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Drei alte Männer in der Wildnis

Ein Leben mehr: Roman - Jocelyne Saucier, Sonja Finck

Es ist die Geschichte von drei alten Männern, die sich in die Wildnis der kanadischen Wälder zurückgezogen haben. Hier führen sie ein Leben als Einsiedler. Sie plaudern, jagen, halten ihre Hütten in Stand, bis sie eine Fotografin in ihrer Ruhe stört und eine alte Dame von 82 Jahren Schwung und weitere Gesellschaft bringt.

Aber es geht auch um einen großen Brand in Kanada in den 20er-Jahren, der wie ein Fegefeuer durch das Land gezogen ist, Orte und Wälder vernichtet, dabei Menschen um ihr Leben und ihre Gesundheit gebracht hat. Die Fotografin hat es sich zum Ziel gesetzt, die letzten Überlebenden dieser Zeit in ihren Bildern einzufangen und der Legende von Ted Boychuck auf den Grund zu gehen, der einer dieser alten Männer im Wald ist.

Die Protagonisten sind allesamt alt, richtig alt. Die drei Männer sind bereits um die 90, die Dame hat die 80 überschritten und als Jungspund darf sich die Fotografin fühlen, die ich auf Mitte Vierzig schätze.

Der Handlungsrahmen besteht aus der Geschichte des großen Brandes und dem Fotoprojekt, stellt aber die Würde und die Schönheit des Alters sowie die Selbstbestimmung des Menschen in den Vordergrund.

Die Geschichte selbst muss man fast als seltsam bezeichnen, weil es eben um diese drei alten Männer im Wald und ihren Tagesablauf geht. Es ist eine Geschichte, die am Rande des Todes steht, dabei trotzdem vor Lebenskraft strotzt. Die Autorin legt so viel Tiefe, Feingefühl und Energie in die Protagonisten und die Handlung, dass ich mich diesem lebensbejahenden Sog nicht entziehen konnte. Sie schenkt dem Alter Würde und gibt den Blick auf seine Schönheit und Unwiderstehlichkeit frei:

„Ich liebe Geschichten, ich liebe es, wenn man mir ein Leben von Anfang an erzählt, mit allen Umwegen und Schicksalsschlägen, die dazu geführt haben, dass ein Mensch sechzig oder achtzig Jahre später vor mir steht, mit einem ganz bestimmten Blick, ganz bestimmten Händen und einer ganz bestimmten Art zu sagen, dass das Leben gut oder schlecht gewesen ist.“ (S. 19 - 20)

Objektiv betrachtet wird die Geschichte etwas wirr geschildert, was dem Erzählten allerdings weitere Dynamik und den Protagonisten noch mehr Vitalität verleiht. Die Autorin bedient sich jeder möglichen Perspektive, werden manche Passagen von der Fotografin selbst oder anderen Figuren in der Ich-Perspektive erzählt, greift vor jedem Kapitel ein auktorialer Erzähler ein, der rückblickend auf die Brände und gegenwärtig auf die Männer schaut oder einen Vorgeschmack auf die Zukunft gibt.    

Über die Figuren erfährt man eigentlich nichts und gleichzeitig alles. Sie geben kaum Informationen über ihren Hintergrund, doch umso mehr liefern sie einen Einblick in ihr Bedürfnis nach Selbstbestimmung und menschlicher Würde, das man nicht einfach ab einem bestimmten hohen Lebensalter beim nächsten Sozialamt oder der Rezeption einen Altersheims abzugeben gedenkt. 

Insgesamt hat Jocelyne Saucier einen starken Roman geschaffen, eine literarische Perle, die durch ihre Schönheit besticht. Mit jeder Seite fühlt man die Kraft, die im Alter liegt, spürt man die kanadische Wildnis und die Lebensfreude, die wie wilde Blumen in den Wäldern sprießt.

Mich hat diese Geschichte nachhaltig beeindruckt und tief berührt. Sie hat mir die Anmut alter Menschen vor Augen geführt, die Erhabenheit der Natur gezeigt, und die Herrlichkeit des Lebens offen zum Ausdruck gebracht.

Dieses Buch kann ich jedem empfehlen, der sich von der Würde, der Schönheit und der Lebensenergie des Alters beeindrucken lassen möchte, der sich auf literarische Erkundung in die kanadische Wälder begeben, sich von längst vergangenen Bränden erzählen lassen und drei alten Männern in der Wildnis Gesellschaft leisten will.

 

© NiWa

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at