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Ermordet in Kehrsatz

Kehrsatz - Peter Beutler

Das alte Ehepaar Matter entdeckt in der Tiefkühltruhe des Nachbarhauses Schauriges: der Leichnam der eigenen Tochter ist darin verwahrt! Sämtlich Indizien deuten auf Julias Ehemann als Täter. Allerdings zeigt sich, wie aufgrund von Schlamperei und Bürokratie, schnell aus einem Tatverdächtigen ein Opfer wird. Es handelt sich dabei um einen wahren Kriminalfall, der in der Schweiz Geschichte schrieb.

In den 1980er-Jahren hat ein Mordfall nicht nur den kleinen Ort Kehrsatz, sondern die ganze Schweiz bis in die Nachbarländer erschüttert. Ein altes Ehepaar findet die Leiche ihrer Tochter Julia in einer Tiefkühltruhe, im Keller der Getöteten, verwahrt. Obwohl schon allein Fundort und die Rekonstruktion des Tathergangs für ordentlich Wirbel sorgen, wird dieser Fall teilweise aus ganz anderen Gründen bekannt: die Schweizer Behörden haben nämlich einen unschönen Pfusch gebaut, der die Qualität von Staat und Rechtsbehörden in Frage stellt.

Dieser Kriminalroman ist meiner Meinung nach eher als kriminalistischer Bericht zu lesen, auch wenn er nur auf wahren Begebenheiten basiert und einiges an Fiktion in die Handlung bringt. Dennoch ist der Ablauf originalgetreu aufgebaut, weil sich der Autor meiner Einschätzung nach sehr gut an die wirklichen Ereignisse hält.

Ermittler Willi Däpp steht als Protagonist im Vordergrund. Er ist mit dem Fall Julia Witschi betraut und geht den kleinsten widersprüchlichen Details auf den Grund. Allerdings wird nicht immer nur Däpp zur Seite gestellt, sondern es werden ebenso Ereignisse aus Tatverdächtigen Witschis Leben erzählt. Dabei kommt es auch dazu, dass ein allwissender Erzähler hinter manche Fassade zu blicken wagt. 

Allerdings fehlt allen Figuren jede Lebendigkeit. Es wird relativ trocken von den Ereignissen berichtet und während man zu Beginn noch der morbiden Faszination des Mordfalls unterliegt, merkt man rasch, dass sich der Autor für einen berichtartigen Stil entschlossen hat. Es fällt schwer, sich in Personen, Umstände und den Hergang hineinzuversetzen und ich hatte das Gefühl als würde ich teilweise einen Polizeireport lesen.

Interessanterweise spricht der Autor diesen Stil sogar selbst in diesem Roman an, daher denke ich, dass er bewusst gewählt wurde, vielleicht, um den Ereignissen von damals gebührendes Gewicht zu verleihen:

„Sie verstehen es, aus dem spannendsten Kriminalfall eine Einschlafgeschichte zu machen.“ (S. 222)

Unabhängig vom Stil, reisst „Kehrsatz“ bei vielen Schweizern bestimmt alte Wunden auf. Peter Beutler legt den Finger darauf, zeigt, mit welcher Willkür die hohen Herren der Bürokratie mit Zeugen und Indizien umgegangen sind, und mit welcher Fahrlässigkeit Urteile gefällt wurden. Dabei werden die Ereignisse bis ins Jahr 2015 verfolgt, wo es zu einer überraschenden Wende in der Geschichte kommt.

Besonders erwähnenswert sind für mich die Einblicke ins schweizerische Rechtssystem, wo Mordverdächtigen zum Beispiel ein Fürsprech statt des Rechtsanwalts gestellt wird, der Zivilschutz hohes Gewicht hat, und Mord tatsächlich verjähren kann. Einblicke dieser Art haben dieses Buch trotz der anstrengenden Erzählweise durchaus lesenswert gemacht, wenn man sich auch keinen üblichen Kriminalroman erwarten darf.

Leser, die sich gern mit wahren Kriminalfällen auseinandersetzen, hinter die willkürliche Polizeiarbeit der 80er-Jahre blicken und mit dem Rechtssystem der Schweiz beschäftigen möchten, werden trotz meiner Kritikpunkte eine interessante Interpretation des Falles Julia Witschi, ermordet in Kehrsatz in der Schweiz, darin zu finden wissen. 

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at