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Düsterer Roman der Meisterklasse

Motel Terminal - Fischer Schulthess Andrea

Meret wohnt in ihrem Zimmer. Sie lebt ausschließlich da, in diesem Raum im Motel Terminal. Denn außerhalb dieser vier Wände lauert das Böse, wie sie von ihrer Mutter erzählt bekommt. Nur Tante Julie macht ab und zu eine Ausnahme, wenn sie sich um Meret kümmert. Sie lädt das 13jährige Mädchen zu sich in die Stube ein. So ist Merets Leben überschaubar, bis die Ereignisse aus dem Ruder laufen …   

Obwohl es sich um keinen Roman noir im klassischen Sinn handelt, kommt mir bei „Motel Terminal“ sofort dieser Begriff in den Sinn. Es ist weder Thriller noch ein richtiger Kriminalroman, sondern eine düstere Erzählung, die sich mit jeder gelesenen Seite nach und nach zur absoluten Schwärze verdichtet. Dieser Roman lässt in das Dunkle der menschlichen Seele blicken, und zeigt dabei, wie aus Unschuld Sünde wird. 

Die Geschichte ist - wie auch in der Inhaltsangabe vom Verlag - schnell erzählt. Nora verheimlicht ihre Tochter vor der Welt. Sie hat das Mädchen ihr Leben lang in einem Zimmer des geschlossenen Motel Terminals verschanzt, wo ihr Tante Julie bei der Versorgung des Kindes hilft. Denn Nora selbst hat dafür nicht viel Zeit, weil sie sich einen wohlhabenden Ehemann geangelt hat, der für ihr lebenslanges Auskommen sorgen soll. 

Aber egal, wie nüchtern und kühn Nora dieses Unterfangen zu Beginn angegangen ist, das Leben neigt dazu, Pläne zu durchkreuzen und nach 13 Jahren geht plötzlich alles schief. 

Dann gibt es noch Nico, der sich ein bisschen Geld neben seiner Mechaniker-Lehre dazu verdient, indem er für die „Alte“ aus dem heruntergekommenen Motel Terminal Botengänge macht. Wer meint, die Handlung jetzt durchschaut zu haben, wird mit seiner Vermutung aber höchstwahrscheinlich falsch liegen.

„Motel Terminal“ ist ruhig und gleichzeitig unheimlich spannend erzählt. Die Autorin lässt den Leser immer wieder durch die Augen verschiedenster Figuren blicken und so wird aus einem abscheulichen Verbrechen manchmal ein Hilferuf oder gar eine Verzweiflungstat. 

Nora habe ich lange Zeit nicht durchschaut. Es fällt schwer ihre Beweggründe zu verstehen, weil sie sich kaum in die Seele blicken lässt. Sie wirkt kalt, nüchtern, abweisend und immer so besorgt. Erst gegen Ende des Buches kann man einigermaßen nachvollziehen, was sie dazu getrieben hat, ihre Tochter Meret vor der Welt zu verbergen.

Meret ist auf ihre Art bezaubernd. Sie nimmt die Welt ganz anders wahr, weil sie sie nie so wie wir kennengelernt hat. Das hat auf mich beängstigend, verstörend und gleichzeitig sehr glaubwürdig gewirkt.

Julie habe ich als Lichtblick empfunden, weil sie ein verschrobener Kauz aus einer sehr freiheitsliebenden Zeit ist, die sich nicht so schnell abschrecken lässt. Allerdings musste ich mir immer vor Augen führen, dass die Alte genauso an diesem Verbrechen beteiligt ist.

Sämtliche Charaktere wirken authentisch, echt und gehen in die Tiefe. Ich hatte das Gefühl, Andrea Fischer Schulthess würde aus erster Hand erzählen, so als wüsste sie von den Figuren selbst, was sie in den jeweiligen Situationen angetrieben hat. Der Schreib- und Erzählstil ist von einer atemberaubenden, unterschwelligen Spannung geprägt. Immer wieder hielt ich den Atem an, weil ich die Ereignisse verdauen musste oder nicht glauben konnte, worauf man nach und nach zusteuert, wobei es zumindest für mich nicht vorhersehbar war.

Das Ende war überwältigend und gipfelt in einem Drama, das sich wie die schwarze Stille der Nacht über die letzten Seiten legt. Dieses Buch hat mich noch immer nicht losgelassen. Die authentischen Charaktere, dieser ruhige und dennoch packende Stil, der greifbare Realitätsbezug und die einnehmende Aufbau machen „Motel Terminal“ zu einem Roman, den man sicher nicht so schnell vergessen kann und der bei Interesse unbedingt gelesen werden muss.

Für mich ist „Motel Terminal“ ein düsterer Roman der Meisterklasse, den ich kaum in Worte fassen und nur empfehlen kann.

 

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at