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Unter der Schneedecke

Schattwald: Roman - Barbara Dribbusch

Innsbruck 1943. Die junge Charlotte wird ins Nervensanatorium Schattwald eingeliefert. Sie merkt, dass hier vieles nicht dem Schein entspricht und sie sich in Lebensgefahr begibt.
Jahrzehnte später hält ihre Enkelin Anne Tagebuchaufzeichnungen aus Schattwald in der Hand und schwebt plötzlich selbst in Gefahr.

Der Roman ist in zwei Erzählstränge aufgeteilt. In der Gegenwart kümmert sich Anne um den Nachlass ihrer Großmutter und stößt dabei auf die Tagebuchaufzeichnen. Der Vergangenheitsstrang ist mitten im 2. Weltkrieg anberaumt und man erfährt gemeinsam mit Charlotte, welche Gefahren der Krieg mit sich bringt.

Vergangenheits- und Gegenwartsstrang haben mir gleich gut gefallen, wobei ich bei beiden erzählerische Tiefe und Dichte vermisst habe. Schon von Beginn an hatte ich das Gefühl, nur sachte an der Oberfläche zu kratzen, was sich durch das ganze Buch gezogen hat.

Die Figuren Anne und Charlotte - Enkelin und Großmutter - sind hervorragend gelungen. Alle beide wirken realistisch und lebensecht und sind in ihrem jeweiligen Lebensabschnitt mit Problemen konfrontiert. Sie hoffen, die richtigen Entscheidungen zu treffen, auch wenn sie sich dadurch in Gefahr begeben.

Schattwald in den 40er-Jahren habe ich mir nicht so „harmlos“ vorgestellt. Die geschilderten Ereignisse entbehren sicherlich keiner Dramatik, denn schlimm war es auch so genug. Jedoch spielten sich zu dieser Zeit viel schrecklichere Dinge in Sanatorien ab und in Anbetracht dessen, habe ich mir eine intensivere Aufarbeitung erwartet. Ich dachte einen tieferen Einblick in die Behandlung psychisch instabiler Personen zu bekommen, dem war aber nicht so. Im Vergleich zu meinen Erwartungen hat in Schattwald eher Kuschelstimmung geherrscht, was ich schön und gleichzeitig schade fand.

Gut ausgearbeitet waren die Stimmung und Banalitäten des Alltags, die in Zeiten des Krieges überhaupt nicht banal gewesen sind. Barbara Dribbusch zeigt auf eindrucksvolle Weise die Entbehrungen in Kriegszeiten auf, wie sich die Menschen trotzdem zu helfen wussten, und oft unorthodoxe Lösungen fanden.

Der Gegenwartsstrang war angenehm zu lesen und gemeinsam mit Anne hat man sich durch Charlottes Hinterlassenschaft gewühlt. Hier spielt ein leiser kriminalistischer Unterton in die Handlung rein, der meinem Empfinden nach überzogen war und mich nicht so recht überzeugen konnte. Denn die Auflösung und Motivation dahinter ist mir etwas zu seicht geraten, obwohl sie überraschend war.

Der Erzählstil ist durchgehend ruhig gehalten. Eigentlich mag ich ruhige Erzählungen sehr gern, weil sich so Dichte und Spannung aufbauen können. Dadurch bekomme ich als Leser ein Gefühl für die Atmosphäre. Hier ist mir die Stimmung zu ruhig geraten, fast so, als ob die Geschichte unter einer dicken Schneedecke verschwunden ist.

Obwohl mich Barbara Dribbuschs „Schattwald“ nicht vollkommen überzeugen konnte, ist es auf jeden Fall ein schöner Roman für Zwischendurch. Dieses Buch berichtet vom 2. Weltkrieg und vielen Entbehrungen, lässt an die Opfer des Nationalsozialismus denken und versetzt den Leser gleichzeitig ins winterliche Innsbruck. Wenn man sich mal abseits episch angelegter Werke mit den Ereignissen des 2. Weltkriegs beschäftigen will, ist „Schattwald“ ganz bestimmt ein geeignetes Buch dafür. Denn trotz der erwähnten Kritikpunkte habe ich es gern gelesen und kann es als Zwischendurchlektüre an Interessierte weiterempfehlen.

 

© NiWa