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Chronik eines Mörders

Still: Chronik eines Mörders - Thomas Raab, Frank Arnold

Stille. Karl Heidemann sehnt sich nach Stille und es gibt nur eines, dass ihn vom Lärm erlöst. Der Tod.

Diese Geschichte schildert den Lebensweg von Karl Heidemann, der von Geburt an durch sein feines Gehör am Lärm leidet. Mit der Zeit lernt er, dass ihm vor allem eines die ersehnte Ruhe bringt, und zwar der Tod, den er anderen lautlos bringt. 

Es wird ganz genau das beschrieben, was der Titel verspricht. Es handelt sich tatsächlich um die Chronik eines Mörders, des Mörders Karl Heidemann. Karl, der von Anfang an sehr seltsam ist, Karl, mit dem sich die Eltern kaum zu helfen wissen, Karl, der mit seinem feinem Gehör in einer eigenen Welt lebt, und Karl, der im Tod die Erlösung von den Qualen des Lebens sieht.

Gleich zu Beginn hat sich mir der Vergleich mit Patrick Süskinds „Das Parfum“ aufgedrängt und diese starke Ähnlichkeit hielt bis zuletzt an. Statt der Nase sind es hier die Ohren, statt dem 18. Jahrhundert spielt die Handlung in der Gegenwart, und statt Frankreich und Italien, ist es in Karl Heidemanns Chronik der deutschsprachige Raum. Obwohl ich dem Autor hier nichts unterstellen mag, ist es meiner Meinung nach eine nicht ganz so gelungene Kopie des weltberühmten Klassikers, die insofern verändert ist, dass er sich einfach anderer Elemente bedient hat.

Karl ist ein sehr seltsamer Mensch. Das feine Gehör macht ihm das Leben schwer, weil er die alltägliche Geräuschkulisse oder sogar nur ein gehauchtes Flüstern kaum erträgt. Dadurch wächst er abgekapselt vom Familienleben, von der Dorfgemeinschaft und insgesamt von der Gesellschaft auf, was ihn zu einem noch merkwürdigeren Erwachsenen macht.

Allerdings kann ich nicht verstehen, warum sich Karl manche Ansichten auf so weltfremde Art zusammenreimt, weil er einerseits Eltern und einen Lehrer hat, andrerseits seine Nase wissbegierig in Bücher steckt, und da sollte man meinen, dass er doch eher mit gesellschaftlichen Werten und Normen vertraut ist, als es in der Handlung der Fall ist.

Die Stille und die Ruhe sind nicht nur das tragende Thema der gesamten Handlung, sondern treffen ebenso auf die Erzählweise zu. Es wird ruhig von den Ereignissen berichtet, was durchaus passend und fesselnd ist.

Den Sprachstil habe ich als altmodisch empfunden und er hat mich an ein Märchen erinnert, das aus auktorialer Perspektive erzählt wird. Manchmal wird weit ausgeholt, wenn es um die Eltern von Karl geht. Dann wird Karls Gefühls- und Gedankenwelt beschrieben, die stark vom quälenden Lärm und dem Unverständnis gegenüber seiner Umwelt geprägt ist. Dieser märchenhafte, teilweise ausholende, Erzählstil hat mir sehr gut gefallen, weil es trotz der modernen Zeit, in der Karls Geschichte spielt, gut zu ihm und den Ereignissen passt.

Thomas Raab hat sich mit „Still. Chronik eines Mörders“ bekannter Elemente eines weltberühmten Klassikers bedient und diese in ein modernes Umfeld in unsere Gegenwart gesetzt. Damit hat er auf jeden Fall die interessante Chronik eines vom Lärm gequälten Mörders geschaffen, wenn mir persönlich auch die Ähnlichkeiten zu frappierend und die Erzählung an sich etwas zu aufgesetzt war. 

Wer sich aber für die Entwicklung einer vom Lärm geplagten Seele in unseren Breitengraden interessiert und sich vom ruhigen Erzählstil einnehmen lassen will, wird in Thomas Raabs stiller Mörder-Chronik eine faszinierende Geschichte finden.

 

© NiWa

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at