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Hinter dunklen Mauern

Die dunklen Mauern von Willard State: Roman - Ellen Marie Wiseman, Sina Hoffmann

Vor 10 Jahren erschoss Izzys Mutter ihren Ehemann und seither hat das Mädchen einige Pflegefamilien hinter sich. Mittlerweile erneut bei Pflegeeltern angekommen, hilft sie persönliche Gegenstände von Patienten einer längst geschlossenen Psychiatrie zu katalogisieren und stößt dabei auf das Tagebuch von Clara Cartwright, das ihr einfach keine Ruhe lässt.

Die Handlung erstreckt sich über zwei Zeitebenen. In den 90er-Jahren hilft Protagonistin Izzy ihrer Pflegemutter dabei, Koffer der ehemaligen Patienten der seit langem geschlossenen Nervenheilanstalt Willard State Asylum zu sichten und zu katalogisieren. Hierbei handelt es sich um Relikte, die bis zum Anfang des Jahrhunderts reichen. So stößt Izzy auf Claras Tagebuch aus den 1920er-Jahren und damit die Tür zur Vergangenheit auf.

Im Vergangenheitsstrang kommt Clara selbst zu Wort. Sie erzählt, warum sie in die Klinik eingeliefert wurde, schildert die grauenhaften Bedingungen sowie die unwürdige Behandlung und ihren Kampf um Würde, Selbstbestimmtheit und Gerechtigkeit.

In diesem Roman ist die verbrecherische, zutiefst unwürdige Behandlung von Menschen in Psychiatrien zentral. Die Autorin bettet gut recherchierte Fakten in eine aufreibende Geschichte ein und stellt zudem einen allgegenwärtigen Mutter-Tochter-Konflikt in den Vordergrund.

Ich denke, dass die Autorin am Beispiel von Clara den Insassen des Willard States Aslyums eine Stimme gibt, um sie stellvertretend für alle Patienten dieser Zeit vor dem Vergessen zu bewahren.

Inhaltlich ist der Roman meiner Ansicht nach sehr gut aufgebaut. Die Autorin stützt sich auf die vergessenen Koffer der damaligen Patienten, die tatsächlich existieren, und hat auf dieser Grundlage eine ansprechende Gegenwartshandlung geschaffen.

Der Vergangenheitsstrang hat mich besonders aufgewühlt. Gemeinsam mit Clara wird man in die psychiatrische Hölle geschickt aus der es kein Entrinnen gibt. Allein bei der Lektüre musste ich aufgrund der unhygienischen, unmenschlichen und eindeutig verbrecherischen Zustände würgen und mir gleichzeitig vor Augen führen, dass dies jahrzehntelang Realität gewesen ist.

Der Gegenwartsstrang der 90er war zwar ebenso ansprechend zu lesen, allerdings hatte ich hier manchmal das Gefühl, die Autorin hätte es ein bisschen übertrieben.
Protagonistin Izzy ist bereits der niederschmetternden familiären Situation ausgesetzt. Immerhin ist ihre Mutter eine Mörderin, hat mit sich selbst und der Eingewöhnung in immer neuen Pflegefamilien zutun, beschäftigt sich ihrer Pflegemutter zuliebe mit der Katalogisierung der Koffer, knüpft eine erste zarte Liebe und wird in einer Nebenhandlung auch noch mit einer richtig fiesen Mitschülerin konfrontiert.
Diese Auseinandersetzung drängt sich längere Zeit in den Vordergrund, bis sie in einem unfassbaren Höhepunkt ausartet und daraufhin in der weiteren Handlung verpufft als ob nichts gewesen wäre.
Hier wurden meinem Gefühl nach einfach zu viele Themen angeschnitten, die nicht ganz zielgerichtet aufgelöst werden konnten und zumindest bei mir einen etwas schalen Beigeschmack hinterlassen haben.

Berührungspunkt beider Erzählstränge ist neben den Mauern von Willard State ein deutlich spürbarer Mutter-Tochter-Konflikt, der sich weit über die Protagonistinnen hinaus auch auf Nebenfiguren erstreckt. Diese Unstimmigkeiten werden aus verschiedensten Perspektiven aufgearbeitet und nehmen daher einen weiteren Fokus der Geschichte ein, den es meiner Meinung nach zwar nicht bedurft hätte, sich jedoch trotzdem gut in die Gesamthandlung eingliedert.

Ellen Marie Wiseman hat aus stilistischen Gründen einige historische Fakten ihrer Erzählung zeitlich angepasst, um auf sie aufmerksam zu machen. Daher werden manche Geräte länger als tatsächlich genutzt und einige Behandlungsmethoden einige Jahrzehnte vorgezogen, was sie im Nachwort ausführlich dargestellt und begründet hat.

Alles in allem handelt es sich hierbei um einen aufwühlenden historischen Roman, der dem Leser die Missstände in Nervenheilanstalten der 20er-Jahre ins Bewusstsein ruft, auf die Selbstbestimmtheit des Menschen pocht und durch seine ergreifende Dramatik - trotz des überladenen Gegenwartsstrang - an die Seiten fesselt, von denen man sich kaum lösen mag.

Meiner Meinung nach spricht diese Geschichte Leser an, die sich allgemein für psychiatrische Anstalten interessieren, deren abstoßende Aura ertragen und sich gleichzeitig für Familiengeschichten erwärmen können.

 

© NiWa

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at