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Klassische Südstaaten

Wer die Nachtigall stört ... - Harper Lee, Claire Malignon

Die Südstaaten in den 30er-Jahren. Idyllische Sommer, ländlicher Flair und brutaler Rassismus - das ist die Kindheit von Scout, einem achtjährigen Mädchen, das langsam erwachsen werden muss.

In den Südstaaten der USA gelten eigene Regeln, wenn es um alteingesessene Familien, gesellschaftliche Moralvorstellungen und schwarze Mitbürger geht. Das muss die achtjährige Scout erfahren, als ihr Vater Atticus - ein angesehener Rechtsanwalt - für die Rechte eines Schwarzen einsteht, und dabei das halbe Städtchen in Aufregung versetzt.

Im Vordergrund steht der Rassismus in den USA wie er in den 30er-Jahren offen gelebt und üblich war. Es geht darum, dass Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe zwar hochoffiziell vom Gesetz gleich zu behandeln sind, es allerdings an der Umsetzung in der Realität mangelt. Es zeigt außerdem, wie sich Menschen in ihrem Denken und Gebaren selbst widersprechen, sich in abstrusen Vorstellungen verlieren, einzeln für Gerechtigkeit einstehen und in der Gruppe dennoch in einen unüberlegten Hordentrieb verfallen, wie es der Wirklichkeit entspricht.

„Steht in unseren Gerichtshöfen das Wort eines Weißen gegen das eines Schwarzen, dann gewinnt unweigerlich der Weiße. Das ist eine Tatsache, wenn auch eine sehr hässliche.“ (S. 351)

Obwohl dieses Thema so ernst ist, geht es Harper Lee von einer wunderbar lockeren Seite an. Fast nach dem Motto „Kindermund tut Wahrheit kund“ lässt sie den Leser mit der achtjährigen Scout an den Ereignissen teilhaben.

Scout lässt sich nichts gefallen. Sie ist vorlaut, altklug und dank ihres nachsichtigen Vaters hat sie einen gesunden Menschenverstand. Sie weiß, wo es lang geht, und hilft auch anderen dabei ihren Weg zu finden. Besonders in der Schule waren einige unterhaltsame Szenen mit Scout und ihrer Lehrerin dabei, die mich oftmals zum Schmunzeln gebracht haben.

Außerdem werden Scout noch ihr Bruder Jem und ihr Freund Dill zur Seite gestellt. Zwei Herren, mit denen sie herrliche Sommer verbringt, etliche Mutproben besteht, und den Ernst des Lebens begreift.

Zuerst herrscht eine lockere, amüsante Atmosphäre. Die Stimmung ist ausgelassen. Als Leser geht man mit den Kindern gemeinsam die Sommerferien an. Man blüht mit ihnen in dieser herrlichen Unbeschwertheit auf. Nach und nach wird die Stimmung allerdings bedrohlich, weil die Kinder langsam begreifen, dass nicht alle Menschen als gleich betrachtet werden, und viele nicht so ein privilegiertes Leben wie sie genießen können. Außerdem merken sie, dass sich ihr Vater und Rechtsanwalt Atticus einer brenzligen Situation aussetzt.

Hier finde ich Scouts unverfälschte Sichtweise auf die Ereignisse wunderbar. Sie nimmt alles so wahr, wie es ist und wie es eigentlich sein sollte. Es ist, als ob man einem Kind sagt, dass es nicht lügen soll, bis es einen selbst bei einer Notlüge ertappt und die ganze Umgebung in Frage stellt.

Harper Lee schafft eine erzählerische Dichte, die einen richtig in die Südstaaten zieht. Man spürt die Hitze, sitzt auf der Veranda, freut sich auf ein Stück Kuchen oder schleicht sich durch den Garten der Nachbarin. Es dauert relativ lange bis die Geschichte zu ihrem Kern vorrückt, dennoch habe ich es genossen, so lange Gast in den Südstaaten zu sein. Nur dadurch habe ich ein Gefühl für die dortige und damalige Gesellschaft gekriegt und außerdem haben mir die Überlegungen und kleinen Abenteuer der Kinder großen Spaß gemacht.

„Wer die Nachtigall stört …“ ist ein bezaubernder und gleichzeitig verstörender Klassiker. Für mich ist es eines der besten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Es besticht mit bewundernswerten Figuren, einer ungezwungenen Atmosphäre und einem ernsten Thema, das sich dem Leser ins Bewusstsein drängt. Dieses Buch sollte von jedem gelesen werden, der mit Scout wunderbare Sommer erleben, den Ernst des Lebens begreifen und die Absurdität von Rassismus vor Augen geführt bekommen will.

 

© NiWa

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at