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Echt schräg.

Gauklersommer - Richard Betzenbichler, Joe R. Lansdale

Cason Statler kehrt als gescheiterte Existenz in seine Heimatstadt zurück. Einst war er ein angesehener Journalist, mittlerweile ist er froh, zumindest bei der Lokalzeitung eine Stelle zu haben. Dabei kommt er dem ungeklärten Verschwinden einer Studentin auf die Spur, was ihn endgültig aus den Angeln heben wird.

"Gauklersommer" ist auch unter dem Titel "Gluthitze" erschienen. Es handelt sich um einen exzellenten, großartigen, unglaublich guten Roman, den ich kaum einen Genre zuordnen kann.

Cason ist ein kaputter Typ. Als Kriegsveteran versucht er im Alkohol Frieden zu finden, weil ihm das Kriegsgeschehen keine Ruhe lässt. Er war einmal für den Pulitzerpreis nominiert, was ihm zumindest die Stelle bei der hiesigen Zeitung einbringt. Ansonsten ist vom alten Glanz nichts übrig geblieben, weil er selbstironisch dem Alkohol fröhnt, und sich schon mehr als einmal eingepinkelt hat.

Doch dann kommt er dem Verschwinden der Studentin Caroline auf die Spur, und sein Leben ändert sich grundlegend.

Wie schon eingangs erwähnt ist es schwierig, das Buch einem Genre zuzuordnen. Genauso kompliziert ist es, die Handlung grob zu umreissen, und eine Rezension zu schreiben. Zumindest kann ich sagen, dass es eine sehr aufregende, gleichzeitig herzerweichende sowie derbe Geschichte ist. Es geht um Familienbande, Erpressung und es werden eine Menge Spielchen gespielt. 

Protagonist Cason ist ein Hammer, den man erstmal verdauen muss. Von der ersten Seiten an ist er mir sympathisch gewesen, obwohl er existenziell ganz unten ist. Ich konnte mir richtig vorstellen, wie ihm der Alkoholdunst aus den Poren kommt, und wie er einen geruchsintensiven Eindruck hinterlässt. Er ist unrasiert, ungepflegt, und eigentlich ist ihm alles egal. Aber er weiß, dass es ihm nicht egal sein darf. Denn hinter dem zerstörten Erscheinungsbild hat sich doch noch etwas vom alten Cason versteckt, der Paroli bietet, mit Sarkasmus reagiert, und dem man nichts vorgaukeln kann. 

Für mich ist Cason Statler das Porträt einer zerstörten Person, die hinter ihrer derben Fassade einen respektablen und sympathischen Menschen versteckt, den man - trotz oder gerade wegen seiner Macken - ins Herz schließen muss. Obwohl sein Leben auf Umwegen verläuft, ist er geradlinig und direkt geblieben, wovor man den Hut ziehen muss.

Die Handlung an sich ist derart einzigartig, dass ich gar nicht weiß, wie ich es beschreiben soll. Was eingangs noch wie ein typischer Thriller beginnt, spitzt sich zu einer Geschichte über familiäre Verhältnisse zu und wird mit angedeuteten Splatter-Elementen gespickt. Sobald etwas passiert ist, dachte ich, Lansdale und das Geschehen durchschaut zu haben. Allerdings kommt man da nicht wirklich drauf. Eigentlich habe ich mir nach jedem Kapitel "Jetzt wird's schräg" gedacht, und festgestellt, dass die Story sogar noch "echt schräg" werden wird. 

Lansdale hat mir spätestens mit diesem Buch gezeigt, dass er tarantino-mäßig Geschichten erzählt. Es wird gemordet, gelacht, es werden Leichen drapiert, und derbe Dialoge geführt. Dabei hebt er sich von vorgegebenen Genres ab und zieht beim Mainstream mit erhobenem Haupt vorbei. Für manche ist es Pulp, für mich ein genialer Meisterstreich, und damit äußerst empfehlenswert!

Quelle: http://zeit-fuer-neue-genres.blogspot.com