16 Follower
25 Ich folge
NiWa

NiWa

Ich lese gerade

Terror
Audible Studios, Detlef Bierstedt, Dan Simmons
Irre Seelen
Graham Masterton
Bereits gelesen: 7/446 pages
Niceville
Carsten Stroud

Lasst alle Hoffnung fahren

Vakkerville-Mysteries - Teil 3: Spiegelgrund - Anton Serkalow

Die Stadt Vakkerville liegt im Nebel. Mittendrin ist die stadteigene Psychiatrie 'Spiegelgrund' aus der es kein Entkommen gibt. Niemand schafft es hinaus und niemand kann hinein gelangen. Auf ihren verzweifelten Weg durch den Nebel ereignet sich für die Bewohner der Stadt Schauriges ... 

"Spiegelgrund" ist der Abschlussband der Vakkerville-Mysteries und lässt den Leser sofort an die Ereignisse des vorherigen Bandes anschließen. Die Vakkerville-Mysteries sind bemerkenswerte Horrorliteratur, die gesellschaftskritisch, hochintelligent und äußerst fesselnd geschrieben ist. 

Bevor der Leser wieder in den Abgrund von Vakkerville gerissen wird, gibt es zum Einstieg eine kurze Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse. Hierbei begreift man die Komplexität der Trilogie und wappnet sich für das Geschehen im dritten Band.

Krankenpfleger Fabio ist mit dem Scheuch in ein unterirdisches Labyrinth unterhalb der Nervenheilanstalt 'Spiegelgrund' entschwunden. Sie versuchen verzweifelt einen Weg nach draußen zu finden, wobei Fabio mit seiner oberflächlichen Coolness besticht.

Hier treffen sie auf Samira, die nach der Tochter von Innensenator Szabó sucht und auf wundersame Weise in die grauenhafte Unterwelt von Vakkerville abgetaucht ist. 

Schwerpunkt der Handlung liegt in dieser unterirdischen Geisterbahn, die Leser und Figuren tatsächlich alle Hoffnung raubt. Dunkle Wesen, bedrohliche Schatten und hoffnungslose Winkel begegnen ihnen, während sie sich Schritt für Schritt vortasten. 

Hier braucht es starke Nerven, um nicht völlig durchzudrehen. Fabio und Samira werden nicht nur von äußeren Begebenheit sondern auch von ihrer Vergangenheit heimgesucht, der se sich an diesem finstren Ort stellen müssen.

Oberhalb des Irrweges schaut es nicht besser aus. Der 'Spiegelgrund' selbst wird zum Gruselkabinett. Krankenschwestern ohne Gesichter, Ärzte aus vergangenen Zeiten und fliegende Affen, die sich fledermausähnlich auf Menschen stürzen, haben die Führung übernommen. Nur gut, dass sich Frau Dr. Reinhofen die Kontrolle nicht nehmen lässt. 

Hiermit sind nur einige Figuren und Passagen kurz erwähnt, weil es sich auch hier um einen vielschichtigen und abwechslungsreichen Horror-Roman handelt. Obwohl die Schauer-Elemente 
im Vordergrund sind, ist es ein facettenreiches Werk, das unter anderem mit der Vergangenheit aufräumt.

Autor Anton Serkalow geht auf das Unrecht in dieser Welt ein, das niemand sehen will. Er lässt den realen Horror die Flügel ausbreiten und zeigt, dass dieser noch schlimmer als jede Fiktion ist. Es geht um grausame Experimente, missbrauchte Kinder auf der ganzen Welt, vertane Chancen und Entscheidungen, und ein Andenken, dass sich Opfer verdient haben. 

Während man also im fiktiven Labyrinth von Vakkerville umherirrt, wird man laufend mit afrikanischen Kindersoldaten, sexuell missbrauchten Kindern oder vernachlässigten Jugendlichen konfrontiert. Damit regt der Autor zum Nachdenken an und zeigt, wie schrecklich viele Seiten der Realität sind.

Die Handlung hat mir gefallen. Die Geschichte hat gerade rechtzeitig die Kurve gekriegt. Sehr atmosphärisch sind die unheimlichen Wanderschaften der Figuren beschrieben und ich hätte wirklich nicht gedacht, dass ich da noch rauskommen werde. 

Denn ich hatte mich oft gefragt, wie man das Geschehen am Ende der Trilogie aufklären will, und habe in Anbetracht der sehr gewundenen Wege gar nicht so einen runden Abschluss erwartet. 

Außerdem hat mir Anton Serkalow mit dem literarischen Bezug zu vielen weltbekannten Werken imponiert, den er gekonnt umgesetzt hat. Sei es nun „Alice hinter den Spiegeln“ oder „Der Zauberer von Oz“, mit jedem Schritt tritt man Weltliteratur entgegen.

Ich könnte jetzt ewig schwärmen und detailliert auf die vielen Feinheiten der Vakkerville Mysteries und ihrer Komplexität eingehen. Allerdings soll das gar nicht der Sinn dieser Rezension sein. Daher verbleibe ich damit, dass es eine geniale, absolut empfehlenswerte Trilogie ist, die hoffentlich noch viele Leser finden wird. 


Die Vakkerville-Mysteries:
1) Dämmergrau. Das Erwachen der Geister ist erst der Anfang
2) Nebelgrenze: Sind wir bereit, den Toten die Tür zu öffnen 
3) Spiegelgrund: Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren
Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Vom tollwütigen Monsterhund

Cujo: Roman - Stephen King

Der Bernhardiner Cujo ist ein gutmütiges Ungetüm, das keiner Fliege etwas zu leide tut. Aber eines Tages wird er mit einem teuflischen Virus infiziert und wird zum blutdürstigen Monster, das um sich herum alles in Fetzen reisst.

"Cujo" ist ein Horror-Roman von Stephen King und hat schon richtig Kult-Status erreicht. Viel zu lange habe ich mir Zeit gelassen, um zu diesem Roman zu greifen. Ich habe die Seiten regelrecht inhaliert!

Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist der Bernhardiner Cujo. Cujo ist ein richtig großer Hund, der dafür mit einer großen Portion Gutmütigkeit gesegnet ist. Von seiner Familie wird er geliebt, von Nachbarn und Bekannten wird sein freundliches Wesen geschätzt. Kurz gesagt, wer Tiere mag, muss Cujo einfach lieben! 

Seine Geschichte wird vor allem mit dem Schicksal zweier Familien verknüpft. Cujo selbst gehört der Sharp-Familie an, die aus seinem Jungen, der Frau und dem Mann besteht. Hier werden vor allem die Erzählstränge um die Frau und ihren Sohn in den Vordergrund gestellt, weil so manch unglückselige Fügung sich für andere als Glück entpuppen wird.

Hauptsächlich wird aber von Donna, Vic und dem kleinen Tad erzählt. Denn diese Familie wird eine sehr intensive Erfahrung mit Cujo haben, die ganz Castle Rock erschüttern wird. 

Wer King kennt, weiß, dass er reichlich Hintergrundinformationen zu den Figuren liefert. Wobei gerade in diesem Roman ein kleines Rädchen das andere dreht, und viele minimale Ereignisse zum Fiasko führen. Ich mag diesen detaillierten Stil sehr gern, denn King greift gekonnt auf, wie wir Menschen ticken. Er dreht und wendet uns, und zeigt, das in jedem etwas Böses steckt. 

Etliche Abschnitte werden aus Cujos Perspektive erzählt. Man fühlt, wie sehr er seinen Jungen mag, man spürt, dass er dem Mann gefallen will, und freut sich, wenn er gut gelaunt über die Felder rennt.

Doch dann geschieht das Unglück und Cujo wird mit einem infernalischen Tollwut-Virus infiziert. Auf seine lebensfrohe Art, legt sich ein blutgetränkter Schleier, der ihn zu einem zerfleischenden Monster macht. Zuerst fühlt er unstillbaren Durst, gegen den es keine Abhilfe gibt. Die Sonne brennt ihm in den Augen, weil die Krankheit an ihm nagt. Cujo weiß in seiner Verzweiflung nicht, wie ihm geschieht. Je weiter die Infektion fortschreitet, desto verzerrter und bösartiger wird seine Sichtweise, obwohl er eigentlich nur allen gefallen will.

Damit hat mich die Geschichte mitten ins Herz getroffen. Es ist für mich immer schwierig zu verkraften, wenn Tieren Unrecht widerfährt, weil sie es eben nicht verstehen können. Ein Tier vertraut seinen Besitzern das eigene Leben an und kann (wahrscheinlich) nicht nachvollziehen, warum es ungerecht behandelt wird. Dieses natürliche Unverständnis gibt mir zu knabbern, weil es doch zeigt, dass Tiere Schutzbefohlene des Menschen sind. 

Trotz des ernsten, gesellschaftskritischen Hintergrunds ist „Cujo“ ein Horror-Roman und mit dem tollwütigen Riesenhund hat Stephen King erneut einen einwandfreien Schocker kreiert. Er spielt mit den Gefühlen des Lesers auf mehreren Ebenen. Man möchte Cujo lieb haben, ihn streicheln und mit ihm spielen. Aber dann wendet sich das Blatt, und der Wohlfühl-Hund wird zum blutrünstigen Splatter-Element. 

Meiner Meinung nach ist Stephen Kings „Cujo“ ein wahnsinnig guter Horror-Roman, der ganz ohne mysteriöse Aspekte auskommt und sich am Grauen der Realität bedient. Daher vergebe ich das Prädikat „lesenswert“. 

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Horror-Ratten

Lost Souls - Audible Studios, Thomas Finn, Oliver Rohrbeck

Jessika Raapke ist Archäologin und mit ihrer Pflegetochter Leonie frisch nach Hameln gezogen. Hier wartet auch schon ein Arbeitseinsatz auf sie: sie soll einen mysteriösen Vorfall in der Kirche untersuchen. Ein Bauarbeiter wurde von einem Schwarm Ratten regelrecht zerfetzt und ein alter Sarg ist dabei beschädigt worden. In der Kirche findet Jessika einen archaischen Hinweis auf den sagenumwobenen Rattenfänger und weitere Unfälle mit den Nagern häufen sich ... 

Bei diesem Roman hat mich von Vornherein die Sage um den Rattenfänger gereizt. Ich finde es recht interessant, wenn (Horror-) Romane auf alten Märchen und Geschichten basieren und Autoren daraus ihre eigene Version spinnen.

Wie schon kurz geschildert, ist Jessika Raapke beruflich mit dem Unfall in der Kirche betraut. Sie soll die Artefakte bergen, damit alles seine Ordnung hat. Allerdings stößt sie auf seltsame Zeichen und Rätsel und eine Hetzjagd gegen eine Rattenschar beginnt.

Protagonistin des Romans ist eben Jessika, die mit ihrer Adoptivtochter Leonie nach Hameln gezogen ist. Jessikas Leben ist derzeit schwierig. Ihre beste Freundin ist gestorben und auf einen Schlag hat sie dadurch die Verantwortung für eine Teenagerin. Leonie ist nämlich gar nicht so pflegeleicht, weil es ihr eben schwer fällt, sich auf die neue Umgebung und Situation einzulassen. 

Dann kommt noch Kammerjäger Peter hinzu, der die bedenklichen Rattenvorkommnisse in der Stadt untersucht. Auf diese Weise macht er Bekanntschaft mit Jessika, weil der Nagetier-Unfall des Bauarbeiters von mehreren Stellen bearbeitet wird.

Die Figuren sind insgesamt gelungen, auch wenn es ihnen etwas an Tiefe fehlt. Sämtliche Charakterzüge entstehen aus der Situation heraus und sind ingesamt nicht bemerkenswert, was jedoch der Handlung keine Spannung nimmt. 

Die Ratten in Hameln verhalten sich merkwürdig. Sie rotten sich zusammen, sind äußerst aggressiv und selbst Kammerjäger Peter hat so etwas noch nie gesehen: Rattenkönige, durchgebissene Kabel, angenagte Menschen - in Hameln sind sie überall!

Hauptaugenmerk des Romans liegt auf der Rattenfänger-Sage, die von unterschiedlichen Seiten aus betrachtet wird. Thomas Finn bietet dazu unglaublich viel Wissen und Informationen, was sehr, sehr fesselnd zu lesen ist. Dabei geht er auf verschiedenste Versionen der Rattenfänger-Sage ein, spielt Interpretationen einzelner Aspekte durch und erklärt, wie die Gebrüder Grimm ihre berühmte Märchensammlung geschaffen haben.

Gerade dieser Teil hat mir ausgezeichnet gefallen. Es ist spannend zu erfahren, wann die Heiden wo gelebt haben, wie unsere Vorfahren mit dem relativ neu eingeführten Christentum umgegangen sind, und wie sich Adel- und Klostertum gegenüber heidnischer Bräuche verhalten haben.

Der Horror liegt in den Ratten selbst, weil Thomas Finns Nager schon grausame Biester sind. Man stelle sich vor, ein Rattenschwarm strömt auf einen zu und man weiß, dass es kein Entkommen gibt! 

Dementsprechend sind manche Szenen blutig und teilweise detailliert, was den Ekel- und Schauerfaktor insgesamt in die Höhe treibt.

Abschließend bleibt mir zu sagen, dass mich Thomas Finns „Lost Souls“ gut unterhalten hat. Eklige Spannung, sagenhafte Details inklusive, regt er das Kopfkino an, während von Artefakten aus alten Zeiten berichtet wird. 

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Grusel-Snack

Ein Gesicht in der Menge - Stephen King, Stewart O'Nan, Thomas Gunkel

Als sich Dean Evers ein Baseball-Spiel im Fernsehen ansieht staunt er nicht schlecht. Er sieht auf den Zuschauerrängen einen Mann, der ist bereits seit Jahren tot!

"Ein Gesicht in der Menge" ist eine gruselige Kurzgeschichte aus der Feder von Horrormeister Stephen King. Obwohl das kurze Werk zu den bescheidenen seiner Art zählt, bietet es gewohnte Schaueratmosphäre und ist für zwischendurch ganz nett.

Der Witwer Dean Evers ist nach dem Tod seiner Frau nach Florida gezogen, wo er seinen Lebensabend verbringt. Trotz der angenehmen Temperaturen geht es ihm gar nicht gut. Er vermisst seine Frau und hat es sich angewöhnt seine Einsamkeit im Alkohol zu ertränken und mit Tabletten zu betäuben. 

Mangelnde Lebensfreude hin oder her, nach wie vor schaut er sich leidenschaftlich gerne Baseballspiele im Fernsehen an. So auch an diesem Abend als er plötzlich den Zahnarzt seiner Kindheit im Publikum entdeckt. Egal wie er es dreht und wendet, dieser Mann kann nicht sein Zahnarzt sein, denn der Mann war damals schon alt!

Dean schiebt es auf den Alkohol, doch beim nächsten Spiel tauchen weitere Bekannte in den Zuschauerrängen auf. Nun kriegt er es mit der Angst zutun, und ist sich sicher, dass es alkoholbedingte Halluzinationen sind. Bis er eines Abends seine tote Frau unter den Zuschauern sieht und sein Handy ringt ... 

Dieses kleine Büchlein ist schon sehr kurz geraten, was für mich der größte Makel daran ist. Wenn man bedenkt, für welchen Preis es über den Ladentisch geht, dann handelt es sich um eine ziemlich teure Angelegenheit.

Nichtsdestotrotz zeigt Stephen King erneut, dass er gute Kurzgeschichten schreibt. Ein um das andere Mal erstaunt er mich, indem er mir seine lebendigen Figuren näher bringt. Dean Evers hat auf den wenigen Seiten kaum Raum, trotzdem bekommt man sofort ein Gefühl für ihn und sieht ihn, wie er da auf dem Sofa vor seinem Fernseher sitzt.

Gruselig ist es allein, weil das Mysteriöse in den Alltag drängt. Reichen ein paar Bierchen zu viel, um in der Menge die Toten sitzen zu sehen? Oder ist doch etwas Übernatürliches schuld daran?

Insgesamt mochte ich diesen Grusel-Snack ganz gern, weil er zwischendrin gut zu lesen ist. Es mangelt am Umfang, denn etliche Seiten mehr hätten Dean Evers Schicksal sicher nicht geschadet. Gewohnte Eloquenz trifft auf annehmbares Grauen, wird aber auf viel zu wenig Raum umgesetzt.

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Emmerichs zweiter Fall

Die rote Frau: Ein Fall für August Emmerich (Die Kriminalinspektor-Emmerich-Reihe, Band 2) - Alex Beer, Cornelius Obonya

Wien nach dem 1. Weltkrieg. Das Stadtbild wird von Hunger, Elend und Kriegsveteranen geprägt. Die Kriminalbeamten von Leib und Leben sind mit dem unfassbaren Mord am geschätzten Stadtrat Fürst betraut, währen sich Kriminalinspektor August Emmerich und sein Assistent mit Schreibarbeit quälen. Allerdings entdecken sie einen bisher unbekannten Zusammenhang und fangen mit eigenen Ermittlungen an.

"Die rote Frau" ist der zweite Teil der historischen Krimireihe um Kriminalinspektor August Emmerich, der in der Donaumetropole nach dem 1. Weltkrieg angesiedelt ist.

Polizeiagent Emmerich und sein Assistent Ferdinand Winter sind vom Regen in der Traufe gelandet. Zwar dürfen sie nun endlich in der begehrten Abteilung "Leib und Leben" ermitteln, sie haben sich darunter allerdings keine Schreibtischarbeit vorgestellt. 

Den Einsatz als Tippse im Hintergrund haben sie Emmerichs Starrsinn zu verdanken. Denn dieser legt sich gern mit Vorgesetzten an und hat es sich zur Regel gemacht, seine Kompetenzen zu überschreiten, was von höheren Beamten natürlich nicht gerne gesehen wird.  

In seiner Sturheit ist Emmerich aber auch genial, weil genau dieser Wesenszug meistens sehr hilfreich bei Ermittlungen ist. Außerdem ist er blitzgescheit, verfügt über eine umfassende Kombinationsgabe und setzt seinen Hausverstand ein.

Im Fall um die rote Frau legt sich Emmerich nicht nur mit Vorgesetzten sondern gleich mit dem Umfeld von Stadtrat Fürst an, wo er prekären Geheimnissen auf der Spur zu sein scheint.

Die Krimihandlung ist solide, interessant und entführt in die problematischen Tage dieser Zeit. Mordopfer Fürst ist ein Wohltäter gewesen und hat sich allseits großer Beliebtheit erfreut. Deshalb kann sich die Polizei das Mordmotiv nicht erklären. War es die Verzweiflungstat eines armseligen Kriegsinvaliden? Oder steht sogar politische Motivation dahinter?

So steckt Emmerich bei seinen Ermittlungen die Rahmenbedingungen des Mordhergangs ab, kommt zu vielen Theorien und entkräftet sie auch wieder. Mir persönlich waren Tathergang, Überführung und Motivation etwas zu weit hergeholt, was aber nur ein kleiner Kritikpunkt meinerseits ist. Denn die Ermittlungsarbeit selbst ist gut und spannend zu lesen, allein, weil Alex Beer mit dem historischen Setting besticht.

Mit August Emmerich verliert man sich im Wien der 1920er-Jahre. Man kann kaum fassen, in welchem Elend die einst strahlende Donaumetropole erstickt. Die Straßen sind von Entstellten und Verstümmelten, Verhungernden und Verzweifelten geprägt. Die Menschen leben unter schwierigsten Bedingungen und vegetieren meist eher dahin.

Zudem steuert die Autorin gut bekannte Ecken, Straßen und Gebäude an, wodurch das Wiener Stadtbild absolut authentisch wirkt. 

Meiner Meinung nach hat Alex Beer damit eine exzellente Melange aus Ermittlungstätigkeit, historischem Rahmen und Kriminalhandlung kreiert, die den Leser in das alte Wien entführt.

Unbedingt erwähnen möchte ich noch die Mundartphrasen, die quer durch die gesamte Handlung anzufinden sind. Nach wie vor wird genauso gesprochen und ich musste oft schmunzeln, weil mancher Dialog dadurch noch glaubhafter wirkt.

Meiner Ansicht nach hat Alex Beer ihre Reihe spannend, historisch interessant und gekonnt fortgesetzt. Ich freue mich, wenn es mit August Emmerich wieder etwas zu ermitteln gibt.

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Langweiliger Todesengel

Milo - Geliebter Todesengel: Thriller - A. Fiend

Marcus Wirtmann ist von seinem Leben fadisiert. Der triste Arbeitsalltag raubt ihm zunehmend die letzten Energiereserven, während er in einer grauen Welt unterzugehen droht. Doch in San Francisco lernt er die mysteriöse Milo in einer brenzligen Situation kennen und verliebt sich kurzerhand in sie. Jedoch ist Milo kein Mädchen von nebenan, sondern ein gefährlicher Todesengel, der ganz genau weiß, was er will.

An diesem Buch hat mich Marcus Wirtmanns Leben neugierig gemacht. Wer kennt das nicht? Aus Job, abendlichen Vergnügungen und manch privater Verpflichtung wird allzu rasch grauer Alltag, wo sich die tristen Tage nahtlos und unspektakulär aneinanderreihen. Manchmal ist es gut, wenn gar nichts passiert. Doch manchmal kann einem dieses Nichts zu viel werden. Und genau das ist bei Marcus der Fall. 

Marcus kämpft mit sich, seinem Leben und seinem Job. Er hasst es. Er ist als Unternehmensberater bei SAP angestellt und hat dauernd mit anstrengenden Kunden zutun. Hier hatte der Protagonist für mich eindeutig Identifikationspotential, weil mein Arbeitsalltag bei mir ähnlich gestrickt ist. Argumentieren, brillieren und überzeugen - das kann oft richtig nervtötend sein. 

Diesmal ist Marcus mit seinem Kollegen in San Francisco unterwegs. Nach den auslaugenden Kundengesprächen wird abends das eine oder andre Gläschen gehoben, damit der Tag ausklingen kann. Allerdings hat Marcus einen starken Hang zu Übertreibungen und gibt sich schon in aller Frühe einen kleinem Muntermacher - Whiskey pur - hin. 

Dieser Einsteig hat mir alles in allem sehr gut gefallen, weil der Autor auf das Alltagstier anspielt, dem wir alle aufgesessen sind: 

"Morgens aufstehen. Einen Scheißjob machen. Abends hinlegen. Ist das etwa alles?" (S. 32)

Hier hat er mir oftmals aus der Seele geschrieben, obwohl ich mit der Whiskey-Taktik des Protagonisten wenig anfangen kann. 

Dann lernt Marcus den titelgebenden Todesengel Milo kennen. Zu Milo kann ich nicht besonders viel sagen, weil man kaum etwas über sie erfährt. Sie ist eine Kämpferin und scheint aus Quentin Tarantinos "Kill Bill" entsprungen zu sein. Mit einem Samuraischwert haut sie ihren Gegenspielern auf die Finger und zieht Marcus in ihren Bann. Marcus schmeißt darauf sein Leben hin und fängt bei Milo eine Lehre als Killer an.

Dieser Teil hat mich stark an den Film "Fight Club" erinnert. Wie im Film entflieht der Protagonist seinem grauen Leben indem er durch Kämpfen seinen Körper spürt und zu einem richtig harten Typen wird. 

Damit wäre die Grundhandlung auch schon erzählt und ich frage mich ernsthaft, wo denn die wirkliche Handlung abgeblieben ist. Über das ganze Buch hinweg reiht sich eine Actionszene an die andere. Gefühlt war ich ständig in Kampfhandlungen involviert, mit Marcus im Training mit Blut beschmiert, es wurden Wunden versorgt oder Whiskey inhaliert.

Im Übrigen ist der Whiskey-Konsum in diesem Buch ein eigenes Thema, denn er ist Milos Lebenselixier. Andauernd schütten sich Milo und Marcus Hochprozentiges rein und erklären Jim Beam zur Nahrungsquelle Nummer eins. Ich glaube, das sollte einen charmant-herben Zug in die Handlung bringen, hat aber auf mich eher wie Product Placement gewirkt:

"Mit einem riesigen fetten Grinsen betrachte ich abwechselnd Milo und unser Lebenselixier. Ich bin wahrhaftig der glücklichste Mann der Welt." (S. 120)

Ich persönlich konnte mit den Beschreibungen und der Handlung nicht viel anfangen. Wie gesagt, der Einstieg in Marcus bescheidenen Arbeitsalltag hat mich gepackt und ich war ganz gespannt, wie es dann weitergeht. Meine Spannung war allerdings rasch verflogen, als sich nur noch eine Actionszene an die andere reiht. 

Bemerkenswert ist allerdings der geniale Schreibstil des Autors. Locker-leicht mit derber Sprachgewalt hätte er mich sofort bei der Hand gehabt, wenn ein nachvollziehbarer Spannungsbogen vorhanden gewesen wäre.

Meiner Meinung nach werden hier wohl männliche Fantasien bedient oder das Traumbild einer merkwürdigen Partnerschaft kreiert. Wahrscheinlich handelt es sich eher um ein Männerbuch, das bei mir schlicht an der falschen Adresse gelandet ist. Wer neugierig auf den Todesengel Milo ist, sollte sich unbedingt selbst ein Bild von ihr machen. Denn es ist trotz meiner Kritik ein spezielles Buch, das dem richtigen Leser bestimmt besser gefällt.

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Eine Murmeltier-Situation

Nie mehr zurück: Thriller - Regina Jooß, Vivian Vande Velde

Zoe flüchtet sich vor dem Regen in eine Bank, die ausgerechnet wenige Minuten nach ihrem Eintreffen überfallen wird! Der Raub eskaliert und mehrere Menschen sterben dabei. Zoe nimmt dieses Schicksal nicht hin und setzt ihre Fähigkeit ein: sie kann die Zeit zurückdrehen.

"Nie mehr zurück" ist ein interessanter Jugendthriller, der mit dem Thema der Zeitreise spielt. 

Zoe ist fünfzehn und hat es nicht gerade leicht. Sie schlägt sich ohne Familie durch und ist in einer Wohngruppe gelandet. Doch in der aktuellen Situation macht ihr eher ein Platzregen zu schaffen, vor dem sie in eine Bankfiliale flieht. Gerade mal ist sie angekommen und hat versucht, einigermaßen unauffällig zu sein, da wird die Bank überfallen. Weder der Wachbeamte, das Personal oder die Polizei sind der Situation gewachsen und Menschen sterben dabei. Jetzt ist für Zoe der richtige Zeitpunkt ihre Fähigkeit einzusetzen, denn sie kann die Zeit zurückdrehen! Reichen die vorhandenen 23 Minuten, um das Leben dieser Menschen zu retten?

Wer wollte nicht schon einmal die Zeit zurückdrehen? Sei es ob wir in peinlichen Momenten stecken, einen schönen Tag noch einmal erleben könnten oder - wie Zoe - einer lebensbedrohlichen Situation zu entgehen. Grundsätzlich klingt es relativ leicht, wenn man diese Möglichkeit besitzt, doch die Zeit hat manchmal genau dieses Schicksal vorgesehen. Zoe versucht dennoch das Leben der Menschen in der Bank zu retten und sieht damit unvermeidlichen Problemen ins Gesicht.

Denn ihre Fähigkeit - so praktisch sie auch scheinen mag - hat einen Haken. Zoe kann nur 23 Minuten nach hinten springen. Diese kurze Spanne muss reichen, um Informationen zu sammeln, einen Plan auszuhecken und in die Tat umzusetzen. Wenn sie scheitert kann sie zumindest von vorne anfangen, oder etwa nicht?

Bei diesem Jugendthriller hat mich das Zeitreise-Thema angesprochen. Es ist immer interessant, wenn man Gedankenspiele dieser Art anstellen kann und sieht, wie eine Kleinigkeit ganze Leben verändern kann.

Zusätzliche Spannung verspricht dieser 23-Minuten-Slot. Davon hatte ich mir viel versprochen, doch im Endeffekt bin ich im Murmeltier-Modus gelandet. Zoe kriegt es natürlich nicht auf den ersten oder zweiten Versuch hin. Deshalb muss man sich ein um's andre Mal auf diese wenigen Minuten einlassen, was mich schnell gelangweilt hat. 

Ich gebe zu, ich habe natürlich getüftelt, wie Zoe es hinbringen kann, den Banküberfall für alle Beteiligten so zu entschärfen, dass sie lebend aus der Situation rausgehen. Doch sobald der Slot wieder auf Anfang ging, habe ich insgeheim die Augen verdreht, weil Zoe und ich erneut da durch mussten.

Ansonsten finde ich Idee und Umsetzung recht ansprechend und großteils hat es mir Spaß gemacht. Mein Mitgefühl galt Zoe, die ständig von vorne beginnen muss, weil dieser Teil für sie auch nicht unterhaltsam war.

Zusätzlich gibt es ein bisschen Gefühl und sanfte Schmetterlinge im Bauch sowie wissenswerte Hintergrundinformationen der beteiligten Figuren, die dem Thriller etwas mehr Leben und Tiefe verleihen.

Autorin Vivian Vande Velde hat sich mit "Nie mehr zurück" einen schwierigen Rahmen für ihren Thriller ausgesucht, den sie bemüht - wenn auch etwas langwierig - umgesetzt hat.

Meiner Meinung nach ist es ein passables Jugendbuch für zwischendurch, wenn auch mit besagtem Murmeltier-Effekt. 

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Was hat sie wirklich gesehen?

The Woman in the Window - Was hat sie wirklich gesehen? - Nina Kunzendorf, James Finn Garner, Christoph Göhler

Anna ist krank. Sie ist Agoraphobikerin und kann ihr Haus nicht mehr verlassen. Daher schaut sie oft durch die Fenster zu ihren Nachbarn, wobei sie einen Mord beobachtet. Wer war die ermordete Frau im Fenster? Und was ist wirklich geschehen?

"The Woman in the Window" begegnet dem Leser gleich auf zweierlei Art. Zum einen ist es Anna, die von ihrem Fenstern aus zu den Nachbarn späht. Zum anderen handelt es sich um die Frau, deren Ermordungen sie beobachtet hat. Diese Doppeldeutigkeit des Titels ist bezeichnet für den Handlungsverlauf, weil der Autor genau damit zu spielen weiß.

Es handelt sich dabei um einen klassischen Thriller der sich an Hitchcocks Filmklassiker "Das Fenster zum Hof" anlehnt. Auch in diesem Buch ist die Mordzeugin ans Haus gebunden und niemand glaubt ihr, was sie gesehen hat.

Anna ist Agoraphobikerin. Das heißt, sie hat eine Angststörung und fürchtet sich so sehr vor weiten Plätzen, dass sie ihr Haus nicht mehr verlassen kann. Der Auslöser dieser Angst liegt ein Jahr zurück und wird im Buch in Rückblenden aufgearbeitet.

Die Krankheit nimmt einen hohen Stellenwert im Buch ein, was ich insgesamt als sehr interessant empfunden habe. Trotz Thrillercharakter nimmt sich der Autor ausreichend Zeit, um in den krankheitsgeprägten Alltag der Protagonistin einzuführen. Es ermöglicht dem Leser auf spannende Weise mehr über dieses Krankheitsbild zu erfahren.

Zudem ist Anna Kinderpsychologin und hat einen äußerst professionellen Blick auf ihre psychische Verfassung. Allerdings endet ihre Professionalität, wenn es um dem Umgang mit sich selbst, Alkoholkonsum und Tablettenmissbrauch geht. Denn Anna ist ständig zugedröhnt, wodurch natürlich ihre Glaubwürdigkeit bezüglich ihrer Beobachtung deutlich sinkt.

Zu Anna möchte ich noch sagen, dass sie mir stellenweise äußerst unsympathisch war. Sie trägt eine sehr ablehnende Haltung gegenüber ihrer Mitmenschen zur Schau, ist unhöflich und nimmt keine Rücksicht. Allein wenn ich daran denke, wie ruppig sie mit anderen umgeht, hat sie für mich nicht gerade zum Sympathieträger gemacht.

Die Handlung ist sehr fesselnd, wenn auch eher ruhig erzählt. Anna beobachtet den Mord an dieser Frau im Fenster. Es handelt sich um die neue Nachbarin, die allerdings kurze Zeit später lebend vor ihr steht. Nur hat Anna eine andere Frau vor Augen und weiß nicht so recht, wer hier ein übles Spielchen spielt.

Damit hat der Thriller großartiges Rätselpotential. Es wird nach Motiven sowie Erklärungen gesucht und natürlich Protagonistin Anna in Frage gestellt. Kann es sein, dass sie sich das alles - bei ihrem Rauschmittelkonsum -  nur eingebildet hat?

Autor A. J. Finn glänzt mit Wendungen und Wirrungen. Er versteht es gekonnt, den Leser in die falsche Richtung zu führen und hat mich am Ende eiskalt erwischt. 

Meiner Meinung nach ist „The Woman in the Window“ ein guter, klassischer Thriller mit interessanten Fakten zum Krankheitsbild Agoraphobie, eine Hommage an Hitchcocks Filmklassiker und ein fesselndes (Hör-) Buch für spannende Lesestunden! 

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Ein faszinierendes Debüt

Der Brief: Roman - Carolin Hagebölling

Marie ist verstört als sie einen sonderbaren Brief in den Händen hält. Das Schreiben ist an sie adressiert und die Absenderin ist ihr bekannt. Dennoch scheint er aus einem ganz anderen Leben zu sein. Denn in diesem Brief lebt sie in Paris, ist verheiratet und hat sogar ein Kind. Aber wie kommt das, wenn sie doch in Hamburg wohnt?

"Der Brief" ist ein raffinierter Roman, der mit verschiedenen Realitätsebenen spielt. Zwar ist er weit von einem Thriller entfernt, regt dennoch zum Grübeln und Nachdenken an.

Was wäre, wenn man sich an einer Abzweigung des Lebens anders entschieden hätte? Was wäre geschehen, wenn man statt zuhause zu bleiben an jenem Abend ausgegangen wäre? Wie hätte sich der eigene Weg entwickelt, wenn man sich vor Jahren für Paris entschieden hätte?

Mit diesen oder ähnlichen Fragen wird Marie konfrontiert als sie den merkwürdigen Brief in den Händen hält. Er stammt von einer alten Schulfreundin und ist an sie geschrieben und adressiert. Aber das Leben und die Fragen darin widersprechen der Realität. 

So beginnt Marie dem Geheimnis hinter dem Brief auf den Grund zu gehen. Diese Reise führt sie in ihre Vergangenheit bis hin zu einer möglichen Zukunft in Paris, die im Brief jedoch schon Vergangenheit ist.

Marie ist Anfang Dreißig und hat auf mich den Eindruck einer ruhigen, gefestigten Person gemacht. Sie lebt in einer Beziehung, arbeitet als Journalistin und hat Hamburg als Heimatstadt für sich entdeckt. 

Zu Beginn tut sie das mysteriöse Schriftstück natürlich als bösen Streich und Humbug ab. Allerdings lässt es ihr keine Ruhe, schon gar nicht, als weitere Briefe ankommen. 

Ich mochte diesen Roman gern, weil die Atmosphäre sehr fesselnd ist. Laufend habe ich gegrübelt, was denn hinter den Briefen stecken könnte und über eine realistische Ursache nachgedacht. Genauso macht es Marie, die sogar kreativer als ich ist, weil sie etliche Möglichkeiten durchdenkt. 

Allerdings habe ich die Figuren eher als Statisten empfunden, weil sie nicht besonders in die Tiefe gehen. Zumindest entsprechen sie nicht üblichen Klischees, was über die glatte Oberfläche hinwegtröstet.

Hauptsächlich spielt ein philosphischer Grundton rein, der sich mit alternativen Lebenswegen beschäftigt. Denn die Thematik orientiert sich stark am  "Was wäre, wenn ..?" und wirft unterschiedliche Perspektiven auf Maries Entscheidungen. 

Trotz des ruhigen Erzählstils hat mich dieses Gedankenspiel an die Seiten gebannt. Es gefällt mir, dass die Autorin nicht in Richtung Mystery abdriftet sondern ganz und gar bei ihrem philosophischen Ansatz bleibt. 

Das Ende hat mir gefallen und ist passend gewählt. Zwar lässt es etliche Fragen offen, dafür stupst es das Gedankenkarussell ordentlich an. Auf diese Weise kann man selbst entscheiden, was denn nun wirklich geschehen ist. 

Insgesamt ist „Der Brief“ ein faszinierendes Debüt, das den Leser zum Philosophieren und Grübeln bringt, gerade weil das Ende offen ist. 

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Superhelden unter sich

Endgültig - Nina Kunzendorf, Deutschland Random House Audio, Andreas Pflüger

Jenny Aaron war Mitglied einer elitären Einheit der Polizei. Doch dann ging ein Einsatz schief und hat der jungen Frau das Augenlicht gekostet. Mittlerweile hat sie sich als blinde Verhörspezialistin beim BKA einen Namen gemacht. Allerdings holt sie die Vergangenheit ein und sie kämpft gegen die Dunkelheit an.

"Endgültig" ist ein Actionthriller in Spionage- und Bond-Manier. Andreas Pflüger hat mit seinem Reihenauftakt heroischen Figuren Leben eingehaucht, nur den Heldentum meiner Meinung nach ordentlich überspannt.

Protagonistin Jenny Aaron ist blind. Dennoch ist sie als Verhörspezialistin beim BKA tätig und bringt unzählige Talente zum Einsatz. Obwohl sie erst wenige Jahre mit ihrem Handicap leben muss, hat sie es perfekt im Griff. Sie wendet unzählige Techniken an, um ihren sehenden Kollegen in Nichts nachzustehen. 

Die Geschichte an sich ist meiner Meinung nach nicht schlecht. Von der Handlung her stehen Rache, der Zusammenhalt bei der Polizei und gescheiterte Existenzen im Vordergrund. 

Es wird spannend erzählt und der Autor pflegt zahllose interessante Hintergrundinformationen ein. Es geht um das organisierte Verbrechen, philosophische Ansätze der Samurai, Schieß- und Kampftechniken und worauf man bei einem Verhör zu achten hat. 

Weniger ausgehalten habe ich diesen überbordenden Heldenmut, den alle beteiligten Figuren an den Tag legen. Von Protagonistin Jenny Aaron habe ich schon kurz erzählt, doch diese knappe Informationen sind nur Randerscheinungen. Als blinde Frau ist Jenny so tough, dass sie sogar noch schießen, sich auf der Anhängervorrichtung eines fahrenden LKWs fortbewegen und ein Auto fahren kann. 

Obwohl Jenny die führende Superheldin der Geschichte ist, sind ihr ihre Kollegen und Gegner absolut ebenbürtig. Ausgenommen natürlich, dass diese sehen können. Allesamt sind sie absolut perfektionierte Tötungsmaschinen, die psychisch und physisch auf Auslöschen von Leben getrimmt sind.

Noch erschreckender als diesen Heldenmut habe ich den Stellenwert von Jenny Aaron empfunden. Sie ist unantastbar im Freundes- und Kollegenkreis und hat einen Heiligenschein für sich gepachtet. Auch wenn man sich mit einer Kollegin gut versteht und ihr kompromisslos vertraut, kann ich nicht nachvollziehen, wie ihr Leben über dem der eigenen Angehörigen stehen kann. Wie kann ein - an und für sich - fremder Mensch, eine so wichtige Position einnehmen, dass sogar das Wohl der eigenen Familie zweitrangig ist? Diese und ähnliche Regungen sind für mich nicht nachvollziehbar und haben mir den Spaß genommen.

Obwohl ich an der Geschichte nicht viel Freude hatte, war natürlich nicht alles schlecht. Ich mochte es, wie Pflüger auf den Alltag blinder Menschen eingeht, fand es höchst interessant, wie und mit welchen Techniken sie sich durch die Welt bewegen und wie er einen schönen Bogen über die Ereignisse und Polizeieinsätze spannt.

Insgesamt komme ich zu dem Ergebnis, dass der Titel "Endgültig" für mich Programm sein wird. Es war mein erster und letzter Fall den ich mit Superheldin Jenny Aaron bearbeitet habe. Dennoch kann ich dieses (Hör-) Buch guten Gewissens Lesern empfehlen, die actionlastigen Superhelden etwas abgewinnen können. 

 
Bisher in dieser Reihe erschienen:
1) Endgültig 
2) Niemals 
Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Indianischer Horror

Das Atmen der Bestie - Graham Masterton

Seymour Willis macht sich auf den Weg ins Gesundheitsamt, weil er sich nicht mehr zu helfen weiß. Dort hält man ihn für verrückt, weil sein Problem absolut unglaubwürdig klingt. Der alte Mann behauptet, dass sein Haus atmet. Zuerst schiebt es der Gesundheitsbeamte John Hyatt auf Senilität, denkt sich aber, dass ein merkwürdiger Lärm im Haus durchaus gesundheitsschädliche Folgen haben kann. Er erbarmt sich des Mannes und begibt sich zum Lokalaugenschein.

In dem Haus stellt John Hyatt fest, dass die Geräusche durchaus wie Atem klingen und der alte Seymour Willis doch nicht altersbedingter Senilität verfallen ist. Nun holt er sich einen weiteren Kollegen zu Rate, um den häuslichen Geräuschen auf den Grund zu gehen. Auf sie wartet Schauriges ... 

Protagonist John Hyatt erzählt in der Ich-Perspektive aus erster Hand. Daher weiß man zumindest schon, dass er das Spektakel einigermaßen unbeschadet überstehen wird. Er ist ein engagierter junger Mann, der seine Tätigkeit beim Gesundheitsamt ernst nimmt, ohne übertrieben motiviert zu wirken.

Der Einstieg in den Roman ist spannend, sogartig und sehr faszinierend. Ich mag es besonders gern, wenn Horror-Romane mit alltäglichen Situationen beginnen und so eine wartet hier: Der alte Seymour Willis kommt ins Gesundheitsamt und erzählt von seinem Problem. John Hyatt bringt es nicht über's Herz den Senioren abzuweisen und nimmt sich seiner an.

Darauf folgen etlichen gruselige Szenen, die an Horror-Filme aus den 1970er-Jahren denken lassen. Es wird ein Drink genommen und das Grauen baut sich langsam auf. 

Bis hierhin mochte ich es extrem gern und die ersten übernatürlichen Elemente und Begegnungen fand ich durchaus packend. Autor Graham Masterton baut richtig grausliche Szenen ein ohne allzu blutrünstig zu werden. Er spielt mit der Vorstellungskraft des Lesers und an manchen Stellen hatte ich ekelerregende Bilder im Kopf.

Thematisch hat sich Graham Masterton stark an indianischen Mythen und Legenden orientiert. Im Vorwort geht er zudem auf die Hintergründe zu diesem Roman ein und betont, dass er ‚echte‘ Indiander-Sagen verwendet hat.

Der weitere Hergang der Handlung war dann weniger meins, weil alles sehr glatt gegangen ist.  Die Horror-Elemente basieren eben auf indianischen Sagen und Legenden und daher ist ein indianischer Schamane nicht weit, der die nachfolgenden Ereignisse steuert. 

Weitere Figuren betreten die Bildfläche, die sich erstaunlicherweise ziemlich schnell vom übernatürlichen Charakter des Geschehens überzeugen lassen. Meiner Meinung nach ist dieses Verhalten nicht einleuchtend, weil man wahrscheinlich erst an letzter Stelle eine transzendente Erklärung glaubt. Hier hat mir mehr Widerstand gefehlt, weil die mysteriöse Bedrohung zu einfach hingenommen wird.

Im späteren Verlauf summieren sich die Actionszenen, ein Inferno hebt San Francisco aus den Angeln und ein boshafter Dämon sorgt für Unheil. Das letzte Drittel hat Blockbuster-Niveau und liest sich dementsprechend eintönig. Die Gruselstimmung ist dahin, es geht um’s nackte Überleben und daher werden scharfe Geschütze aufgefahren, was mich auch nicht mehr beeindrucken konnte. 

Auf jeden Fall entspricht „Das Atmen der Bestie“ ganz den Horror-Romanen seiner Zeit aus den 1970er-Jahren und ist trotz meiner Kritikpunkte gut zu lesen. Man darf sich nur kein allzu schauriges Ambiente erwarten, sondern es ist eher ein Thriller auf Action-Niveau, der auf Horror-Elementen basiert. 

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Sei wer du bist

DUMPLIN': GO BIG OR GO HOME - Claudia Adjei, Julie Murphy

Willowdean hat sich immer wohlgefühlt. Zwar ist sie dick, hat sich davon aber niemals einschüchtern lassen. Auch wenn sie ihre Mutter stets liebevoll Dumplin' - Knödel - nennt, ihr Leibesumfang hat ihr nie etwas ausgemacht. Doch dann lernt sie den attraktiven Bo kennen und zum ersten Mal wäre es ihr lieber schlank zu sein. 

Dumplin' alias Will ist ein dicker Teenager, der sich nie daran gestört hat etwas voluminöser zu sein. Sie hat sich nie für ihren Körper geschämt und war damit zufrieden. Als der hübsche Bo heimlich um sie wirbt, wird Will bewusst, dass sie sich doch nicht so wohlfühlt. Liegt es an ihr? Sind die anderen bzw. die Gesellschaft daran schuld? Um sich und der Welt zu beweisen, dass Schönheit relativ ist, beschließt sie am  „Miss Teen Blue Bonnet“-Schönheitswettbewerb teilzunehmen. Und zieht damit einen Rattenschwanz hinter sich her ...

Dumplin' erzählt ihre Geschichte direkt an den Leser gewandt. Anhand der Ich-Perspektive lernt man das dralle Mädchen kennen und schließt sie sofort ins Herz. Sie ist ein interessanter Charakter, der mit sich und ihren Vorstellungen von sich kämpft. Dabei kommt sie nicht ohne Ecken und Kanten aus, weil sie auch verletzend sein kann. Beispielsweise indem sie ihrer besten (und schlanken!) Freundin verwehrt, sich ebenfalls zur Wahl der "Miss Teen Blue Bonnet" zu stellen.

Ich habe Willowdeans Entschlusskraft bewundert. Sie hat sich bewusst dazu entschieden, sie selbst zu sein und sich für niemanden zu verbiegen. Das fällt ihr zwar manchmal schwer, dennoch hält sie daran fest.

Eine weitere wichtige Rolle nimmt Willowdeans Mutter ein. Diese hat selbst einmal die Krone der "Miss Teen Blue Bonnet" getragen und ihr Leben seither dem Schönheitswettbewerb als Obfrau verschrieben. Sie richtet ihn jährlich aus und hat darin sozusagen ihren Zweck gefunden.

Die Handlung ist alles andere als Klischee. Es ist jetzt nicht so, dass Willowdean abzunehmen beginnt und als strahlender Schwan am Ende mit dem Schönheitswettbewerb-Krönchen eine Runde über den See plätschert. Es geht eher darum, dass jeder mit sich selbst unzufrieden ist und wir Akzeptanz von anderen aber auch von uns selbst brauchen, um glücklich zu sein. So spielen viele weitere Nebenfiguren in die Handlung rein, die allesamt durch offensichtliche Makel - seien es ein kürzeres Bein, ein Pferdegebiss oder auch das Leben als Transvestit - vor allem ihre individuelle Perfektion hervorheben. Die klare Botschaft ist für mich: Egal, wie du aussiehst, wer du bist oder woher du kommst, zuerst musst du dich selbst lieben bevor du es anderen zugestehen kannst. 

Der Handlungsverlauf war schön, gut und logisch aufgebaut. Einzig, manchmal ist es mir ein bisschen zu lasch vorgekommen. Eine Prise mehr Action hätte der Geschichte meiner Ansicht nach gut getan. 

Stilistisch und dramaturgisch fand ich die Geschichte allerdings einwandfrei. Man begleitet Will, wie sie zu sich selbst findet, folgt ihren Gedankengängen und setzt sich mit ihren Ängsten, Wünschen und Sorgen auseinander. Sie lernt, sich selbst zu akzeptieren, auch wenn es ihr meistens Probleme bereitet. Außerdem erkennt sie, dass auch alle anderen nicht komplett zufrieden mit sich sind. 

Für mich ist „Dumplin': Go Big or Go Home“ eine schöne Geschichte für zwischendurch, die Äußerlichkeiten thematisiert, die in Wirklichkeit nicht wichtig sind, und die wohl häufig überbewertet werden. 

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Bis zum Everest und zurück

Höhenrauschsaison: Ladythriller - Meredith Winter

Die Mount-Everest-Saison hält jedes Jahr viele Gefahren bereit. Ärztin Clementine begleitet eine Bergsteiger-Gruppe und ist für ihr Wohlergehen verantwortlich. Allerdings ahnt sie nicht, dass der russische Bergsteiger Alexej ein Auftragskiller und sie seine nächste Kundin ist.

Jedes Jahr im April wollen es übermütige Bergsteiger wissen und es bis zum Gipfel schaffen. Sie gehen das Projekt Mount Everest an. So auch im Jahr 2012, wo viele Höhenbegeisterte in Richtung des Gipfels stürmen.

Der Mount Everest ist der Hauptgrund, warum ich überhaupt zu dem Buch gegriffen habe. Ich finde den Berg total faszinierend und steige gern in Büchern zum Gipfel auf. Ich habe schon viele Romane zu dem Thema gelesen und die Autorin hat diesen Rahmen meiner Ansicht nach erstklassig durchgezogen. Es wird weder über- noch untertrieben und der Ausnahmezustand Everest verlangt den Figuren einiges ab. Das Setting hat daher sehr glaubwürdig gewirkt und man merkt den Beschreibungen die Recherche an.

Ärztin Clementine muss ihrem Leben entfliehen und hat sich deshalb an das Everest-Projekt gewagt. Sie begleitet eine bunte Truppe im Höhenrausch, wovon sie einen fast eine Spur zu gut kennt.

Alexei ist ein russischer Auftragskiller, der auf Everest-Mission geschickt wird. Seine Zielperson ist Ärztin Clementine, doch ihre Bekanntschaft hat er zuvor schon einmal gemacht.

Bei diesem Buch handelt es sich um einen Ladythriller, ein Genre, das für knisternde Erotik und eine spannende Handlung steht. Autorin Meredith Winter hat es meiner Meinung nach gekonnt umgesetzt. 

Die Handlung hat mich sofort reingezogen, ich habe mich irrsinnig gut unterhalten gefühlt. Bei den Figuren waren die Beweggründe manchmal nicht ganz klar, allerdings ist der Teil aufgrund der prickelnden Love-Story für mich in den Hintergrund gerückt.

Die Protagonisten haben ziemlich viele Altlasten im Gepäck. Clementine ist Mitte Dreißig und schaut auf eine verstörende Kindheit zurück. Außerdem hat sie ihre Zwillingsschwester in eine äußerst unangenehme Situation katapultiert, die sie zur Ärztin der Gipfelstürmer macht. Alexej hat ebenfalls eine traumatische Erfahrung hinter sich und ist dadurch zu seinem Brotjob gelangt. Beide sind also vom Leben negativ geprägt und glauben nicht, dass ihnen endlich einmal Gutes widerfahren kann.

Das ist die Ausgangslage für intensive Gefühle, abweisendes Verhalten und leidenschaftliche Aufeinandertreffen, die flüssig, fesselnd und anschaulich erzählt werden. 

Typisch für einen Ladythriller ist ein Funken Erotik und natürlich viel Emotion. Dementsprechend kommen erotische Szenen nicht zu kurz, wobei sie nicht vollständig beschrieben sondern charmant umspielt sind. 

Weniger gefallen hat mir der russische Spionagetouch, der auf mich eher oberflächlich gewirkt hat. Hier wären wahrscheinlich ein paar Seiten mehr ideal gewesen, um bei den Hintergründen der Handlung in die Tiefe zu gehen.

Meiner Kritik zum Trotz hat mich die Mischung aus Thriller, Abenteuer, den Everest und der Prise Erotik gepackt. Wer sich gern an Ladythriller wagt, sollte sich die Autorin Meredith Winter merken, weil ihr „Höhenrauschsaison“ großartig zu lesen ist. 

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Der Horror in Vakkerville geht weiter

Vakkerville-Mysteries - Teil 2: Nebelgrenze - Anton Serkalow

Die Stadt Vakkverville versinkt im Nebel. Ein Zwerg und ein Pirat sind nach einem Überfall auf der Flucht. Ein Auftragskiller heftet sich an ihre Fersen. Die Stieftochter des Innensenators gilt seither als entführt und die mysteriösen Vorkommnisse im 'Spiegelgrund' - der stadteigenen Nervenheilanstalt - häufen sich. 

"Nebelgrenze" ist der 2. Band der Vakkerville-Mysteries und setzt nahtlos nach dem 1. Teil "Dämmergrau" an.  Dabei handelt es sich um eine Horror-Trilogie der Extraklasse, die jedes Horror-Leserherz höher schlagen lässt. 

Bereits im ersten Band lernt man eine Vielzahl an Figuren kennen, die allesamt zum Gesamtpaket Vakkerville zählen. Zwar ist es schwierig, Protagonisten zu identifzieren, doch diesmal stehen meinem Gefühl nach die Figuren Samira und Fabio im Vordergrund. 

Fabio ist Pfleger in der Psychiatrie 'Spiegelgrund' und stammt aus Afrika. Er hat gemeinsam mit dem Scheuch den Überfall auf das Restaurant miterlebt und geht nun wieder den normalen Arbeitsalltag an. Bis auf die Tatsache, dass gar nichts mehr normal zu sein scheint, weil ein grauenerregender Nebel sein Unwesen treibt. Außerdem wird Fabio ständig von Erinnerungen aus seiner Kindheit heimgesucht, die wirklich furchtbar sind.

Der weibliche Bodyguard Samira hat erneut alle Hände voll zutun. Sie ist das Bindeglied zwischen den Figuren. Sie sucht nach der Tochter von Bürgermeister-Kandidat Kristóf Szabó, die seit dem Überfall verschwunden ist. Bei Samira habe ich das Gefühl als ob sie die einzige Person ist, die noch eine klaren Kopf behält. Wobei diese Klarheit ebenfalls mit dem Nebel schwindet ... 

Zum Scheuch muss ich noch sagen, dass er in dieser Fortsetzung nach wie vor unheimlich ist. Er lebt mit Down-Syndrom in der Psychiatrie Spiegelgrund um mimt dort das fleißige Helferlein. Mittlerweile bin ich mir sicher, dass er es faustdick hinter den Ohren hat.

Auch dieser Band ist extrem vielschichtig, mit zahlreichen Figuren und Perspektiven gespickt. Da weiß ich gar nicht so recht, wo ich hier beginnen soll.

Ganz grob geht es um Vergangenheitsbewältigung, die bis in die Zeit um den 2. Weltkrieg reicht. Gleichzeitig werden aktuelle Krisenherde, Spionage, Politik und damit verbundene illegale Machenschaften thematisiert. Der Fokus liegt dabei eindeutig auf Kindesmisshandlung in vielen unterschiedlichen Formen, die hier eingearbeitet werden. Seien es die Kinder im Spiegelgrund, die teilweise fixiert und nicht ernst genommen werden, die emotionale Vernachlässigung, weil sich Eltern keine Zeit nehmen oder gar sexuelle Übergriffe - Anton Serkalow zeigt, dass Kindern auf unterschiedliche Weise Unrecht angetan werden kann.

Natürlich ist es in erster Linie ein Horror-Roman, der durch großartige Schauer-Elemente glänzt. Es gibt Geistererscheinungen, diesen satten Nebel, der Vakkerville in sich hüllt, monströse Gestalten, real wirkende Illusionen und verstörendes Verhalten. Diese Aspekte sind durchgehend für Gänsehaut gut und ich kann kaum genug davon bekommen.

Die Handlung an sich nimmt jetzt die Kurve. Im ersten Band "Dämmergrau" spürt man, dass sich etwas zusammenbraut. Hingegen merkt man in diesem Teil, dass das Geschehen in der Stadt aus dem Ruder läuft. Ich bin so gespannt, wo und wie das alles enden wird und warum es überhaupt erst geschehen ist.

Es gibt einzig einen Strang, der mich nicht so gut - das liegt eventuell am wirklich ernsten Thema - unterhalten hat. Der Pfleger Fabio denkt häufig an seine Kindheit in Afrika zurück. Diese Passagen habe ich als langwierig empfunden. Sie haben mit meiner Geduld gespielt, weil ich unbedingt zum Geschehen in Vakkerville zurückkehren wollte. Dennoch müssen diese Afrika-Episoden in der Gesamthandlung sein, weil Fabio dadurch die Gegenwart begreifen kann.

Alles in allem hat mir „Nebelgrenze“ außergewöhnlich gut gefallen. Ich habe mich gegruselt, wurde zum Rätseln getrieben, habe mich im Spiegelgrund umgesehen und mit etlichen Figuren Schauriges erlebt.

Zusammengefasst ist "Nebelgrenze" exzellenter Horror, der mich großartig unterhalten hat. Ich mag die Mystery-Elemente, die facettenreichen Perspektiven und den dynamischen Erzählstil. Nun freue ich mich auf den Abschlussband und kann die Vakkerville-Mysteries Horror-Lesern nur ans Herz legen. 

 

Die Vakkerville-Mysteries:
1) Dämmergrau. Das Erwachen der Geister ist erst der Anfang
2) Nebelgrenze: Sind wir bereit, den Toten die Tür zu öffnen
3) Spiegelgrund: Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren
Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Ein süßsaure Geschichte

Eine Geschichte der Zitrone - Jo Cotterill, Nadine Püschel

Calypso ist einsam und ahnt es nicht einmal. Erst als Mae neu in die Klasse kommt, wird ihr bewusst, wie allein sie immer war. Rasch spinnt sich eine Freundschaft, weil beide Mädchen Bücherwürmer sind.

"Eine Geschichte der Zitrone" ist eigentlich ein Kinderbuch, das sich von Inhalt und Thematik her genauso an den erwachsenen Leser richtet. 

Calypso lebt mit ihrem Vater allein. Ihre Mutter ist gestorben und damit auch der behütete Teil ihrer Kindheit. Denn sie und ihr Vater haben sich daran gewöhnt, sich von der Außenwelt abzuschotten. Sie lieben ihre Bücher - jeder auf seine Art - und fristen ein zurückgezogenes Dasein, das sich vor allem verschließt.

Als das neue Mädchen Mae in die Klasse kommt, fasst Calypso den Mut und freundet sich mit ihr an. Mit dieser Freundschaft kommt Freude in Calypsos Leben. Sie ahnte nicht einmal, wie schön es sein kann, nicht allein zu sein.

Es ist ein Buch über Freundschaft, Trauer und Einsamkeit, das mir teilweise sehr an die Nieren gegangen ist. 

Calypsos Einsamkeit durchdringt die Seiten. Das Mädchen ist so gut wie auf sich allein gestellt. Sie kümmert sich mehr um ihren Vater als man es umgekehrt behaupten könnte. Doch sie nimmt die Situation an wie sie eben ist, weil sie es auch nicht anders kennt. Sie geht zur Schule, liest gerne Bücher und hat allerhand mit dem Haushalt und täglichen Pflichten zutun.

Ihr Vater hat sich in seiner Trauer verkrochen, indem er ein Buch über Zitronen schreibt. Hauptberuflich arbeitet er als Lektor und widmet sich nebenher seiner Leidenschaft. In seiner Zitronengeschichte kann er sich, seine Trauer und die Welt vergessen. Leider verschließt er auch vor seiner Tochter die Augen und kriegt nichts auf die Reihe.

Als Mae in Calypsos Leben tritt ändert sich alles. Endlich hat Calypso eine Freundin und erkennt, was ihr bisher gefehlt hat. Außerdem merkt sie erstmals, wie schief ihr Familienleben läuft. 

Calypso habe ich sofort ins Herz geschlossen. Sie ist ein liebes Mädchen, das sich um ihr Heim und ihren Vater so gut wie möglich bemüht. Sie schaut, dass er nicht auf's Essen vergisst, liebt das Lesen und ihre Bücher über alles und trauert heimlich um ihre Mutter, weil ihr Vater keine Rührseligkeiten zulässt. Dabei möchte man sie am liebsten in die Arme schließen, sie mal richtig drücken und knuddeln, weil solche Gesten in ihrem Leben fehlen.

Es ist bezaubernd wie sich die Freundschaft zwischen Calypso und Mae entwickelt. Die Mädchen finden sich, sie verbindet die gleiche Leidenschaft - natürlich Bücher - und gemeinsam starten sie etliche Projekte, die sogar Calypsos Vater aus seiner Lethargie reissen. Doch in welche Richtung sich das Geschehen entwickelt, verrate ich an dieser Stelle natürlich nicht.

Manchmal ist dieses Kinderbuch wunderschön, dann wieder traurig-depressiv. Auf jeden Fall hält es viel Stoff zum Nachdenken bereit. 

Neben den entzückenden Szenen und leichten Passagen um die Freundschaft der Mädchen, nimmt ein Großteil der Geschichte sehr düstere Züge an. Für ein Kinderbuch ist es mir um eine Spur zu ernst und zu traurig. Natürlich kann ich als Erwachsene nicht abschätzen, wie Calypsos Leben tatsächlich auf zwölfjährige Kinder wirken mag. Mich hat es jedenfalls teilweise stark mitgenommen.

Sprachlich ist das Buch Calypsos Alter angepasst. Sie erzählt ihre Geschichte selbst und schafft es, Beweggründe und Entwicklungen nachvollziehbar darzustellen. Auch für den erwachsenen Leser sind ihre Gedankengänge glaubhaft dargestellt und haben mich trotz des kindlichen Charakters überzeugen können.

Für mich ist „Eine Geschichte der Zitrone“ eine süßsaure Geschichte über ein trauriges Mädchen, das aus einem gefühlsleeren Zuhause ausbricht, und damit das Leserherz bewegt.

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Was bleibt

Das Leben, das uns bleibt - Susan Beth Pfeffer

Seit der Katastrophe ist das Leben hart geworden. Es ist kalt, es gibt nur selten Storm und Lebensmittel sind Mangelware. Fast hätte Miranda die Hoffnung aufgegeben, doch dann stehen plötzlich ihr Vater, seine Freundin Lisa mit dem Baby und zwei Jungs vor der Tür. 

"Das Leben, das uns bleibt" ist der Abschlussband der "Die letzten Überlebenden"-Trilogie.  

Diesmal kehrt die Autorin zu der jugendlichen Miranda - die Protagonistin aus dem 1. Band - zurück. Miranda und ihre Familie haben sich einigermaßen eingerichtet. Tag für Tag kämpfen sie gegen den Staub, haben es mit Kälte zutun und ziehen sich zum Schlafen aneinander gekuschelt in den Wintergarten zurück.

Miranda hat wieder angefangen Tagebuch zu schreiben und so erlebt man als Leser diese tristen Tage aus ihrer ganz persönlichen Perspektive mit. Ich muss schon sagen, dass Susan Beth Pfeffer mit dieser Tagebuchform eine exzellente Erzählweise für dieses Endzeitszenario gewählt hat. 

Man erfährt aus erster Hand wie Miranda empfindet, wie sie die Tage erlebt, wovor sie sich fürchtet und wann sie zu hoffen wagt. 

Außerdem zeichnen sich die Bände um Miranda durch Realismus aus. Es wird nicht übertrieben, nicht beschönigt und kaum konstruiert. Die Ereignisse sind plausibel, werden nicht unnötig dramatisiert - weil sie für sich schon tragisch genug sind - und haben dadurch sehr glaubwürdig auf mich gewirkt. 

Daher darf man sich auch keine spannungsgeladene Action erwarten, sondern es wird die Zeit nach dem katastrophalen Asteroideneinschlag am Mond beschrieben. Das Wetter ist verschoben. Es wächst nichts, weil fast das ganze Jahr über Winter ist und die Temperatur in den kurzen Sommermonaten nicht einmal die 10-Grad-Marke erreicht. Die Sonne kommt nicht hervor und Miranda kann sich kaum mehr an Farben oder den Himmel erinnern. 

Demzufolge sind Nahrungsmittel rar und jede Woche wird um die zugeteilten Tüten vom Rathaus gebangt. Noch sind sie in der glücklichen Lage, dass sie montags immer eine Lieferung erhalten. Doch was passiert, wenn diese Nahrungsquelle eines Tages versiegen wird? Dabei ist Miranda schon aufgefallen, dass der Inhalt der Lebensmitteltüten mit jeder Woche spärlicher wird. 

Realistisch wirkt auch, dass es nicht besonders viel zutun gibt. Sie sind damit beschäftigt, das Haus auf Vordermann zu halten, den seltenen Strom optimal zu nutzen und vor sich hin zu hungern. 

Doch dann klopft es eines Tages und Mirandas Dad steht vor der Tür! Darf sie jetzt wieder Hoffnung haben? Aber ihre Freude wird von all den hungrigen Mäulern getrübt, die ihr Vater im Schlepptau hat. 

Die weitere Entwicklung ist trostlos und wird dem Genre mehr als gerecht. Der Schwerpunkt wird auf den Alltag in der Endzeit gelegt und gemeinsam mit Miranda versucht man einen Tag nach dem anderen zu überstehen. Miranda begreift, dass das Leben nun anders als früher ist und nie wieder so wie damals werden wird. 

Die Erzählweise in Tagebuchform, die Handlung und der realistische Rahmen haben mich wieder überzeugt. Die Besonderheit an Susan Beth Pfeffers Endzeit-Szenario ist die schonungslose Realität, die in Mirandas Aufzeichnungen anschaulich dargestellt wird. Ich kann mir gut vorstellen, dass das Ende tatsächlich so passieren könnte, wie Miranda es in ihrem Tagebuch erzählt.

Wer nüchterne Endzeit-Geschichten mag, wird diesen und den ersten Teil von Susan Beth Pfeffers „Die letzten Überlebenden“-Trilogie sicherlich gerne lesen.

 

 

Die letzten Überlebenden:
1) Die Welt, wie wir sie kannten
2) Die Verlorenen von New York
3) Das Leben, das uns bleibt

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at