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Eine große Dystopie

Der Report der Magd: Roman - Margaret Atwood, Helga Pfetsch

Dienerin Desfred ist in einem totalitären Staat gefangen. Menschen - vor allem Frauen - sind ihrer Persönlichkeit beraubt und siechen im Leben in Staatsgewalt dahin. Doch es gibt eines, was der Magd Desfred niemand nehmen kann: ihre Hoffnung.

In „Der Report der Magd“ geht Margaret Atwood nicht nur eine beängstigende Zukunftsvision sondern ernste, ergreifende Themen an. Es geht um Feminismus, um die Freiheit, eine Persönlichkeit zu werden, und um das Recht darauf, ein eigenständiger Mensch zu sein.

Desfred ist eine Magd und wird einem neuen Haushalt zugeteilt. Sie berichtet von ihrem Leben, ihren Tagen, ihren Aufgaben und Pflichten sowie ihrer Stellung im Haus und in der Gesellschaft. Nach und nach tritt die Enge, die Würdelosigkeit und die Bedrohung des Systems hervor.

Wichtig ist, dass man sich hier keinen historischen Bericht erwartet, sondern von Vornherein auf eine Dystopie eingestellt ist. Der Begriff ‚Magd‘ lässt vielleicht an vergangene Zeiten denken, wird aber in seinem Grundsinn für Frauen wie Desfred in dieser Gesellschaft verwendet. 

Desfred ist an und für sich eine Kämpfernatur, auch wenn sich kaum Gelegenheit dazu ergibt. Sie zählt zur ersten Generation von Mägden, die einst in einer freien Gesellschaft gearbeitet, geliebt und gelebt haben. Damit ist es vorbei und die Menschen müssen die totalitäre Freiheit im neuen Staatsgefüge über sich ergehen lassen.

Dabei zeigt Atwood, wie aus guter Absicht ein um sich greifender Schatten entstehen kann. Denn Desfred blickt auf ihr Leben davor zurück, als Frauen einst gegen die Stellung als (Lust-) Objekt gehadert haben. Nun hat sich die Gesellschaft selbst vom Regen in die Traufe manövriert. 

Als Leserin ist es mir richtig schlecht gegangen als ich von Desfreds Alltag erfahren haben. Es geschieht Unsagbares, Unvorstellbares, was ich mir in meiner jetzigen Situation nicht einmal vorstellen kann. Dabei spielt Atwood geschickt mit Ambivalenz, indem sie Desfred ihrer Weiblichkeit beraubt und sie gleichzeitig genau auf diese reduziert.

Eingangs ist mir die Orientierung sehr schwer gefallen, weil man ohne jede Erklärung mit Desfred in den neuen Haushalt versetzt wird. Durch kurze Blicke in die Vergangenheit, durch ihre Erinnerung und den laufenden Ereignissen, reimt man sich nach und nach zusammen, was denn überhaupt geschehen ist. Auf diese Weise erfährt man, wie dieser Staat und sein gesellschaftliches Gefüge funktionieren können.

Margaret Atwoods Schreibstil übertrifft sich selbst an erzählerischer Eleganz. Die Sprache ist blumig, dicht, mutet literarisch an und schlägt unvermutet in einer Rohheit zu, dass man sie wie einen Schlag ins Gesicht spüren kann.

Meiner Meinung nach reiht sich Atwood mit „Der Report der Magd“ bei den großen Dystopien unserer Gesellschaft ein. Sie stachelt an, verdreht, ängstigt, fesselt und regt zum Nachdenken an.

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at