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Autopsieraum vier

Autopsieraum vier: Story aus Im Kabinett des Todes (Story Selection 26) - Stephen King, Wulf Bergner

Howard wollte eigentlich nur Golf spielen und kann sich irgendwie nicht erklären, wie er auf dem Seziertisch gelandet ist. Obwohl er stark bezweifelt, dass sein Status quo tatsächlich diese Umgebung erfordert, kann er sich dem Pathologen-Team nicht bemerkbar machen. Andrerseits, wenn man noch nie gestorben ist, woher soll man dann wissen, ob man wirklich tot ist?

Wieder spielt King mit den menschlichen Urängsten. Früher gab es oft die Befürchtung bei lebendigen Leib in einem Sarg begraben zu werden. Auf Friedhöfen waren manchmal Glocken montiert, die man im Ernstfall aus dem feuchten Grab heraus betätigen konnte. Und wer sich solche Glocken vorstellen kann, weiß, wie schaurig es sein konnte, wenn der Wind das gespenstige Bimmeln auf Friedhöfen in Gang brachte. 

Dieser Shocking Short aus dem Hause King treibt diese Horrorvision eine Stufe weiter und setzt sie in unserer modernen Gegenwart an. Denn die Angst lebendig unter der Erde im Sarg zu sterben ist mittlerweile unbegründet, weil davor eine Autopsie durchgeführt wird. Und hier sind wir bei der Horrorstufe unseres Jahrtausends angelangt. Was könnte schlimmer sein als lebendig begraben zu werden? Ja, genau, bei lebendigem Leib den berühmten V-Schnitt zu erfahren und vielleicht sogar noch zu erleben, wie einem das Brustbein aufgestemmt wird. Meiner Meinung ist das nicht gerade eine prickelnde Vorstellung und genau dieses Grauen heizt der Autor in dieser Kurzgeschichte an.

Stephen King beschreibt dieses Malheur aus der Sicht des Toten oder Lebendigen - je nachdem aus welcher Perspektive man es betrachten will - und Howard Cottrell ist zurecht verwirrt, weil er nicht weiß, ob er nun gestorben ist und so das Ende vom Lied aussieht oder ob er doch noch unter den Lebenden weilt und deshalb in einer echt brenzligen Situation steckt.

So ungustiös man sich diese Situation vorstellen mag - und King treibt kräftig das Gedankenkarussell an - so witzig ist sie auch geschrieben. Es ist eine jener Kurzgeschichten, die nicht nur zum Grauen sondern auch zum Schmunzeln einladen, in denen sich Stephen King von seiner humorvollen Seite zeigt und die ich wieder sehr gerne gelesen habe. 

Diese Kurzgeschichte ist ursprünglich in Stephen Kings Kurzgeschichtensammlung „Im Kabinett des Todes“ erschienen. Der Heyne-Verlag bietet wöchentlich eine Kurzgeschichte des Horror-Meisters zum besseren (oder schrecklicheren?) Einstieg in die Woche an. Ganz nach dem Motto „Montag ist Kingtag“ gibt es immer wieder Shocking Shorts zu entdecken, die ich vor allem interessierten Lesern als Einstieg in Kings Werke empfehlen kann.

 

© NiWa

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at