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Riley spannendster Roman

Der verbotene Liebesbrief: Roman - Lucinda Riley, Ursula Wulfekamp

Joanna ist Journalistin und soll über die Trauerfeier von Sir James Harrison berichten. Er war einer der gefeiertsten Schauspieler des Landes und hat weit über die Grenzen hinaus sein Publikum begeistert. Bei dieser Gelegenheit fällt Joanna ein mysteriöser Liebesbrief in die Hände, von dem sogar die Zukunft der Monarchie abhängt!

Mit „Der verbotene Liebesbrief“ hält man Lucinda Rileys spannendsten Roman in der Hand. Doch anders als in ihren Romanen üblich, stehen nicht die Emotionen im Vordergrund. Die Autorin hat einen fesselnden Roman mit Thrillerzügen geschaffen, der exzellent unterhalten kann.

Joanna steht als Protagonistin großteils im Vordergrund. Sie geht auf die 30 zu, hat mit einer gescheiterten Beziehung zutun und versucht im Job ordentlich Fuß zu fassen. Da fällt ihr der geheimnisvolle Brief in die Hände, mit dem ihre Misere erst den Anfang nimmt.

Simon ist Joannas bester Freund und als langweiliger Beamter im Dienst der Krone unterwegs. In Liebesdingen hat auch er ein unglückliches Händchen bewiesen, und es stellt sich für ihn die Frage, ob sein Job vor einer Freundschaft steht. 

Zoe ist die Enkeltochter des gefeierter Sir James Harrison. Sie ist selbst auf dem Weg, eine glänzende Schauspielkarriere hinzulegen. Wäre da nicht ihr unehelicher Sohn, dessen Vater sie vor allen verschwiegen hat. 

Marcus hat sich mit diversen Filmprojekten durch’s Leben geschlagen und ist dem finanziellen Abgrund nah. Zumindest tut sich durch den Tod seines Großvaters Sir James Harrison ein Hoffnungsschimmer auf, doch der erwartete Geldsegen bleibt leider aus. 

So stehen die wichtigsten Personen des Romans allesamt vor einer Herausforderung im Leben, die es nebenher zu bewältigen gilt. Es wird abwechselnd aus ihren - und anderen - Perspektiven erzählt, wodurch man einen guten Überblick über die Ereignisse erhält.

Dreh- und Angelpunkt sämtlicher Stränge ist James Harrison, der in enger Verbindung zu dem gefährlichen Liebesbrief steht, und den weiteren Weg sämtlicher Figuren prägt.

Die Handlung ist in den 90er-Jahren angesiedelt, was der eigentlichen Entstehungszeit des Romans entspricht. Hier fand ich es spannend, dass dadurch die kleinen, feinen Unterschiede bzw. der Fortschritt im Vergleich zur Gegenwart ersichtlich sind. 

Wer die Bücher von Lucinda Riley bereits kennen - und eventuell auch lieben - gelernt hat, muss sich hier auf eine andere Art Roman einlassen. Es gibt weder unterschiedliche Zeitebenen noch geht es grundsätzlich um eine gemeinsame, Generationen übergreifende Familiengeschichte. Zwar steht auch hier eine Familie im Vordergrund, allerdings nicht in gewohnt emotionalisierter Riley-Manier.

Dennoch konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen, weil ich von der Handlung richtig gefesselt war. Es ist eher ein Thriller im 007-Stil, der mit Geheimnissen und Intrigen spielt, dabei aber auch humorvolle Seiten zeigt, und in erster Linie sehr, sehr spannend ist.

Wer Rileys Bücher aufgrund der bewegenden Geschichten liebt, wird eventuell enttäuscht oder sogar positiv überrascht werden. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen und mir hat die Handlung mit all ihren Windungen großes Lesevergnügen bereitet.

Meiner Meinung nach ist „Der verbotene Liebesbrief“ Lucinda Rileys spannendster Roman, der durch die gefinkelte Handlung, den mitreißenden Schreibstil und die interessanten Wendungen ein ausgezeichnetes Lesevergnügen ist.

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Kriminalistischer Spannungs-SOG

SOG: Thriller (Kommissar Huldar und Psychologin Freyja, Band 2) - Yrsa Sigurdardóttir, Tina Flecken

Nach zehn Jahren wird an einer Schule in Reykjavik eine Zeitkapsel ausgegraben. Zwischen den futuristischen Beschreibungen der Schüler - wie sie sich das Jahr 2016 ausmalen - befindet sich eine Botschaft, wer genau in diesem Jahr ermordet werden wird. Gleichzeitig werden abgetrennte Hände gefunden, wozu allerdings keine Leiche passen will. Die Polizei ermittelt und Kommissar Huldar wird mit dem Fall der Zeitkapsel betraut.

„SOG“ ist der zweite Teil der Krimireihe um Kommissar Huldar und Kinderpsychologin Freyja. Es sind zwar einige Hinweise auf den ersten Band „DNA“ enthalten, aber meiner Meinung nach können die Bände unabhängig voneinander gelesen werden.

Vor zwölf Jahren wurde in Reykjavik ein kleines Mädchen vergewaltigt und ermordet. Und vor zehn Jahren wurde eine Zeitkapsel vergraben, die eine Mordliste für das Jahr 2016 enthält. Nun geht Kommissar Huldar der Ernsthaftigkeit der Liste auf den Grund. Handelt es sich um einen dummen Jungenstreich? War eines der Kinder schon damals depressiv? Oder ist an dieser Liste etwas Wahres dran?

Natürlich wäre es zu einfach, wenn diese Liste in krakeliger Kinderschrift wirklich die Namen potentieller Opfer enthält. Es werden nur Initialen angeführt, deren Sinn es zu ergründen gilt. Außerdem wird Huldar mit diesem Fall betraut, weil er auf der Karriereleiter mehrere Schritte nach unten gestürzt ist, und es für ihn nichts besseres zutun gibt.

Die Protagonisten zeichnet meiner Meinung nach ihre Normalität aus. Kommissar Huldar und Kinderpsychologin Freyja sind realitätsnahe Figuren, die mit ihren etwas verkorksten Leben beschäftigt sind. Alleinstehend und beruflich eingespannt, hat jeder für sich ein Päckchen zu tragen, das meiner Ansicht nach im reellen Rahmen liegt. Beide sind beruflich in einer Sackgasse angelangt, weil sie es einmal zu gut gemeint haben, und ihr Privatleben haben sie ebenso wenig im Griff. 

Dabei spielen bei Huldar Alkohol und Zigaretten eine Rolle, während sich Freyja mit dem Hund und den Problemen ihres Bruders umgibt. Mir gefällt daran, dass ihre privaten Seiten nicht besonders aufregend sind und ihr Verhalten auf mich natürlich wirkt. 

Das Setting Island macht für mich die Faszination dieses Krimis aus. Island ist ein besonderes Land, das mit interessanten Eigenheiten dienen kann. Beispielsweise ist es die Namensgebung, die etwas anders als in unserem Sprachgebrauch funktioniert. Oder auch, dass die Insel so klein ist, dass jeder eigentlich jeden kennt. Ich mag den Flair und das Ambiente an Sigurdardóttirs Island-Stil und bin immer wieder auf’s Neue davon fasziniert. 

Einerseits ist der Krimi sehr, sehr spannend, andrerseits darf man sich keinen Thriller erwarten. Hier ist es wohl schwierig, mit einer ‚korrekten‘ Genrebezeichnung zu dienen, weil es für mich weder Thriller noch Krimi sondern etwas dazwischen ist.

Die Handlung ist von Polizeiarbeit geprägt. Huldar und Freyja ermitteln und überlegen sich ihre Theorien zum genannten Fall. Es gibt Verhöre, es gibt Theorien und polizeiliche Techniken werden beschrieben. Auf der anderen Seite ist der Krimi von einer bemerkenswerten Brutalität durchzogen, deren Beschreibung genau dann abreisst, wenn es eventuell zu viel werden könnte. 

Besonders spannend finde ich an diesem Buch, dass es wirklich bis zum Ende dauert, bis man die Handlung bzw. den Fall durchschaut hat. Obwohl sich Siguardardóttir zahlreicher Perspektiven bedient und man durch verschiedenste Augen auf die Ereignisse blickt, wird man auf falschen Fährten gelenkt und begreift die Zusammenhänge bis zum Schluss nicht.

Meiner Meinung nach ist „SOG“ ein spannender Kriminalroman in Sigurdardóttirs unschlagbaren Island-Stil. Wer normale Ermittler mag, dichte Atmosphäre genießen kann und sich auf Islands Besonderheiten einlassen will, dem muss ich zu diesem Buch raten, weil es mich restlos begeistert hat!

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Schillernde Dunkelheit

Scherben der Dunkelheit - Gesa Schwartz

Die sechszehnjährige Anouk ist in den Ferien bei ihrer Tante am Land untergebracht. Die ruhige Gegend ist genau das, was das introvertierte Mädchen braucht. Bis ein mysteriöser Zirkus im Dorf gastiert und sie mit seiner Farbenpracht in die Dunkelheit zieht.

Gesa Schwartz hat mit „Scherben der Dunkelheit“ einen jugendlichen Fantasyroman geschaffen, der sich mit den Themen Trauer, Zugehörigkeit sowie Einsamkeit auseinandersetzt und dabei sehr düstere Töne trifft.

Anouk und ihre Familie mussten einen Schicksalsschlag hinnehmen, den sie nicht verkraftet haben. Während sich Anouks Eltern in unbändigen Tatendrang stürzen, zieht sich das Mädchen lieber in sich zurück. Da kommen ihr die Ferien bei ihrer Tante am Land gerade recht. Doch sie ahnt nicht, dass sie der Dark Circus in seinen Bann ziehen und damit für sie zur Gefahr werden wird.

Dieser Dark Circus ist ein magischer Ort, der durch schillernde Farben besticht. Hier hat Gesa Schwartz ein wahres Meisterwerk hingelegt, weil sie die Vorführungen im Zirkus lebendig, schimmernd und farbenfroh beschreibt. Ich hatte das Gefühl, als ob ich selbst in der Manege bin und habe mit offenen Mund die Darbietungen bestaunt. Ich sehe noch immer die beeindruckenden Kunststücke und prächtigen Artisten vor mir. Die Funken fliegen, sie erhellen die Dunkelheit und das Publikum tobt vor Begeisterung. 

Allerdings hat mich die Autorin mit dem Konzept des Dark Circus nicht überzeugt. Sie spielt mit Sein und Schein, lässt einen Ort voll düsterer Magie auferstehen, der sich mit seinem dunklen Sog über Anouk legt. Mir ist bis zuletzt nicht klar, wie die Mechanismen dieses Zirkus funktionieren und worin seine Macht sowie Existenzquelle liegt. Denn dieser Dark Circus ist für mich ein abstraktes Gebilde geblieben, den ich nicht greifen kann.

Protagonistin Anouk ist gut gelungen, auch wenn sie mir zu sehr der üblichen Heldin entspricht. Sie passt sich perfekt in die Schablone der Sechzehnjährigen ein, die ständig mit sich selbst beschäftigt ist. Sie reflektiert über sich, ihre Familie und ihre ausweglose Situation, wodurch sich so manches Kapitel im Kreis zu drehen scheint. 

Die Handlung an sich hat sich für mich etwas gezogen, weil ich zu sehr mit dem Dark Circus und Anouk viel zu viel mit sich selbst beschäftigt war. Dennoch hat Gesa Schwartz durch furchteinflößende Horror-Elemente geglänzt, die ich bei dieser Zielgruppe nicht vermutet hätte. Nur das mit dem bösen Clown war mir schon aus einem bestimmten Horror-Roman bekannt … 

Natürlich darf es auch an einer sanften Liebesgeschichte in einem Jugendbuch nicht fehlen. Diese hat die Autorin wunderbar - wenn auch sehr typisch - umgesetzt. Anouk fühlt sich nicht nur zum Zirkus sondern auch zum dunklen Magier Rhasgar hingezogen, der sie mit sich in seine Welt gezogen hat. 

Zum Schluss hin konnte mich die Autorin richtig überraschen und ich wäre schon fast aus den Schuhen gekippt. Das Finale hat nach langem hin und her in sich gehabt und hält eine spannende Wendung bereit.

Ich glaube, dass Gesa Schwartz mit „Scherben der Dunkelheit“ den Geschmack von Fantasy-Lesern trifft, die düstere Romane mögen, sich auf abstrakte Vorstellungen einlassen können und mit Anouk den Dark Circus bekämpfen möchten.

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Amüsante Lektüre mit Sinn

Rote Kirschen, schwarze Kirschen - Sophie Duffy, Angelika Naujokat

Philippas Mutter ist verschwunden als sie ein kleines Mädchen war, dann musste sie sich auch noch von ihrem besten Freund Luca verabschieden. Zu guter Letzt wurde sie ihr Leben lang immer allein gelassen. Nur der Süßwarenbesitzer Bob hat sich der damals kleinen Philippa erbarmt und ihr ein Zuhause gegeben.
Sophie Duffy hat mit „Rote Kirschen, schwarze Kirschen“ eine Mischung aus Coming-of-Age- und bewegenden Familienroman geschrieben, der man als Leser einfach nicht entgehen kann. Es geht um Familie, Liebe und Geborgenheit, aber auch um das Leben, seine Ungerechtigkeit und wie man sich darin behaupten kann. 

Der Roman wird auf unterschiedlichen Zeitebenen erzählt. In erster Linie geht es um Philippas Kindheit und wie es sie zu ihren Ersatzvater Bob in den Süßwarenladen verschlagen hat. Hier durchquert man mit der Protagonistin die 1960er Jahre, hält kurz in den 70ern und 80ern an, um dann in die Gegenwart, in den 1990ern, anzukommen.

Diese Gegenwartsepisoden werden immer wieder eingestreut. Die 40jährige Philippa ist nun selbst Mutter geworden und erzählt ihrer kleinen Tochter, wie ihr Leben begonnen hat.

Sie berichtet, wie sie von London in das Küstenstädchen Torquay gekommen ist, warum ein Schnurrhaar von Kater Andy 30 Jahre später noch eine Rolle spielt, wie weh es tut, wenn man Menschen gehen lassen muss, und was bleibt, wenn gar niemand mehr geblieben ist. 

Obwohl die Geschichte an sich traurig klingt, ist dem überhaupt nicht so. Immer wieder regt Philippa als Erzählerin zum Schmunzeln an, strahlt Lebensfreude und Geborgenheit aus und lässt einem mit einem wohligem Gefühl zurück. 

Denn die Haupterzählung ist von charmanter Leichtigkeit und einem schneidigen Ton geprägt. Ich habe Philippa von der ersten Seite an gemocht, weil sie mit ihrer nonchalanten Art für Erheiterung sorgt:

„Wink sagt, sie leben in Sünde. Ich habe keine Ahnung wo das ist, vermutlich irgendwo in Paignton, aber es klingt so missbilligend, wenn sie es sagt.“ (S. 117)



Außerdem erlebt man gemeinsam mit der Protagonistin die zeitgeschichtlichen Stationen des britischen Königreichs. Das 25jährige Kronjubiläum der Königin - die damals schon manch einer eine ‚alte Schachtel‘ nennt, eine Märchenhochzeit von Prinz Charles und seiner Lady Di, sowie den herzzerreißenden Schock, als genau diese umjubelte Prinzessin zu Grabe getragen wird. 

Mich hat Philippa zum Schmunzeln, Lachen und Weinen gebracht. Ich habe gern mit ihr die Geheimnisse des Lebens, ihrer Mutter und ihrer Familie entdeckt. Denn ihre Mutter, die sich eines Tages nach Kanada absetzt, und ihr bester Freund Luca, den sie sogar kurz davor verloren hat, stehen meiner Meinung nach stellvertretend für all die Verluste, die ein Mensch in seinem Leben ertragen muss. 

Obwohl in diesem Roman kaum Spannung oder Aufregung herrscht, hat mich Philippas Geschichte durch und durch bewegt. Denn durch Philippas Erzählung merkt man rasch, wie schnell die Zeit vergeht, dass man sich immer wieder darauf besinnen soll, was einem selbst wichtig ist, und dass Familie vor allem durch Zugehörigkeit und nicht durch das gleiche Blut entsteht. 

Mit „Rote Kirschen, schwarze Kirschen“ habe ich eine Perle der Coming-of-Age-Erzählungen entdeckt, die mich bewegt und begeistert hat. Alles in allem ist es ein herzergreifender Roman, der amüsant zu lesen ist und gleichzeitig Tiefsinn besitzt. Leseempfehlung!

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Finstre Psychiatrie

Finsterhoven - Jeidra Rainey

Im Wald von Finsterhoven liegt das Gemäuer der alten Kinder- und Jugendpsychiatrie verlassen dar. Schreckliches ist dort geschehen, wodurch alle Hals über Kopf aus der Klinik geflohen sind. Doch die alten Mauern haben nicht vergessen …

Mit „Finsterhoven“ zeigt Jeidra Rainey auf Ungerechtigkeit in der Gesellschaft auf. Sie veranschaulicht, wie schwierig es ist, seinen Platz im Leben zu finden, wie man sich Rollenbildern beugen muss und wie hoffnungslos manche Situation ist. Gleichzeitig erzeugt sie in diesem Thriller einen drückenden Spannungssog, dem man sich nicht entziehen kann.

Finsterhoven ist ein düsterer Ort in Deutschland, der seinen Namen dem grauen Wetter verdankt und alle Ehre macht. Im angrenzenden Wald liegt eine Kinder- und Jugendpsychiatrie, die das triste Bild der Gegend vortrefflich ergänzt. Denn in „Finsterhoven“ ist Schreckliches passiert, was Monate später noch immer Konsequenzen hat.

Der Einstieg in die Geschichte ist mir sehr leicht gefallen, weil man sich mit den Figuren  in das verlassene Gemäuer der Klinik begibt. Schon hier habe ich vor Spannung den Atem angehalten, weil meiner Meinung nach Psychiatrien von sich aus schon sehr gruselig sind. Man erkundet Etage für Etage, Abteilung für Abteilung, bis man sich in der „Geschlossenen“ befindet.

Die Erzählung ist mit zwei Zeitebenen angelegt. Im Herbst 2016 erkunden Miranda und ihr Freund Seth die Klinik, die nur wenige Monate davor von Personal und Insassen verlassen wurde. Es geht Schlag auf Schlag und man erlebt die Dunkelheit des Gemäuers aus Mirandas Perspektive. 

Wenige Monate davor - im April - ist der zweite Erzählstrang angesiedelt. Hier stehen die Figuren Parker und Cara im Vordergrund, die Teil der schrecklichen Geschehnisse in Finsterhoven sind.

Diese drei Figuren weisen Ähnlichkeiten auf. Miranda und Parker sind beides Psychologiestudentinnen, die an der hiesigen Universität ihr Studium betreiben. Dadurch ergibt sich die Nähe zur Psychiatrie, die ihnen noch das Fürchten lehren wird. 
Cara ist als Patientin in Finsterhoven untergebracht und durch sie erlebt man die Ausweglosigkeit, die mit dieser Unterbringung einhergeht. 

Insgesamt handelt es sich bei den drei Mädchen um unsichere Typen, die sich in der Welt erst behaupten müssen. Im Schul- und Universitätsleben sind sie starkem Mobbing ausgesetzt und schaffen es nicht, über den Angriffen ihrer Kollegen zu stehen.

Wirklich exzellent fängt die Autorin das Psychiatrie-Ambiente ein, das einen vor triefender Ungerechtigkeit fast Aufschreien lässt. Jeidra Rainey erzeugt einen unglaublichen Sog und wühlt sämtliche Gefühle auf. Manchmal habe ich es kaum ausgehalten und hätte mich am liebsten bei diversen Ungerechtigkeiten eingemischt. Man möchte schreien, um sich schlagen und so manchen Personen den Kopf gerade rücken. 

Das Thema der Ungerechtigkeit zieht sich durch das ganze Werk, wobei es mir eine Spur zu übertrieben dargestellt wurde. Es hat mir etwas an Grauschattierungen gefehlt, weil ich denke, dass alle Menschen Gutes und Böses in sich haben. Allerdings handelt es sich hier um Kritik auf hohem Niveau, weil sich zum Ende hin die gute mit der bösen Seite vermengt und der Showdown durch gelungene Überraschungen glänzt.

Meiner Meinung nach ist „Finsterhoven“ ein schauriges, spannendes und gesellschaftskritisches Werk, das mit jedem Kapitel richtige Gefühlswallungen beschert. Meine Empfehlung geht an junge aber auch ältere Leser, die Thriller mögen und sich im Psychiatrie-Gebäude gruseln wollen.

 

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Perverse Killer-Spielchen

Todesfrist - Andreas Gruber (Autor), Doris Wolters (Sprecherin)

„Wenn Sie innerhalb von 48 Stunden herausfinden, warum ich diese Frau entführt habe, bleibt sie am Leben. Falls nicht – stirbt sie.“ Mit diesem Ultimatum hält ein Serienkiller die Polizei in Deutschland und Österreich auf Trab. Als ob die Morde nicht schlimm genug wären, laden noch dazu die Methoden zu furchtbaren Träumen ein.

„Todesfrist“ ist der erste Band der mehrteiligen Thrillerreihe um Maarten S. Sneijder und Sabine Nemez, die bei diesem Fall einem grausamen Mörder auf der Spur sind. Eine Frau wird lebendig einbetoniert, eine andere mit Tinte ertränkt. Was die Opfer gemeinsam haben und wer hinter all den schrecklichen Taten steckt, gilt es aufzuklären. 

Am Anfang steht ein Mord in München, der Polizistin Sabine Nemez privat betrifft. Der Kriminalpsychologe Maarten S. Sneijder wird hinzugezogen, der nach einigem hin und her mit ihr ermitteln will.  

Maarten S. Sneijder ist ein sehr seltsamer Kauz, der nicht unbedingt sympathisch ist. Er strotzt vor Zynismus, schlechten Angewohnheiten und absoluter Unhöflichkeit. Es gab für mich noch nie einen forensischen Kriminalpsychologen dieser Art, der mich gleichzeitig faszinierend, interessiert und abgestoßen hat. Diese Figur gibt dem Thriller einen besonderen Touch, der mich sofort gefesselt hat.

Sabine Nemez ist Mitte Zwanzig und mit Leib und Seele bei der Polizei. Sie hat sich schon mehrmals beim BKA als Profilerin beworben, jedoch wurde ihr Gesuch stets abgelehnt. Nun ergibt es sich, dass sie aus ihrer Tragödie einen Vorteil zieht, weil sie damit unverhofft und eher inoffiziell Sneijder zur Seite steht.

Die Krimi- bzw. Thrillerhandlung ist exzellent durchdacht. Kleinste Hinweise und Elemente greifen ineinander, was zuerst keinen Sinn ergibt, wird zu einem mörderischen Gesamtbild zusammengefügt. Auch die Hintergründe der Morde finde ich logisch durchdacht und dabei sehr kreativ umgesetzt.

Die Kreativität hat hier einen besonderen Stellenwert, weil sich Autor Andreas Gruber bei den Mordmethoden ausgetobt hat. Wer hätte gedacht, auf welche Weise Romanfiguren getötet werden können, was höchst bizarr und fesselnd zu hören ist.

Die Erzählweise ist aus unterschiedlichen Perspektiven - auf Figuren- und Zeitebene - aufgebaut. Manche Abschnitte behandeln die Gegenwart, dann springt man einige Monate zurück, begleitet ein Opfer oder eben das Ermittlungsteam. Gerade bei Hörbüchern besteht hier oft die Gefahr, dass man die Übersicht verliert, was dennoch nicht eingetreten ist. 

Eigentlich mag ich es nicht, wenn Ermittler privat von ihren Fällen betroffen sind. Dieser persönliche Bezug von Sabine Nemez hat mich hier aber nicht gestört, weil er eher dezent umgesetzt ist. 

Dafür war mir der Showdown zu sehr in die Länge gezogen. Andreas Gruber hat mit falschen Fährten, überraschenden Wendungen und brenzligen Situationen gearbeitet, die mir eine Spur zu viel des Guten waren.

Insgesamt habe ich „Todesfrist“ sehr, sehr gerne gehört und habe das Zusammenfinden von Maarten S. Sneijder und Sabine Nemez interessiert verfolgt. Andreas Gruber glänzt durch mörderische Kreativität, exzellenten Spannungsaufbau und einem logischen Handlungsverlauf, was Lust auf weitere Fälle seiner Todes-Reihe macht.

 

 

Die Reihe:
1) Todesfrist
2) Todesurteil
3) Todesmärchen
4) Todesreigen
Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Eine bewegende Geschichte über Musik und Bruderliebe

Drei Worte auf einmal - Maria Knissel

Chris ist ein normaler Junge. Er mag Fußball, seine Noten sind ok und endlich darf er wie sein Vater das Saxophon spielen. Immer schaut er zum großen Bruder Klaus auf, der lässig in seinem verrauchten Zimmer sitzt und die Beatles liebt. Doch dann klopft es eines Nachts an der Tür und damit ändert sich das ganze Leben. Klaus hatte einen Motorradunfall und wird nie mehr derselbe sein.

Maria Knissel hat einen ergreifenden Roman geschrieben. Es geht um Behinderung, um Perspektiven und um die menschliche Würde. Gleichzeitig spielt Musik eine wichtige Rolle, die dem tristen Alltag eine schöne Note gibt.

Chris ist ein kleiner Junge als der ältere Bruder Klaus mit dem Motorrad verunglückt. Er weiß noch wie Klaus ganz leger in seinem Zimmer saß, eine Zigarette im Mundwinkel und voller Optimismus in die Zukunft sah. An mehr erinnert er sich von damals nicht. Klaus hat es schlimm erwischt und er hat es grad noch so geschafft. Geistig und körperlich behindert, wird nun das familiäre Leben von seinen Bedürfnissen bestimmt und die Familie ergibt sich der Hilflosigkeit.

Die Geschichte von Chris und Klaus spielt in den 70er-Jahren und beruht auf einer wahren Begebenheit. Zwar sind etliche Elemente erfunden, dennoch gab es Klaus wirklich, der hier stellvertretend für verunfallte Koma-Patienten steht. Dabei erstreckt sich die Erzählung über mehrere Jahrzehnte und man sieht, dass sich bei der Behandlung und Therapie solcher Patienten etliches getan hat.

Zuerst erlebt man die erschreckende Situation, wie aus dem vitalen, großen Bruder mit den langen Haaren ein hilfloses, kahlrasiertes Bündel geworden ist. Der Mund steht offen, Sabber rinnt ihm aus dem Mundwinkel und Chris kann nicht begreifen, was da geschehen ist. 

Mich hat gewundert, dass die Eltern nicht mit ihm über Klaus gesprochen haben. Niemand hat ihm erklärt, was ihm zugestoßen und wie nun mit dem großen Bruder umzugehen ist. Sie haben Chris einfach ausgeklammert und sich nur mehr auf Klaus konzentriert. Chris ist keinesfalls böse auf Klaus, sondern ich hatte das Gefühl, dass er der Einzige ist, der ihn genauso liebt wie er ist. Als Musiker weiß er wie wichtig es ist, zuzuhören und dringt dadurch zu seinem großen Bruder vor.

So spielt die Musik durchgehend eine große Rolle. Chris ist begeisterter Saxofonist und gibt sich im späteren Berufsleben der Musik hin. Dabei ist es immer Klaus, an den er denkt, weil ihm der große Bruder sehr wichtig ist.

Die Musik an sich sind die wenigen fröhlichen Momente, denn der gesamte Roman ist von einer schwermütigen Atmosphäre durchtränkt: die Mühe der Eltern, das harte Leben, das dadurch entsteht, und die Hilflosigkeit gegenüber der Behinderung, mit der sie umgehen müssen. 

Maria Knissel geht vor allem auf den Umgang mit behinderten Menschen ein. Sie zeigt, dass sie für die Gesellschaft häufig gar nicht mehr ‚menschlich‘ sind. Sie werden selten persönlich angesprochen oder ihnen wird kaum echte Hilfestellung gewährt. Es gilt, das ‚Problem‘ so rasch wie möglich aus den Augen zu schaffen, weil sich niemand damit auseinandersetzen will.

Chris begehrt sein Leben lang gegen diese Einstellung auf und schafft es, dass sich Klaus zumindest in seiner Gegenwart als Mensch fühlen kann.

„Drei Worte auf einmal“ ist daher eine bewegende Geschichte über Musik, Behinderung und Bruderliebe, die ich interessierten Lesern ans Herz legen kann.

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Jeffrey Dahmer

Dahmer ist nicht tot: Thriller - Elizabeth Steffen, Edward Lee

1991 wurde durch einen Zufall der Serienmörder Jeffrey Dahmer gefasst. Drei Jahre später hat ihn ein Mithäftling erschlagen. Doch was, wenn er gar nicht gestorben ist?

Dieser Serienkiller-Thriller geht die Thematik mal etwas anders an, weil er Realität und Fiktion vermischt. Ausgangspunkt ist der reale Serienmörder Jeffrey Dahmer, der bis in die 90er-Jahre Menschen ermordet, in Säure aufgelöst, Leichenteile behalten und sogar gegessen hat. 

Die Geschichte beginnt mit seiner Verhaftung, die meiner Meinung nach sehr realistisch beschrieben ist. In Sachbüchern wird sie ähnlich geschildert. Für mich war es in diesem Roman als ob ich wirklich dabei gewesen bin: der muffig-ekelerregende Gestank in der Wohnung, der verwirrte Dahmer, die Cops, die vor lauter Nervosität nicht wissen, wie sie mit der unerwarteten Situation umgehen sollen, und zu guter Letzt, der Blick in den Kühlschrank, der wohl viele Anwesende zum Würgen bringt.

Danach geht die Handlung in einen großteils erfundenen Thriller über, der durch Protagonistin Helen eine erstaunlich erfrischende Note erhält. 

1994 hat ein anderer Häftling Jeffrey Dahmer zu Tode geprügelt. Doch was, wenn dieser Vorfall nur inszeniert wurde?

Damit tritt Captain Helen Closs auf den Plan, die sich mit den Ermittlungen im Dahmer-Fall auseinandersetzen muss. Denn kurz nach Dahmers Tod fangen grausame Morde an, die laut Tathergang und Indizien nur auf einen Täter schließen lassen: Jeffrey Dahmer.

Zuerst einmal hat mir die Thematik um den Serienkiller Dahmer sehr gut gefallen. Früher habe ich beinah morbides Interesse an Serienmördern gehabt, und wenn man ein bisschen etwas über diese Herrschaften weiß, ist dieser Thriller schon fast Pflichtlektüre. 

Ich finde die realen Hintergründe mit der fiktionalen Handlung sehr gut umgesetzt. Meiner Meinung nach wird der Fall Dahmer authentisch geschildert, wobei er im weiteren Verlauf einen guten Thrillertouch erhält.

Der Umsetzung merkt man die Professionalität des Autorengespanns an. Edward Lee ist ein Meister seiner Zunft, der mit blutig-grauslichen Horror-Thrillern gut unterhalten kann. Elizabeth Steffen hat sich mit Täterprofilen und -analysen auseinandergesetzt, wodurch der reale Charakter erhalten bleibt. 

Außerdem hat mir die weibliche Ermittlerin Helen besonders gut gefallen, weil sie auf interessante Art aus dem Rahmen fällt. Wie alle Thriller- und Krimi-Cops hat sie ihr Päckchen aus Beziehungsunfähigkeit, Widerspenstigkeit und Autoritätsproblemen zu tragen. Jedoch mit dem feinen Unterschied, dass sie eine Frau um die 40 ist. Dadurch treten ganz andere Probleme auf, weil sie zum Beispiel Panik vor den anstehenden Wechseljahren hat. 

Die Handlung ist gut durchdacht und lädt zum Rätseln ein. Obwohl ich zu Beginn ganz bei Helen war und von einem Nachahmungstäter ausgegangen bin, kam ich mit der Zeit schon ins Schwanken, und habe mich gefragt, ob es nicht doch Dahmer ist.

Gestört haben mich kleinere Unstimmigkeiten, die Helen mit ihren Vorgesetzten hat, weil diese für mich nicht nachvollziehbar sind. Ansonsten habe ich ihre Bredouille - egal ob beruflich oder privat - interessant und spannend gefunden, und mich bis zum Schluss gefragt, was denn nun die Wahrheit ist.

Brutalität und Obszönität sind meiner Ansicht nach im Rahmen geblieben. Natürlich gibt es etliche Szenen, die einen den Magen umdrehen. Jedoch grenzen sie sich vom herkömmlichen Splatter ab, weil sie eher thrillermäßig geblieben sind.

Für mich ist „Dahmer ist nicht tot“ ein interessanter Thriller, der auf Jeffrey Dahmers grausamen Taten beruht, einfallsreich eingefädelt und fesselnd zu lesen ist. 

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

Ein Buch, das in der Seele trifft

Alles Licht, das wir nicht sehen: Roman - Anthony Doerr, Werner Löcher-Lawrence

In Frankreich sieht die blinde Marie-Laure dem 2. Weltkrieg entgegen. Gerüchte, Gerüche und Angst begleiten sie durch das besetzte Land. In Deutschland bereitet sich der Waisenjunge Werner auf eine Eliteausbildung vor. Nur die besten Jungen sind auserwählt, für Führer und Vaterland Spezialaufträge zu erfüllen, die ihn an die Grenze seiner Menschlichkeit bringen werden.

Mit „Alles Licht, das wir nicht sehen“ hat Anthony Doerr ein erzählerisches Meisterwerk geschaffen, das einem gebannt in die Zeiten des 2. Weltkriegs versetzt. Anhand der Jugendlichen Marie-Laure und Werner gibt er den Menschen ein Gesicht, treibt sie aufeinander zu und lässt sie wieder ziehen. Und man sieht, dass sie ihrem Schicksal gnadenlos ausgeliefert sind.

Marie-Laure ist blind und hat sich zu arrangieren gelernt. Ihr Vater hat sich stets gut gekümmert, das wissbegierige Mädchen mit allerhand Finessen versorgt und will natürlich gerade in Kriegszeiten das Beste für sie. 

Werner hat es schwer im Leben. Als hochtalentiertes Waisenkind ist er eine Ausnahmeerscheinung, die es weg von den Kohlengruben hin zur Eliteschule schafft. Großes steht ihm bevor - sagen sie. Doch Werner ist sich nicht sicher, ob er diese große Taten wirklich vollbringen will. 

Die Schicksale dieser Jugendlichen sind von der ersten Seite an miteinander verwoben, obwohl sie sich kaum berühren. Abschnittsweise wird von Marie-Laure und Werner erzählt, wie sie ihre Kindheit verbrachten und mit welchen Gefühlen sie dem Krieg gegenüberstehen. 

Dabei hat Doerr einen meisterhaften Erzählstil gefunden, in dem er wie in einem Labyrinth durch die Windungen der beiden Schicksale führt.

Die Geschichte von Marie-Laure und Werner geht unter die Haut. Ich bewundere Autoren, die es schaffen, nicht nur Geschichten sondern Geschichte zu erzählen. Sie geben uns ein Gefühl für die Gegenwart, schärfen den Blick und weisen daraufhin, dass das Leben nicht selbstverständlich ist.

Der 2. Weltkrieg wird in seiner unnachahmlichen Brutalität beschrieben: Luftangriffe, Hungersnöte, Krankheiten und verschwundene Elternteile. Gleichzeitig stempelt der Autor nicht ab, sondern zeigt, warum die Menschen zu ihren Überzeugungen gelangen. Er veranschaulicht, wer sie waren, was sie sind und wie sie sein werden - ohne sich dabei in Schwarzmalerei zu verlieren.

Außerdem gibt er den Besonderheiten dieser Zeit entsprechenden Raum. Abseits vom Kriegsgeschehen stachelt das Radio nicht nur den Fanatismus sondern auch die Wissbegier an. Es überträgt Botschaften, lässt Musik erklingen und rettet oder beendet sogar Menschenleben.

„Alles Licht, das wir nicht sehen“ lässt mich den Hut vor Anthony Doerr ziehen und ihm tief empfundene Anerkennung aussprechen. Dieses Werk berührt, bannt und fesselt. Es ist ein Buch, das mich mitten in der Seele trifft.

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at

In den Straßen Sienas

Aquila - Jochen Scheffter, Tom Appl, Ursula Poznanski, Laura Maire

Studentin Nika hat keine Erinnerung an die letzten beiden Tage. Sie wacht in ihrem Zimmer auf und hat kein Handy, keinen Schlüssel und sogar ihr Pass ist weg. Auch von ihrer Mitbewohnerin Jennifer fehlt jede Spur. Aber sie findet einen Zettel mit merkwürdigen Botschaften, die sie durch Sienas Straßen führen.

Ursula Poznanski ist Garant für fesselnde Jugendthriller. Auch mit „Aquila“ ist ihr ein spannender Psychothriller gelungen, der gut zu unterhalten weiß. 

Nika hat es in ihrem Austausch-Semester an die Universität von Siena verschlagen. Siena ist eine italienische Stadt mit altehrwürdigem Hintergrund, die nicht nur Touristen sondern auch ihre Bewohner verzaubern kann. 

Hier erwacht Nika eines Morgens völlig orientierungslos. Konnte sie wirklich so viel getrunken haben? Sie hat absolut keine Ahnung, was sich die letzten Tage zugetragen hat, und spürt, dass etwas nicht stimmen kann. Dabei ist sie völlig auf sich allein gestellt: kein Handy, kein Computer, kein Pass und nicht einmal ihre Wohnungsschlüssel hat sie bei der Hand. Außerdem weiß sie nicht, wo ihre Mitbewohnerin Jennifer geblieben ist. Dann fällt Nika ein Zettel mit merkwürdigen Hinweisen in die Hand, die sie durch die Straßen Sienas treiben werden.

Grad bei Psychothrillern, die mit Gedächtnisverlust spielen, lassen sich etliche Vertreter finden, die von unglaubwürdig bis hin zu genial umgesetzt alles sein können. „Aquila“ liegt von der Handlung her mittendrin, weil vieles doch recht glaubhaft geschildert ist. Man darf halt nicht vergessen, dass sich dieser Thriller vor allem an jüngere Leser richtet.

Protagonistin Nika ist manchmal etwas naiv und geht viele Probleme zu kompliziert an. An ihrer Stelle wäre ich wahrscheinlich sofort zur Polizei gegangen. Doch dazu kommt, dass ich gut 10 Jahre älter als die Protagonistin bin und es ansonsten keinen Psychothriller gegeben hätte. 

Der Schauplatz Siena ist wunderbar gewählt. Die Autorin fügt die Handlung wie einen Puzzlestein in den Grundriss des italienischen Städtchens ein. Gemeinsam mit Protagonistin Nika erkundet man Viertel, versteckte Regionen und die Geschichte der Stadt, wobei der Faktor Spannung meist ein ständiger Begleiter ist.

Zwischendurch lässt Poznanski Protagonistin und Leser aber auch zur Ruhe kommen, wenn sich Nika zum Nachdenken in ein Café zurückzieht oder in einer ruhigen Minute den Blick über die bisherigen Ereignisse schweifen lässt.

Gut ab der Mitte hat sich die Handlung für meinen Geschmack zu sehr in die Länge gezogen. Ich wollte endlich wissen, welchen Geheimnissen Nika auf der Spur ist und wie sich alles im Gesamtbild aneinanderfügt. Hier wurde etwas zu lange wiedergekäut, obwohl die Handlung für einen Psychothriller an sich stimmig ist.

Mit dem Ende hatte ich so nicht gerechnet, obwohl mancher Verdachtsmoment bei mir vorgekommen ist. Aber wie die einzelnen Vermutungen zusammenhängen, hatte ich mir bis zum Schluss nicht erklären können.

Alles in allem hat mich Ursula Poznanski mit „Aquila“ gut unterhalten und auf die Folter spannen können. Die teils schwächelnde Protagonistin wird durch den wunderbaren Blick auf die Straßen Sienas ergänzt und die Handlung ist einem Psychothriller auf Jugendniveau mehr als gerecht geworden. „Aquila“ ist wieder ein Werk der Autorin, das ich interessierten Lesern und Hörern empfehlen kann.

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Eiskalter Horror

Snowblind - Christopher Golden

Coventry in New England hat schon etliche Schneestürme hinter sich gebracht. Aber dieser Schneesturm ist beispiellos. Menschen sind in den Sturm hinausgegangen und nie wieder gekehrt. Viele haben den Tod gefunden. Zwölf Jahre später zieht erneut ein Sturm dieses Ausmaßes auf, der von mysteriösen Erscheinungen begleitet wird.

„Snowblind. Tödlicher Schnee“ ist ein eiskalter Horror-Roman vom Feinstem. Christopher Golden lässt die Urgewalt eines Schneesturms über das kleine Städtchen Coventry brausen und zieht den Leser von der ersten Seite an mit.

In Coventry ist man an Schneestürme gewöhnt. Doch der Schneesturm vor zwölf Jahren hat tiefe Narben in der Stadt hinterlassen. Viele Menschen sind gestorben oder nie mehr aufgetaucht. Jetzt kündigt sich ein weiterer Sturm in der kleinen Stadt an und die Menschen werden von seltsamen Begebenheiten heimgesucht. Ein toter Mann ruft an und ein Mädchen glaubt, ihren verstorbenen Vater zu sehen.

Zu Beginn ist man mitten im ersten Schneesturm, der zahlreiche Opfer gefordert hat. Ganz langsam baut sich die Spannung auf, während sich der Sturm zusammenbraut:

Die Restaurantbesitzerin Ella hofft, dass sie noch rechtzeitig ihr Restaurant schließen kann. Die Lehrerin Allie hat sich nach dem Tod ihres Mannes endlich wieder verliebt und schaut optimistisch der Zukunft entgegen. Während sich TJ als Musiker durchschlägt und ein Auge auf Ella geworfen hat. All diese Schicksale - und noch einige mehr - werden während des ersten Schneesturms durcheinander gewirbelt und keiner ahnt, dass der Albtraum erst angefangen hat. Denn zwölf Jahre später werden sich erneut ihre Wege im Schneesturm kreuzen.

Mir hat die Atmosphäre besonders gut gefallen. Von Beginn an hat mich der Autor in dieses kalte Schneesturm-Ambiente versetzt. Ich hatte richtig die Dunkelheit mit ihren dicken Flocken vor Augen und den schneidenden Wind im Gesicht.

Genauso authentisch habe ich die Figuren empfunden. Jeder Charakter ist nachvollziehbar und tiefsinnig beschrieben und hat auf mich glaubwürdig gewirkt.

Die Handlung an sich ist bestimmt nicht neu, konnte mich trotzdem sofort für sich einnehmen. Im Sturm ist man abgeschnitten von der Welt, muss sich im Haus verschanzen, sitzt ohne Strom in der Finsternis und hätte auch ohne Mystery-Aspekte genug mit sich selbst und der Naturgewalt zutun. 

Dazu kommen Horror-Elemente, die mir eingangs den Atem gefrieren ließen, auch wenn sie sicherlich nicht neu im Genre sind. Wer mit dem Autor schon einmal Bekanntschaft gemacht hat, wird schnell ein bewährtes Muster entdecken. Das mochte ich recht gern, wobei ich mir aber doch ein bisschen mehr Informationen zum Hintergrund gewünscht hätte.

Mittendrin habe ich einen leichten Durchhänger empfunden. Hier hatte ich das Gefühl, dass die Handlung einfach nicht weitergeht, was sich dennoch rasch wieder gelegt hatte, und dem Lesevergnügen nicht schadete.

Meiner Meinung nach ist „Snowblind. Tödlicher Schnee“ ein richtig guter Horror-Roman, den man für die volle Wirkung definitiv im Winter lesen soll. Beißende Kälte, schneidender Wind und schaurige Grusel-Elemente machen diese Geschichte zu einem eiskalten Leseereignis, das ich Horror- und Mystery-Liebhabern uneingeschränkt empfehlen kann.

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Gruselkrimi in Cold-Case-Manier

Die Heimsuchung von Grayson Manor - Cheryl Bradshaw

Addison Lockhart wird seit frühester Kindheit von grausamen Visionen und düsteren Ahnungen gequält. Meistens ist der Tod darin zu Gast und sie haben sich häufig als Wahrheit entpuppt. Nichtsdestotrotz wird sie von ihren Eltern zum Psychiater geschleppt und lernt, diesen Teil von ihr zu unterdrücken. Bis zu dem Tag, an dem sie „Grayson Manor“ von ihrer Mutter erbt und in das verwunschene Haus zieht. 

Ich hatte mir bei „Die Heimsuchung von Grayson Manor“ eine atomsphärische, gruselige Horror-Haus-Geschichte gewünscht. Schon allein die vielversprechende ‚Heimsuchung‘ und der dunkel klingende Name ‚Grayson Manor‘ laden zu schaurigsten Vorstellungen ein. Bekommen habe ich einen sanften Gruselkrimi, dem es zumeist am richtigen Schauerambiente fehlt.

Addison Lockhart ist Anfang 30 und hat von ihrer Mutter „Grayson Manor“ geerbt. In diesem Haus hat sie ihre Kindheit verbracht, ihrer Tochter allerdings nie etwas davon erzählt. Außerdem kündigen sich weitere Familiengeheimnisse an, denen das letzte Quäntchen Spannung fehlt.

Die Handlung entspricht einem Krimi in Cold-Case-Manier. Addison stößt auf eine alte und somit kalte Spur und versucht, den Ereignissen von damals auf den Grund zu gehen. Das ist alles andere als einfach, weil die meisten Beteiligten verzogen oder längst verstorbenen sind. Hier ist es natürlich hilfreich, wenn man eine Seherin ist … 

Es geht quer durch die 50er-Jahre mit einem Blick auf alte Hollywood-Legenden. Intrigen, Affären und unbequemer Geltungsdrang erhalten ebenso Raum wie Addisons Gabe, die sie auf längst vergessene Spuren bringt.

Der Schreibstil ist meiner Meinung nach ok und angenehm zu lesen. Die Übersetzung wurde von anderen Lesern bemängelt, was ich nur teilweise unterschreiben kann. Mir sind zwar auch manch holprige Sätze aufgefallen, allerdings war ich meistens so in der Handlung drin, dass ich sie nicht als störend empfunden habe.

Gefehlt hat es mir dafür eindeutig am gruseligen Grundton und der angemessenen Horrorstimmung, die Cover, Klappentext und Protagonistin versprechen. Wenn die Protagonistin um die 30 ist, hatte ich mir schon intensiveren Horror erwartet, der mir die Zehennägel hebt. Leider sind mir diesbezüglich die Füße aber eingeschlafen. Es gibt zwar einige schaurige Stellen, aber nichts davon hat bei mir für Gänsehaut gesorgt.

Den Cold-Case-Stil hingegen finde ich sehr nett, weil ich gerne in alte Zeiten eintauche und gleichzeitig den Bezug zur Gegenwart sehen kann. Wie schon gesagt, verschlägt es Addison vor allem in die 50er, wo sie sich mit der Geschichte ihrer Familie auseinandersetzt.

Untermalt wird das Ganze von einer sanften Liebesgeschichte, Addisons Selbstfindung und die Wiederentdeckung ihrer Fähigkeit. 

Mit dem Ende hat mich Cheryl Bradshaw in zweierlei Hinsicht überrascht. Erstens hatte ich das Gefühl, dass es sehr abrupt gekommen ist. Denn die Handlung ist mehr oder weniger gleichmäßig vorangegangen und plötzlich war ich am Ende angekommen. Zweitens hatte ich mit diesem Ausgang nicht gerechnet, was mir doch gefallen hat.

Insgesamt ist „Die Heimsuchung von Grayson Manor“ ein Gruselkrimi in Cold-Case-Manier, der bestimmt weniger anspruchsvollen und jüngeren Horrorlesern gefallen wird. Bei den erfahrenen, alten Hasen im Horrorgenre werden wohl die Füße kalt bleiben, obwohl die Handlung durch den Unterhaltungswert punkten kann. 

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Meisterwerk des Grauens

Es - Stephen King

In Maine ist das Böse daheim. Es hat es sich in der Kanalisation der Kleinstadt Derry gemütlich gemacht, wo es alle 27 Jahre Angst und Schrecken sät und zu fressen gedenkt. Doch sieben Freunde haben beschlossen, es in die Schranken zu weisen, und setzen alles daran. 

Stephen Kings „Es“ ist das Meisterwerk des Horrors schlechthin und kann meiner Meinung nach zu den Klassikern des Genres gezählt werden. Der Autor thematisiert die menschliche Existenz an sich. Es geht um den Zauber der Kindheit und die Schrecken des Erwachsenseins. Dabei stehen all die Hoffnungen, Ängste und Träume im Mittelpunkt und die Magie des Kindseins, die wir im Erwachsenenalter oftmals vergessen haben. 

Dementsprechend sind die sieben Protagonisten Kinder und Erwachsene zugleich, weil die Geschichte von „Es“ auf zwei Zeitebenen erzählt wird. Einerseits ist sie in den 60er-Jahren in Derry anberaumt. Zu dieser Zeit sind die Protagonisten Kinder und es schwingt die Stimmung dieses Jahrzehnts mit. Andrerseits trifft man sie auch als Erwachsene in den 80ern an - als sie beschließen, es zu beenden. 

Meiner Meinung nach schafft es niemand wie Stephen King einem die Ängste der eigenen Kindheit in Erinnerung zu rufen und ich hatte bei etlichen dieser Stellen Gänsehaut! 
Er versetzt in die Schrecken der eigenen Kindheit zurück. Kann sich noch jemand an den furchterregenden, dunklen Keller erinnern? Seltsame alte Leute, die plötzlich große Augen kriegen? Statuen, die einem hinterher blicken? Und wer - außer mir - hatte schon immer Angst vor Clowns?

Der Clown ist natürlich das absolute Horror-Element in diesem Roman. Ich traue mich nicht einmal schätzen, wie viele Menschen dank „Es“ keine Clowns mögen. Denn in diesem Roman trifft man auf „Es“ - ein Clown, so fremd und trotzdem ganz normal, der seine Späße treibt, und zum Angesicht der Hölle wird. 

Gleichzeitig beschäftigt sich Stephen King aber auch mit dem Erwachsensein und wie wir einen Traum nach dem anderen wie Seifenblasen platzen lassen, weil wir vergessen haben, dass wir einfach daran glauben müssen.

Dabei schlägt Stephen King manchmal melancholische, traurige aber auch optimistische Töne an. Ich hatte das Gefühl, dass er empfiehlt, auch als Erwachsener öfter Kind zu sein und all die faszinierenden, imposanten Facetten des Lebens zu genießen. 

Der Schauplatz Derry hat einiges an Gruselpotential. Wer sich öfter von Stephen King das Fürchten lehren lässt, der kennt die schaurigen Begebenheiten der kleinen Stadt ganz genau. Denn in Derry herrscht das Böse, das sich immer einen Weg in das Leben der Menschen kämpft. 

Die Handlung ist simpel und gleichzeitig komplex, was man von Kings ausufernden Erzählstil kennt. Ich mag es sehr gern, mit Hintergrundinformationen versorgt zu werden. Außerdem gefällt es mir, wenn ich verstehen kann, warum ein Mensch zu dem geworden ist, was er ist. Sämtliche Figuren sind mit einer Tiefe beseelt, die der Realität um nichts nachstehen - was für mich bei diesem Autor immer wieder beängstigend ist.

Diesem Horror-Werk kann ich mit einer Rezension nicht gerecht werden. Es ist eines der besten Bücher, die ich jemals gelesen habe. Es vereint Horror, Coming-of-Age, Humor und Zeitgeschichtliches und kann gar nicht genug honoriert werden, weil es mitten in Geist und Seele trifft.

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Das Leben der Bettler und der Ausgestoßenen

Fürstin der Bettler - Peter Dempf

Augsburg, 1300. Mitten in der Nacht wird die Apothekersfrau Hannah von einer Feuersbrunst geweckt. Das Haus steht in Flammen. Ihr Mann und ihre Tochter sind unauffindbar. Es ist unbegreiflich, welche dramatische Wendung ihr Leben in diesen wenigen Augenblicken nimmt.

Peter Dempf hat mit diesem historischen Roman gleich mehrere Themenbereiche bedient. Einerseits geht es um das Leben der Bettler und Ausgestoßenen. Er veranschaulicht, wie schwer sie es hatten, welche Regeln für sie um 1300 galten und wie sie sich durch ihr karges Leben geschlagen haben. Andrerseits thematisiert er genauso die Stellung der Frau in dieser schwierigen Zeit. Er zeigt, wie sehr man sich hüten musste, nicht zu viel zu wissen oder zu können. Allzu leicht konnte man in den Verdacht der Hexerei gerät. Außerdem begreift man schnell, dass eine Frau oftmals lediglich Objekt sexueller Begierde ist.

Es ist das Jahr 1300 und Hannah Meisterin, ehemals stolze Frau des Apothekers, steht vor den Trümmern ihrer Existenz. Ihr Haus ist abgebrannt, der Mann ist tot, die Tochter nicht auffindbar und sie selbst durch die tosenden Flammen entstellt, sodass sie niemand erkennt. Von einem Moment auf den anderen wird sie von der angesehenen, wohlhabenden Bürgerin zur Bettlerin degradiert. Jetzt ist sie eine Frau, die nach dem herben Schicksalsschlag im Straßendreck um ihr Überleben kämpft.

Peter Dempf hat auf anschauliche Weise von historischen Fakten erzählt. Man bekommt ein Gefühl für das Treiben auf der Straße und erkennt, wie schwer es war, von milden Gaben zu leben. Ich finde es immer bemerkenswert, wie viel man aus solchen Romanen lernt. Zum Beispiel wusste ich nicht, dass Bettler eine Marke brauchten, um überhaupt in Städte gelassen zu werden. Gleichermaßen verwunderlich ist es auch, welche Sitten und Gebräuchen seither unseren Sprachschatz geprägt haben. Denn Dempf erklärt nebenher, wie es ist, wenn man zur Sau gemacht wird oder warum manch leichtes Mädchen in meiner Region nach wie vor als „Luder“ bezeichnet wird.

Die Handlung an sich ist spannend erzählt und weist stark kriminalistische Züge auf. Hannah Meisterin will verstehen, warum ausgerechnet ihr Zuhause in Trümmern liegt, wo ihr Kind geblieben und wieso ihr Mann gestorben ist. Dazu macht sie sich mit der Schwarzen Liss durch Augsburgs Straßen auf, wodurch man zusätzlich eine Eindruck vom damaligen Alltag erhält.

Die Figur der Hannah Meisterin ist plastisch beschrieben. Man fühlt ihre Hilflosigkeit, ihr Unvermögen, die Ereignisse zu verarbeiten, ihre Wut und die Brutalität, die daraus entbrennt.

Etliche Szenen sind eindringlich erzählt, wobei einem der damalige Gestank in die Nase steigt und man Zeuge barbarischer Gesprächsmethoden wird. Man sollte doch einen starken Magen haben, weil selbst die Protagonistin zu roher Gewalt fähig ist.

Dabei wird die Handlung aus mehreren Perspektiven erzählt. Großteils wird sie von Hannah getragen, dennoch durch weitere Blickwinkel ergänzt, was ihr deutliche Spannung verleiht.

Für mich ist „Fürstin der Bettler“ ein ausgezeichneter historischer Roman, der in die Straßen Augsburgs um 1300 entführt und durch kriminalistische Spannung glänzt.

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Charmante Lektüre für Zwischendurch

Ein Kleid von Bloomingdale's: Roman - Jane L Rosen, Stefanie Retterbush

Manchen Kleidern liegt ein Zauber inne. Sei es nur deshalb, weil sie in der aktuellen Saison als ‚das‘ Kleid gehandelt werden. Nichts ist so charmant wie das kleine Schwarze, das bei jeder Frau für alle Fälle im Kleiderschrank hängt. Wenn sie keines hat, dann findet es sich bestimmt bei Bloomingdale’s.

„Ein Kleid von Bloomingdale’s“ ist ein bezauberndes Märchen mitten aus dem New Yorker Alltag gegriffen. Dieses ganz besondere Kleid ist nicht nur das Kleid der Saison, sondern geht durch viele Hände und wird von etlichen Damen getragen.

In kurzen knackigen Kapiteln wechseln sich die Stationen des Kleides ab. Manch eine Trägerin schmachtet schon jahrzehntelang dem Chef hinterher. Die andere ist ein halbwüchsiges Model, das sich fragt, warum es nicht auf der Farm der Eltern geblieben ist. Es sind Ehefrauen, solche die es werden wollen, und manche, die diesen Zustand tunlichst vermeiden möchten. Aber eines haben sie allesamt gemeinsam: das kleine Schwarze von Bloomingdale’s sieht einfach an jeder Frau gut aus.

Dabei flattert das Kleid selbst wie ein verzauberter Schmetterling durch vieler Menschen Leben und bringt neben formvollendeten Stil viel Freude mit. 

Ich hätte mir nicht gedacht, dass mir diese kurzweilige Geschichte so gut gefällt, weil ich eher mit einer sehr oberflächlichen Lektüre gerechnet habe. Immerhin geht es um ein Kleid! Doch auf den zweiten Blick merkt man, wie viel in einem Kleid manchmal steckt und wofür es eigentlich stehen kann:

„Niemand macht sich die Mühe wochenlang den perfekten Pullover oder die perfekte Bluse zu suchen, aber die Suche nach dem perfekten Kleid kann eine Frau durch sämtliche Kaufhäuser und Boutiquen Manhattans führen“ (S. 239)

Zwar strotzt es nicht gerade vor Tiefsinn, doch bringt es schöne Lesestunden in stilvollendeter Eleganz ins Bücherregal. Es geht hier nicht einfach um ein Kleid, sondern dieses Kleid steht stellvertretend für ein Lebens- und Selbstwertgefühl, das man sich von Zeit zu Zeit schon einmal gönnen darf. 

„… nicht ihre schlecht sitzenden Schuhe haben Aschenputtel genügend Selbstbewusstsein verliehen, um zum Ball zu gehen, sondern das Kleid. Das Kleid hat sie zu einer Prinzessin gemacht!“ (S. 239)

Ich finde es wunderbar mit wie viel Charme und Esprit Jane L. Rosen ihren Figuren auf die Sprünge hilft. Dabei reicht sie dieses exklusive Kleid als Hilfestellung rum und entreisst es ihnen  genauso rasch wieder. Richtig hinreissend ist, dass man wie eine Feder vom Wind getragen von Schicksal zu Schicksal schwebt, und schaut, was sich im Leben der nächsten potentiellen Trägerin zuträgt.

Hingegen darf man sich vom federleichten Schreibstil der Autorin nicht täuschen lassen, weil sie es - wie die Verkäufer bei Bloomingdale’s - faustdick hinter den Ohren hat.

„Ein Kleid von Bloomingdale’s“ ist eine bezaubernde Zwischendurchlektüre, die mit Charme und Stil - und einem verschwörerischem Augenzwinkern - märchenhaft überzeugen kann.

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Ein schillerndes Science-Fiction-Abenteuer

Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten - Becky Chambers, Karin Will

Als Rosemary Harper ihren Dienst auf der Wayfarer antritt, ahnt sie nicht, worauf sie sich eingelassen hat. Wurmlöcher werden durch den Weltraum gebohrt und alles scheint normalste Routine zu sein. Bis sie einen genaueren Blick auf die abgedrehte Crew und den Raumkreuzer wirft und darin das größte Abenteuer ihres Lebens erblickt.

Becky Chambers hat in „Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“ ein spaciges Weltraumspektakel geschrieben, indem sie ernste gesellschaftliche Themen in ulkiger Science-Fiction-Manier verpackt: Rassismus, Gier, Ausbeutung der Umwelt (oder des Umraums?), Krieg, Intoleranz, sexuelle Freiheit und Gleichberechtigung. 

Rosemary Harper ist Marsianerin und von der Spezies Mensch. Sie heuert auf der Wayfarer als Verwaltungsassistentin an. Dadurch wird sie teil der abgedrehtesten Crew jenseits und diesseits unseres Sonnensystems.

Dabei steht Rosemary gar nicht im Mittelpunkt, denn es wird allen Crewmitgliedern Raum gegeben. Erwähnenswert ist Pilotin Sissix, die einer reptilienartigen Spezies angehört und ein sehr gewöhnungsbedürftiges Familienmodell vertritt. Auf Mechaniker Jenks darf man nicht vergessen, der mit dem Bordcomputer anbandelt und für die Befreiung künstlicher Intelligenz eintritt. Für das körperliche Wohl der Crew sorgt der fabulierende Dr. Koch, der einer aussterbenden Spezies angehört.  Es gibt Wesen, die als Paar auftreten oder im Lauf ihres Lebens das Geschlecht ändern. Andre sind als kriegerische Gebieter, penible Algaeisten oder brummige Chefs unterwegs, die allesamt auf der Wayfarer miteinander auskommen müssen. 

Der nächste große Auftrag ist der Weg zu diesem kleinen zornigen Planeten, wo die Wayfarer einen Tunnel durch den Raum bohren wird. Doch bis es so weit ist, haben sie größere und kleinere Abenteuer gemeinsam zu bestehen, die mit ihrem multikulturellen Zugang unterhaltsam zu lesen sind.

Autorin Becky Chambers hat ein eigenes Universum geschaffen, das - meinem Empfinden nach - an die Wirren der EU angelehnt ist. Wirtschaftliche Bündnisse, unterschiedliche Interessen, gegenseitiger Respekt oder unverhohlene Intoleranz - mit all diesen Themen ist man auch in ihrem Weltraum konfrontiert, wobei es hier nicht mehr um die Nationalität sondern um ganze Spezies geht. 

Dabei unterstreicht die Autorin, dass es nicht Verständnis braucht, um miteinander auszukommen, sondern es ist ausreichend, wenn man anderen Lebewesen Würde zugesteht und Respekt entgegenbringt.

Wenn man sich den Klappentext durchliest, kommt man nicht darauf, wie viel Tiefgang dieses Science-Fiction-Spektakel hat. Dennoch werden abenteuerliche Töne angeschlagen, es wird brenzlig, spannend und immer gegessen. Der humorvolle Schreibstil der Autorin sprüht vor Charme und Esprit, ist mir jedoch manchmal eine Spur zu überdreht. 

Insgesamt hat mir der Weg zu dem zornigen Planten sehr gut gefallen und ich bin in diesem Universum vor mich hingeschmachtet. Leider hatte ich eingangs meine Probleme mich in der Crew zurechtzufinden, weil es gar viele Personen sind. Es fiel mir schwer, mir neben Namen, Funktionen und Spezies die Konstellation innerhalb der Gruppe zu merken. Dadurch hat mir zu Beginn die Orientierung gefehlt, wodurch ich ab und an einige Seiten zurückblättern musste. 

Trotz meiner kleinen Kritik ist „Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“ ein schillerndes Science-Fiction-Abenteuer wie ich es noch nie gelesen habe und das mich ausgezeichnet unterhalten hat.

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at