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Rebeccas Spuren

Rebecca: Roman (insel taschenbuch) - Daphne du Maurier, Brigitte Heinrich, Christel Dormagen

Rebeccas Spuren sind überall. Als Maxim de Winter seine junge Braut in sein Anwesen Manderley nach England bringt, hatte die junge, etwas unbeholfene Frau, wohl nicht geahnt, dass sie auf Schritt und Tritt Maxims verstorbener Ehefrau Rebecca begegnen wird. Nicht nur, dass Rebeccas schillernde Persönlichkeit Freunde, Verwandte bis zu den Dienstboten für sich eingenommen hat, sondern ihr Geist scheint sie aus allen Winkeln Manderleys heraus kritisch zu begutachten und sie fühlt sich nicht nur von Rebeccas ehemaliger Haushälterin beobachtet.

Die neue Frau an Maxims Seite bleibt über den ganzen Roman hinweg namenlos, allein dadurch zeigt die Autorin, wie präsent Rebecca ist. Rebecca, die zuerst Mrs de Winter war, Rebecca, die alle für sich eingenommen hat, Rebecca, die tragisch während eines nächtlichen Segelausflugs ertrunken ist, Rebecca deren Verlust für alle ein erschütternder Schicksalsschlag war.

Die junge Protagonistin fühlt sich in der gehobenen Gesellschaft ohnehin nicht wohl. Eigentlich hätte sie als Gesellschaftsdame ausgebildet und in Zukunft den ehrenwerten Herren und Damen bei der Freizeitgestaltung zur Seite stehen soll. Doch Hals über Kopf verliebt sie sich in Monte Carlo in den mysteriösen Maxim de Winter, der ihr prompt einen Heiratsantrag und sie damit zur Herrin von Manderley macht. 

Dieser neuen Rolle ist sie von Beginn an nicht gewachsen. Die Protagonistin ist unbeholfen, immer nervös und malt sich ständig Schreckensszenarien aus, wie sie sich und ihren Mann in noch größere Verlegenheit bringen könnte. Gleichzeitig fördert die angespannte Atmosphäre in Manderley ihre Unsicherheit, denn Rebeccas dunkler Schatten liegt über dem Haus.

Der Roman beginnt mit einer Traumsequenz und hier war ich wenige Seiten lang enttäuscht, weil mir persönlich Träume in Büchern nicht gefallen. Doch dann hat mich Daphne du Maurier mit ihren dichten Erzählstil in die Geschichte reingezogen und mich der jungen Protagonistin zur Seite gestellt. Schon nach dem ersten Abschnitt konnte ich nur mehr „Wow!“ denken und wusste sofort, dass ich hier ein wahres Meisterwerk in den Händen halte.

Die Autorin hat einen unfassbar realistischen Schreibstil, der nicht nur die Ereignisse zum Leben erweckt, sondern den Leser an der Gedankenwelt der Protagonistin teilhaben lässt und somit spürt man richtig diese „böse“ Aura, die einem schon auf der Fahrt nach Manderley wie eine unheilvolle Meeresbrise entgegen weht.

Obwohl dieser Roman als Mysterythriller bezeichnet wird, würde ich ihn eher in Richtung Psychothriller einordnen. Denn diese allgegenwärtige Präsenz der verstorbenen Rebecca gibt der Protagonistin nicht nur das schlechte Gefühl unter ständiger Beobachtung zu stehen, sondern es liefert sie auch einer rätselhaften Frage aus, denn plötzlich taucht die Leiche der Ertrunkenen auf.

Die Erzählung ist von Anfang bis Ende spannungsgeladen. Was als amüsante Liebelei in Monte Carlo beginnt, spitzt sich in seiner Dramatik von Kapitel zu Kapitel weiter zu. Liebe, Ängste, Emotionen, erhebliche Zweifel und unfassbare Ereignisse verdichten sich zu einer grauschwarzen Wolke über Manderley, die in einem finalen Unwetter gipfelt, bei dem sich der Leser mitten in einem Orkan wiederfindet.

Zu guter Letzt blättert man fassungslos, erheblich mitgenommen und leicht zitternd die letzte Seite um, und weiß, dass man mit Daphne du Mauriers „Rebecca“ einen wahren Klassiker unter den Psychothrillern gelesen hat.

 

© NiWa

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at