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Wenig Dystopie, viel Gefühl

Artikel 5 (Artikel 5, #1) - Kristen Simmons, Frauke Meier

In den USA der Zukunft wird Moral groß geschrieben. Ein totalitäres System wird durch die Moralmiliz gnadenlos durchgesetzt. Die amerikanische Kirche ist Gesetz, die unter anderem auf die althergebrachten Geschlechterrollen pocht und ihren moralischen Kodex so weit treibt, dass uneheliche Kinder keine Staatsbürger sind. Genau dieser Artikel trifft auf Ember zu, weil ihre Mutter nie mit ihrem Vater verheiratet war. Nun droht ihrer Mutter Bestrafung und Ember selbst wird in eine Besserungsanstalt gesteckt. Wird sie sich diesem System unterordnen?

Kristen Simmons hat für ihre Dystopie einen interessanten Ansatz gewählt. Das Amerika der Zukunft tritt noch moralischer auf als es ohnehin schon ist. Jugendliche dürfen sich nicht berühren, wer bei Verstoßen erwischt wird verschwindet von der Bildfläche und die Gesetze greifen sogar bis in die Vergangenheit zurück. Denn Artikel 5 besagt, dass nur Kinder verheirateter Paare vollwertige Staatsbürger sind, und deshalb muss Ember auf einmal in eine Besserungsanstalt.

Die Realität in dieser Dystopie sieht allerdings anders aus. Und hier habe ich mir etwas schwer getan, weil die Autorin so inkonsequent in der Umsetzung war. Ember landet in der Besserungsanstalt, wo sie eigentlich zu einer moralisch einwandfreien Bürgerin werden soll. Aber ihr Umfeld hält sich nicht an die eigenen Regeln. Dies ist quer durch die ganze Handlung der Fall. Daher frage ich mich, warum all diese Menschen, die gegen die Gesetze verstoßen, der Moralmiliz locker entkommen, während genau das Ember und ihrer Mutter zum Verhängnis wird. Geht es nur darum nach Außen den Schein zu wahren? Oder haben Ember und ihre Mutter einfach Pech gehabt?

Außerdem nimmt die Beziehungsebene sehr großen Raum in der Handlung ein. Im Klappentext wird Embers große Liebe Chase bereits erwähnt und mit ihm gemeinsam ist sie in der Bredouille gelandet. Meistens geht es darum, Chases Verhalten Ember gegenüber zu deuten, die ihn als undurchschaubar empfindet. Allerdings war mir sofort klar, was sich hinter seinem Gebaren verbirgt. Hier muss man Ember zu Gute halten, dass sie eben ein 17jähriges Mädchen ist, das noch kaum Lebenserfahrung hat, und es ihr vielleicht deshalb so schwer fällt, ihr Gegenüber einzuschätzen.

Mir persönlich war diese Beziehungsebene einfach zu viel und ist zu sehr im Vordergrund geblieben. Meiner Meinung nach hat der dystopische Charakter nur den Rahmen für eine Liebesgeschichte im Teenie-Stil geboten und die Haupthandlung hat sich zwischen den Figuren Ember und Chase abgespielt.

Das letzte Drittel war aber dennoch spannend, weil diese Welt ein bisschen genauer betrachtet wurde und Ember einen Teil ihrer Naivität aufgegeben hat. Es haben sich interessante Einblicke ergeben und man konnte endlich etwas hinter die Kulissen dieser Dystopie schauen.

Der Schreibstil der Autorin ist sehr gut. Es liest sich locker und ist aus Embers Perspektive geschrieben, sodass man immer an ihrer Gedankenwelt - die sich viel zu sehr mit Chase beschäftigt - teilhaben kann.

Insgesamt hatte ich mir mehr Dystopie und weniger Gefühl erwartet und finde es schade, dass die Autorin ihr System nicht gnadenlos umgesetzt hat. Dennoch hat sie einige spannende Momente und faszinierende Ideen zu bieten, die mir gefallen haben. Ich denke, dieses Buch richtet sich in erster Linie an junge Leser, die eine Liebesgeschichte in spannendem Umfeld mögen, und sich mit überzogenen Moralvorstellungen auseinandersetzen möchten.

 
 
Die Reihe:
1) Artikel 5
2) Das Gesetz der Rache
Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at