ihrem Ehemann nach Amsterdam gezogen, habe ihre neue Familie kennengelernt und die angespannte Atmosphäre regelrecht genossen. Gerade für Leser, die gern in düsterer Stimmung Geheimnisse aufdecken und hinter familiäre Kulissen blicken, ist es der richtige Roman - vor allem dann, wenn man sich für Amsterdam im 17. Jahrhundert interessiert.

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Venezianischer Märchen-Kitsch

Nur mit deinen Augen: Roman - Valerie Bielen

Alice Breuer ergreift die Chance und wandert als Au-pair-Mädchen nach Venedig aus. Schon immer hat sie von der Lagunenstadt geträumt. Doch die Familie Scarpa zeigt kein Pardon. Von früh bis spät ist sie im Dienst. Nur nachts kann sie sich auf Erkundungstour durch die Stadt bewegen, wo sie auf den mysteriösen Tobia trifft.

Normalerweise bin ich eher in der Thriller- und Horror-Ecke daheim. Jedoch brauche ich ab und zu etwas für's Herz, und hatte mal wieder Lust auf einen Liebesroman. An "Nur mit deinen Augen" hat mich die venezianische Kulisse gereizt, und die blinde Figur Tobia Manin hat mein Interesse geweckt.

Alice Breuer ist eine junge Frau, die auf sich allein gestellt ist. Ihr fehlt es am familiären Rückhalt und sie will sich einen Traum erfüllen, indem sie nach Venedig geht. 

In der Lagunenstadt tritt sie den Dienst als Au-pair-Mädchen bei Familie Scarpa an. Die Scarpas sind furchtbar oberflächliche Personen, denen der schöne Schein über alles geht. Sie hetzen von einem gesellschaftlichen Anlass zum nächsten, dabei lassen sie kein Fest aus. Kein Wunder, dass sie für die Kinder Unterstützung brauchen!

Daher befindet sich Alice buchstäblich in der Cinderella-Situation: Sie schuftet von morgens bis abends, wobei das Ehepaar Scarpa stellvertretend für die bösen Stiefschwestern steht. 

Nachts schleicht sich Alice aus dem Haus, um wenigstens etwas von der Stadt ihrer Träume zu haben. Auf diesen Spaziergängen trifft sie auf den schönen Tobia Manin, der als geheimnisvoller, blinder Amerikaner die Neugier der venezianischen Gesellschaft entfacht. 

Die Parallelen zur Märchenwelt sind nicht nur auf die berühmte Geschichte von Aschenputtel beschränkt. Sondern mir fällt dazu genauso "Das hässliche Entlein" ein, und die Beziehung zwischen Alice und Tobia lässt sich als "Die Schöne und das Biest" beschreiben. Denn genau wie für die schöne Belle, ist es charakteristisch für Alice, dass sie sich in ihre Bücherwelt verkriecht, und mit ihrem freundlichen Wesen, zum weichen Kern des abweisenden Biests vordringt.

Einerseits habe ich die Geschichte ganz gern gelesen, da Valerie Bielen insgesamt einen guten, flüssigen Schreibstil hat. Andrerseits habe ich Authentizität und Realität vermisst, weil die märchenhaften Elemente regelrecht aus der Handlung geflossen sind. Viele Aspekte haben mich an Cinderella oder - die moderne Version - Pretty Woman - erinnert: armes Mädchen trifft den Prinzen, der sie zur Prinzessin macht. Damit ist die Geschichte schon erzählt, was ich sehr schade gefunden habe. 

Dazu kommen gestelzte Dialoge, die wahrscheinlich schon zu Shakespeares Zeiten altmodisch gewesen sind! Vielleicht liegt es aber daran, dass im Buch eigentlich Italienisch gesprochen wird, und diese Reden der italienischen Gesprächskultur entsprechen. Daher mag ich mir hier kein Urteil bilden, möchte aber unbedingt darauf hinweisen.

Die Beschreibungen von Venedig sind dafür wunderschön. Ich habe die Gondeln, kleinen Gassen und glitschigen Stege vor mir gesehen, und bin gerade nachts gerne mit Alice durch die Stadt flaniert.

Trotz all dieser Kritikpunkte ist die Handlung für zwischendurch okay, gerade wenn einem der Sinn nach einem kitschigen Liebesroman steht. Ich finde es schade, dass das Gesamtpaket an der Oberfläche geblieben ist, und bin wohl mit den falschen Erwartungen an Alices Geschichte gegangen. 

"Nur mit deinen Augen" ist ein märchenhafter Liebesroman, dem der Kitsch aus den Seiten fließt, und vielleicht gerade deshalb - trotz meines Gemeckers - angenehm zu lesen ist.

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at